20.04.2018 - 16:31 Uhr

Zum Ostermonat die vorläufig letzte Folge meiner „Banalanga“-Serie. Die Chefin hat es erwischt, der Golfvirus ist ausgebrochen - und dann erwischt sie mich... Bericht aus dem Kloster, in das ich mich zurückgezogen hatte...

Die Geschichten aus meiner Zeit als Mitarbeiter eines naturheilkundlichen Fachverlages erschienen ursprünglich als Kolumnen in einem Heilpraktiker-Magazin. Eigentlich sollte ich dröge Heilpraktiker mit Marketing-Tipps aufpulvern, aber wie das bei mir so ist, kam alles ganz anders. Längst nicht alle Geschichten haben etwas mit Golf zu tun, aber manche schon. Anke unser Azubi ist meine Kumpelin im Verlag, ich bin das Haus-Faktotum und darf den Damen als Redaktions-Geisha Tee servieren...mittlerweile macht sich die Chefin rar...was ist los?

 

Das Kronen-Chakra

Liebe Anke, danke für Deine lieben Grüße. Ja, die Gerüchte stimmen, ich bin in einem Kloster und ich schreibe Dir gerne, was geschah, aber das bleibt unter uns, okay?! Banalanga von Eugen Pletsch Cover: Peter Ruge

Es passierte an dem Tag, an dem du zur Schulung warst. Ich hatte den Redaktionsdamen einen Tee serviert, der ihnen süße Träume und mir eine Weile Ruhe schenken würde. Dann habe ich mich zurückgezogen, um Kundalini-Yoga zu praktizieren. Ich wollte erstmals Sahasrāra (mein Kronen-Chakra) öffnen, denn ein geöffnetes Kronen-Chakra, so las ich im Internet, führt unter anderem zu „treffsicheren Intuitionen“, was für einen Adepten des Golfweges überaus wichtig ist. Leider klappte es nicht. Da kam mir der Satz des Zen-Meisters Huangbo in den Sinn: „Zäume den Geist nicht von hinten auf!“

Könnte das bedeuten, dass ich das Kronen-Chakra nicht von unten, sondern von oben öffnen müsste? Aber wie? Während ich nachdachte, erschien eine Meldung der satirischen Website Der Postillion auf dem Bildschirm: Danach würden Ärzte bis zum Ende der Golfsaison streiken, um an ihrem Golf-Handicap zu arbeiten.

Zum Artikel gab es ein paar Kommentare und ich schrieb spontan:
„Da viele Erkrankungen auf Behandlungsfehler und Medikamentenvergiftungen zurückzuführen sind, wäre ein Ärztestreik ein guter Schritt Richtung Prävention und Volksgesundheit. Bei Ärztestreiks sinkt bekannter Weise auch die Mortalitätsrate, wodurch die Deutschen langsamer ,aussterben’ würden. Andererseits sind noch mehr Ärzte auf Golfplätzen unzumutbar. Ich finde, der offizielle Golf-Tag für Ärzte (Mittwoch) muss ausreichen, zumal sich die von Ärzten hervorgerufenen Staus auf den Golfplätzen (ähnlich wie in Wartezimmern) oft erst am nächsten Tag auflösen.“*

Gerade hatte ich auf Senden gedrückt, als mich die Chefin via Sprechanlage in ihr Büro bat, um mich einer Anzeigenkundin vorzustellen, die Bakterien zur Optimierung der Darmflora herstellt. Die Dame wirkte sehr betucht. Kein Wunder, wenn man aus Sch… Gold machen kann.

„Wir haben uns spontan entschlossen, zum Golfclub zu fahren. Wie wär‘s? Möchten Sie uns begleiten?“

„Sie spielen jetzt Golf?“ fragte ich scheinheilig.

Seit dem Firmenturnier hatten wir das Thema Golf nicht mehr gestreift.

„Ich habe die Platzreife in einem Wochenend-Kurs gemacht. Ich bin jetzt eine waschechte Golferin!“ sagte sie stolz.

Ich gratulierte höflich, ohne auszuführen, was ich von solchen Golfkursen hielt, die einen ähnlichen Tiefgang haben wie ein Wochenendkurs in Akupunktur.

„Ich habe mein Golfbesteck nicht dabei“, wand ich ein.

