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Deutschland hilft
Endlich haben Deutschlands Golfer was zu lachen

Aus unserer Serie "Lesestoff für golffreie Tage" lest Ihr heute einen Auszug aus einem Gespräch, in dem mir Karl Janzen, was meine Haltung zum 'modernen' Golfsport angeht, kräftig den Kopf gewaschen hat...(ep)

Karl Janzen war in dem Jahr Mitglied im GC Bauernburg geworden, als ich meine Kur in Bad Berzich* an- und aus dem Club austrat. In der kurzen Zeit, in der wir uns kannten, hatte sich zwischen uns eine herzliche Freundschaft entwickelt, was mir in Golfclubs bisher nicht oft passiert ist. Was mich an Karl fasziniert, und zwar seit dem ersten Moment, als ich ihn kennenlernte, ist seine große Golfkompetenz und sein Respekt vor der Tradition des Spiels. Wenige Wochen nach meiner Ankunft in Bauernburg hatte ich ihn um ein Gespräch gebeten, um mit ihm über mein Buch zu sprechen.

„Wann immer du magst“, sagte Janzen, und so trafen wir uns an einem turnierfreien Nachmittag auf der Clubterrasse, wo er zufrieden in der Frühlingssonne saß und an seinem Apfelwein nippte.
„Na? Alles im Lot?“
„Yep.“

„Und? Du bist jetzt eine Weile hier – wie geht es dir dabei?“
Seine Frage überraschte mich, da wir uns fast täglich sahen und immer offen miteinander kommunizierten.
„Mir geht es gut. Sehr gut sogar. Die Arbeit beim Golftherapeutischen Pflegedienst (GTP) macht mir Spaß. Golf ist letztendlich auch nur eine Art von Therapie.“

Janzen lächelte. „Du hast vollkommen recht. Einerseits könnte man meinen, es gäbe wahrhaft Wichtigeres im Leben als die Probleme, die sich die Golfer machen. Ich denke auch oft: Haben wir sie eigentlich noch alle? Die Welt geht vor die Hunde und wir jammern rum, weil wir eine Bahn versiebt haben. Aber dann denke ich mir wieder: Niemand kann vor sich selbst fliehen. Egal wo du hingehst, du nimmst dich selbst mit. Sogar der Golfplatz kann auf diese Weise dem inneren Wachstum dienen
.“
„Sofern man bereit ist, die eigenen Prozesse zu reflektieren.“
„Stimmt – je nachdem, wie man es angeht. Man kann natürlich auch seinen Lebensabend vertrödeln.“
„Spielt es deiner Ansicht nach irgendeine Rolle, welche Ambitionen ausschlaggebend sind, um mit dem Spiel zu beginnen?“
„Wie meinst du das?“
„Na ja, ich meine, ob es eher sportliche oder gesellschaftliche Gründe sind? Denn wenn es nur gesellschaftliche Ambitionen sind, schließt sich die Frage an:
Will man Golf spielen, weil man sich als Teil einer Elite begreift oder weil man in seinem Statusdenken hofft, durch das Golfspiel Teil einer Elite zu werden?“
„Vielleicht habe ich dich nicht richtig verstanden, aber warum ist das relevant?“
„Weil mich interessiert, warum jemand mit dem Golfspiel beginnt. Bei manchen Leuten denke ich: Warum müssen die sich so quälen – und bei anderen denke ich sofort: Das passt!“
Janzen lächelte. „Warum auch immer jemand mit dem Spiel beginnt – wer sich darauf einlässt, wird bald in der Realität erwachen und den GTP aufsuchen.“
Da hatte er auch wieder recht.