„Das macht nichts. Sie sollen uns als Caddie begleiten.“

„Als Caddie?“ Ich schluckte. Durch das Fenster schimmerte ein herrlicher Spätsommertag, den ich lieber im Garten auf meiner Yoga-Matte verbracht hätte, um mein Kronen-Chakra anzupicken. Aber es ist wohl mein Karma, immer wieder auf dem Golfplatz zu landen.

„Aber ja doch, gerne“, log ich.

„Na, dann los.“ Die Chefin hatte gerötete Wangen (!), schnatterte wie ein Teenager und sprach mit ihrer Bekannten während der Fahrt nur über ihr neues Hobby. Ihre einst so durchgeistigte Lichtgestalt war mir ehrlich gesagt lieber gewesen. Wir erreichten einen öffentlichen Golfplatz und nach Erledigung der Formalitäten im Clubhaus zogen wir los. Die Damen quälten sich ein Stündchen über die ersten vier Bahnen, während ich ihre Bälle suchen durfte und dabei ihr treffliches Spiel lobte.

„Sie sind wahrlich echte Talente! Ich gehe sogar so weit, zu sagen: Da sind zwei Meisterinnen vom Himmel gefallen!“ schleimte ich. Solche Lügen benutzen Golflehrer häufig, um hoffnungslose aber solvente Anfänger dauerhaft an den Haken zu bekommen.

In einem zähen Zick-Zack-Kurs ging es weiter, liebe Anke, bis wir zur siebten Bahn kamen, wo es dann passierte: Die Chefin stand auf dem Abschlag. Ich ging hinter einem Busch in Deckung, denn sie schwang ihren Schläger mit einer Wucht, die ich ihr nie zugetraut hätte. Normalerweise hoppelte ihr Ball, sofern sie ihn überhaupt traf, 30 Meter über die Bahn, um sich dann im dicken Gras vor ihr zu verstecken. Auch bei diesem Abschlag verschwand ihr Ball, aber diesmal himmelwärts. Das passiert, wenn man einen Ball unterschlägt. Ich hatte ihn nicht fliegen sehen, aber Sekunden später knallte mir die weiße Kugel derart von oben auf den Kopf, dass nicht mal ein ESM-Rettungsschirm geholfen hätte. Ich ging in die Knie, während die Damen den weiten Horizont nach einem Traumschlag absuchten. Schließlich entdeckten sie mich hinter dem Busch, wo ich mir stöhnend den Kopf hielt. Blut sickerte unter meinen Händen hervor. Sofort wurden mir Rescue-Tropfen eingeflößt.

„Geht es wieder?“ fragte die Chefin nach einem Moment. Sie schien ungeduldig. Offensichtlich wollte sie weiter spielen.

„Gnnnnhhhhhhrrrrgrr.“

„Oh, schau mal, da liegt dein Ball!“ sagte ihre Bekannte. „So ein Glück!“

„Ja, so ein Glück“, dachte ich. Ich kam mir wie ein Spielverderber vor.

Nach kurzer Diskussion (wegen der unerwünschten Strahlung) entschlossen sich die Damen, ein Mobiltelefon zu aktivieren, um im Clubhaus anzurufen. Mein Kopf dröhnte. Ich hatte starke Schmerzen.

„Können Sie alleine zurückfahren? Wir würden gerne die Runde beenden.“

„Ich komme schon klar.“

„Muss ich mir eigentlich einen Strafschlag zuzählen?“ hörte ich sie wie durch einen dicken Nebel fragen.

„Nein, aber du musst den Ball spielen, wie er liegt“, antwortete ihre Freundin. Der Ball lag in meinem Blut.

Jetzt, wo ich dir schreibe, ist der Schock einem gewissen Amüsement gewichen, denn schließlich war die Situation wirklich grotesk. Andererseits finde ich es unglaublich, wie sich eine spirituelle Persönlichkeit wie unsere Chefin nach ein paar Stunden Golf in einen egomanischen Zombie verwandeln kann. Aber ich war früher selbst nicht anders. Hatte ich Dir irgendwann mal mein Buch „Golf Gaga“ gezeigt? Es handelt von einem Pilotprojekt zur Behandlung der Golfsucht. In der ersten golfpsychiatrischen Abteilung einer deutschen Suchtklinik glaubte ich, als Dozent tätig zu sein. Erst später merkte ich, dass ich als Patient behandelt wurde. Ich weiß also, wovon ich rede … Aber die Geschichte geht ja noch weiter: Der Manager holte mich ab und brachte mich ins Clubhaus. Man drückte mir eine Mullbinde auf die Blutung, bis ein gewisser Dr. Blaschke auftauchte.