„Was macht dein neues Buch?“, wechselte Janzen das Thema.
„Nach wie vor sammle ich Material. Vielleicht habe ich mich zu lange mit der Suche nach einem Ordnungssystem verzettelt. Der Verlag will eigentlich nur ein paar heitere Geschichten für Neugolfer, um die armen Kreaturen auf die Schrecken vorzubereiten, die ihnen bevorstehen.“
„Auf die Schrecken vorbereiten? Na, nun übertreib mal nicht!“
„Wie? Findest du es nicht äußerst fragwürdig, wie sich der Golfsport hierzulande entwickelt hat?“
„Das kann man so und so sehen. Wenn es nach dir ginge, würden wir immer noch im Tweed über einsame Küstenstreifen wandern, was wenig mit dem heutigen Golfspiel in den Metropolen zu tun hat.“
„Aber der Niedergang der Sitten, der Mangel an Etikette, immer mehr Hacker…“ Ich war kurz davor, mich aufzuregen, aber Janzen beschwichtigte mich, indem er seine Hand auf meinen Arm legte.
„Weißt du, was dir fehlt?“
„Das wollte ich schon immer wissen“, sagte ich ironisch und leicht verärgert.
„Dir fehlt das Vertrauen in die Größe des Spiels.“
„Wie meinst du das?“
„Du bist wie jemand, der reklamiert, dass Mozart nicht in der Hitparade gespielt wird. Es wird jetzt andere Musik gespielt.“
„Und was für welche!“, sagte ich spöttisch.
„Ja, was für welche, ist ein anderes Thema. Erst mal geht es darum, dass manche Leute Musik hören – oder eben Golf spielen wollen. Irgendwann schärfen sich die Sinne, sei es für bessere Musik oder für die heiligen Prinzipien, die unserem Spiel zugrunde liegen. Die Golfgöttin bestimmt selbst, wer ihr Mysterium entdecken darf.“
Ich ahnte, was mir Janzen zu erklären versuchte, aber es schmeckte mir nicht.
„Offensichtlich hält die Golfgöttin ihr Mysterium derzeit besonders gut verschleiert, nach allem, was ich derzeit auf den Plätzen erlebe.“
„Ach komm“, winkte Janzen ab. „Hast du bei deinem ersten Turnier immer gewusst, wo die Puttlinie eines Mitspielers verläuft? Hast du an jede Pitchmarke gedacht? Weiß du noch, wie schwierig es ist, wenn du bereits 9 liegst und dich ein Mitspieler als seinen Zähler fragt, ob er bereits 12 oder 13 Schläge hatte? Und weißt du noch, wie es war, als du noch keine Ahnung hattest, aber bereits vollkommen ergriffen warst, ohne zu wissen, dass du die zweite Hälfte deines Lebens diesem Spiel widmen würdest?“
„Aber …“
„Kein aber. Wer sagt dir, dass irgendein 54-Handicapper bei seinem 9-Loch-Turnier nicht den größten Spaß in seinem Leben hat, egal, wie er den Ball trifft?“
„Das mag sein, aber früher war eine gewisse Spielstärke gegeben.“
„Bist du sicher?“ Janzen zog die Brauen hoch. „Langsam gespielt wird seit Jahrhunderten. Das hängt davon ab, wie sehr ein Platz frequentiert wird. Weißt du, wie lange eine Runde auf der PGA Tour dauert – trotz der Zeitstrafen für langsames Spiel? Oft länger als unser Herrenmittwoch! Und wir haben hier keine Tourspieler. Es geht oft deshalb so langsam voran, weil die Plätze rund um die Metropolen voll sind. Wer etwas weiter aufs Land fährt, kann zu den meisten Zeiten durchaus noch flotte Runden spielen.
Häufig wird vergessen, durchspielen zu lassen, das mag sein, aber das ändert nichts daran, dass es zu jeder Zeit in jedem Land Menschen geben wird, die das Spiel wirklich kennenlernen wollen und sich aufmachen, um die Quellen zu finden, aus denen das Geheimnis strömt.“