„Keine Hirnerschütterung, aber eine fette Platzwunde“, murmelte er. „Ist Ihnen der Himmel auf den Kopf gefallen?“

„So ähnlich“, sagte ich. „Meine Chefin spielt jetzt Golf.“

Er fragte mich nach meinem Namen und meiner Versicherung – vermutlich ein neurologischer Test, um festzustellen, ob ich noch richtig ticke. Als ich meinen Namen nannte, stutzte er.

„Sind Sie nicht der … so ein Zufall ...“, grübelte er laut.

Ich nickte geschmeichelt, weil ich dachte, er wäre einer meiner vielen begeisterten Leser, aber er fuhr fort: „Hatten Sie nicht gestern einen Diskussionsbeitrag zum Thema Ärztestreik veröffentlicht?“

„Ich …? Äh?“ Mir wurde mulmig. „Wissen Sie, ich schreibe sehr viel …“

„Wenn ich mich recht entsinne, schrieben Sie in Ihrem Kommentar, ein Ärztestreik wäre ein guter Schritt Richtung Prävention und Volksgesundheit.“

Ich schluckte. „Nun: Diese Aussage meint nicht die Notfallmedizin, die hervorragende Arbeit leistet …!“

„Na, dann leisten wir mal hervorragende Arbeit“, grummelte der Arzt. Er wirkte belustigt, während er in seinem Koffer kramte.

„Was machen Sie jetzt?“ fragte ich vorsichtig.

„Platzwunden auf Glatzen und nicht behaarten Körperstellen werden geklammert, Platzwunden auf einem behaarten Kopf werden genäht, wozu die Haare in der Wundumgebung abrasiert werden. Sie wollen doch nicht, dass Haare in die Wunde kommen, die eine Infektion hervorrufen, oder?“

„Nein, auf keinen Fall“, sagte ich und schüttelte dabei den Kopf, was sofort höllisch wehtat.

„Werden Sie das bei lokaler Betäubung machen?“

„Normalerweise ja“, sagte er und grinste diabolisch, „aber in Ihrem Fall sollten wir darauf verzichten, um unerwünschte Nebenwirkungen und Komplikationen zu vermeiden.“

„Ich bin sehr empfindlich und habe eine dünne Haut …!“

„Na, dann sind wir mit einer dicken Nadel umso schneller fertigt. Aber zuerst werde ich die Wunde großflächig freilegen.“

Mir war in dem Moment nicht ganz klar, was er damit meinte, aber ich hielt still. Dr. Blaschke lächelte, während er an meinem Schopf schabte. Dann zog er eine Spritze auf und piekte mir in die Kopfhaut. Erleichtert atmete ich auf. Also doch mit Betäubung. Ich entspannte mich.

„Ein Tampon unter der Naht wird die Blutung stillen. Der kommt dann mit den Fäden wieder raus. So, fertig“, sagte er nach einer Weile.

Ich bedankte mich. Er schaute verschmitzt und verabschiedete sich. Irgendwie hatte ich das Gefühl, er würde sich ein Lachen verkneifen. Nacheinander kamen mehrere Personen in den Raum, um nach mir zu sehen: Der Manager, die Clubsekretärin, eine Servicekraft … Alle schienen den Raum in kürzester Zeit verlassen zu müssen. Draußen hörte ich sie Prusten und Wimmern. Schließlich erhob ich mich von meiner Liege und schaute in den Spiegel. Ich sah aus wie Martin Luther mit einem Vogelnest auf dem Kopf, aus dem ein dickes, rotes Ei hervorquoll. Na und? Ehrlich gesagt war es mir egal, wie ich aussah. Mein Kronen-Chakra war endlich geöffnet und ich war der Erleuchtung wieder einen Schritt näher gekommen.

Dann kam die Chefin. Sie entschuldigte sich und bat, den Vorfall nicht im Verlag zu erwähnen. (Also pssst!) Dafür habe ich Urlaub und sie zahlt den Aufenthalt in diesem Franziskanerkloster, bis meine Tonsur nachgewachsen ist!

So, liebe Anke, das war‘s für heute. Halte die Stellung und lass es Dir gut gehen!

PS: Schreib mal wieder und – ach ja – denke daran, die Pflanzen (nicht zu oft) zu gießen.

 

Machts gut!

Eugen Pletsch

 

* Auch während Kardiologenkongressen sterben weniger Leut' ...http://jaha.ahajournals.org/content/7/6/e008230

 

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Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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