Hm. Ich hielt es für besser, für einen Moment die Klappe zu halten. Wenn ich mir von jemandem – außer Grötschmann – etwas sagen lassen würde, dann von Janzen, einem Golfer von altem Schrot und Korn. Er fasste noch mal nach:
„Es wird immer neue Generationen von Spielern geben, die Golf nicht aus Imagegründen, nicht aus elitärem Klassenbewusstsein oder geschäftlichem Interesse spielen, sondern weil sie diese besonderen Momente der Stille lieben, in denen sie mit sich und ihrem Ball allein da draußen sind, um dem Wind, dem Regen und dem eigenen Unvermögen zu trotzen. Wer diese Momente nicht wahrnimmt, hat das Wesentliche verpasst. Mit einem hast du jedoch recht: Je mehr das Spiel mit verwirrendem Quatsch überfrachtet wird, umso schwieriger wird es, die Essenz zu schmecken.“

Schließlich sprach er noch mal mein Buch an. „Golfertypen – hast du etwas darüber herausgefunden?“
Ich nickte: „Was ich noch nicht weiß, ist, ob normale Menschen durch das Spiel im Laufe der Zeit zu Golfern werden oder ob manche so auf die Welt kommen. Biologisch unterscheidet sich der Golfer von anderen Menschen vermutlich nur dadurch, dass er im Gehirn andere Synapsen ausgebildet hat.“
„Immerhin. Das würde diese Autoaufkleber Ich bremse auch für Golfer rechtfertigen“, sagte Janzen lachend.
„Den Golfertypen, die ich hierzulande treffe, kann ich fast überall auf der Welt begegnen. Vielleicht ist der Golfer eine globale Mutation.“
Ich erzählte ihm von den Schweden im Golfclub Furnas und fuhr dann fort: „Golfer mögen sich durch regionale Einfärbungen und verschiedene Sprachen unterscheiden, aber wenn der Ball weg ist, fluchen und jammern sie global einheitlich. Auch die Rituale sind überall sehr ähnlich, was sich aber nicht mit den weltweit einheitlichen Golfregeln erklären lässt, im Gegenteil: Etikette-Verstöße, Betrügereien, Bekleidungs-Codes, gesellschaftliche Rituale – gerade das, was nicht im Regelbuch steht, manifestiert sich überall gleich. Es sind überall die gleichen Schlägertypen, die dem Ruf der Fairways folgen und dabei mit mehr oder weniger Geschick versuchen, ihren Ball Richtung Fahne zu treiben. Sie hacken sich durch Wald und Flur, stromern über dürre Küstenstreifen oder wandeln mit leerem Blick durch zauberhafte, subtropische Märchenwelten
. Wo immer Golfarchitekten Löcher graben, werden Golfer kommen, um ihre Bälle darin zu versenken.“
„Und danach ziehen sie zur Tränke, um sich gegenseitig ihr Leid zu klagen. Das war so, das ist so und wird immer so sein“, ergänzte Janzen. Dann sagte er unvermittelt: „Wollen wir?“
Ich nickte und wir holten unser Golfbesteck, um das zu tun, was wir seit Jahrzehnten nicht lassen können.

Logbucheintrag: Spielte eine delikate Runde mit Janzen. Delikat insofern, als wir zwei Mitspieler hatten, die sich nicht grün waren. Karl-Heinz Schröck war anlässlich der Seniorenclubmeisterschaft von seinem Mitbewerber Max Donar als „breitärschiger Fettsack“ bezeichnet worden, woraufhin den das große Zittern überkam. Aber auch Max Donar konnte die Clubmeisterschaft nicht für sich entscheiden, weil der dritte Mann im Flight, Dagobert Seicht, über das Erwachen ägyptischer Mumien als Zeichen des Weltuntergangs referierte. Als er Donar als Inkarnation eines grausamen Maya-Königs erkannte und ihn mit seinen Schandtaten konfrontierte, ergriff Donar die Flucht, zeichnete „No Return“ und Seicht wurde Seniorenclubmeister.

Auszug aus: "Achtung Golfer! - Schlägertypen in Wald und Flur"

 

* Siehe GOLF GAGA

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