vergrößernresetverkleinern
Deutschland hilft
Endlich haben Deutschlands Golfer was zu lachen

Da ich ‚zielorientiert‘ spiele, liegt mein Drive Mitte Bahn. Es kann sein, dass ich ausnahmsweise auf die Idee komme, über meinen Griff oder Schwung nachzudenken. Dann kann es auch mal passieren, dass ich meinem Ball, wie viele ‚schwungfixierte‘ Spieler verziehe….

Falls ein provisorischer Ball nötig ist, spiele ich den (zumindest auf Kaffeerunden) sofort nach, weil ich ja weiß, dass dieser 2. Ball eigentlich nur Mitte Fairway liegen kann. So ist es dann auch meist.

Andere Spieler sollten jedoch eine kurze Pause machen, riet mir jemand auf der Runde und als ich nachhakte, meinte er, dass das Kurzzeitgedächtnis eine Information ca. 10-20 Sekunden hält. Das gilt auch für einen falschen Schlag. Die Wiederholunggefahr wäre deswegen sehr groß, denn der Schlag wäre ja noch im Gedächtnis. Würde man entsprechend  warten oder nähme einen anderen Schläger entstände eine andere Vorstellung zum Schlag. Dadruch würde in anderer Bewegungsablauf geladen.
Das erschien mir plausibel, aber ich wollte es noch mal etwas genauer wissen und fragte bei dem leider mittlerweile verstorbenen Mentalcoach Dr. Wolfgang Kuner nach. Hier seine Antwort...:

Lieber Eugen,

lassen wir, der Einfachheit halber, mal die hier angesprochene zeitliche Strukturierung des Gedächtnisses - und deren Stimmigkeit - beiseite, zum einen, weil es unterschiedliche (differenzierende) Ansätze gibt, etwa sensorisches / Ultrakurzzeit-Gedächtnis, dann Kurzzeitgedächtnis, Arbeitsgedächtnis, Langzeitgedächtnis o.ä.. – und schauen uns an, aus welchen Quellen sich ein sofortiges Ballhinschmeißen und Weiterdraufhauen speisen mag und welche Konsequenzen die hier empfohlene „Wartezeit“, bzw. abweichende Schlägerwahl hat.

Grundsätzliche Frage vorab: "10 oder 20" Sekunden des angeblich "hilfreichen" Verweilens im Kurzzeitgedächtnis machen wohl schon einen Unterschied, wenn man in diesen Kategorien überhaupt arbeiten will. Wem reichen denn 10 Sekunden und wer braucht vielleicht 20 oder 25? Und wie wird das festgestellt. Hier stockt‘s bereits.

Beginnen wir mit den Konsequenzen und der logischen Stimmigkeit der „Empfehlungen“: „Anderer Schläger“? Nun, entweder war die Schlägerwahl zutreffend oder nicht. Sofern zutreffend, was soll dann mit einem anderen Schläger erreicht werden? Lag’s am Schläger? Und wird mit jedem Schläger denn eine andere Schwungbewegung ausgeführt? Idealerweise doch gerade nicht. Einen zum jeweiligen Schlag passenden Schläger wählen zu können, lässt sich leicht trainieren – die Ursache nicht im Außen (Schläger), sondern bei sich zu verorten, nicht ganz so leicht.

„Zehn bis 20 Sekunden warten“? Und was in dieser Zeit tun? An den Schlag denken, die negativen Emotionen pflegen? Über den Score nachdenken oder anderweitig Destruktives? Je länger ein Vorgang nicht verarbeitet wird, desto größer seine Chance, sich im Langzeitgedächtnis niederzuschlagen. Die zahlreichen Traumata, bestimmte Löcher „nicht spielen zu können“ oder einen bestimmten Schläger, bevorzugt meist den Driver, nicht mehr, habe in diesem Verweilen, Pflegen und ‚Hineinwachsenlassen‘ ihren Ursprung. Es geht nicht um passives Abwarten, sondern um aktive Schlagverarbeitung – im Positiven wie Negativen. Je negativer ein Schlag mit Emotionen behaftet wird, desto schneller und tiefer gräbt er sich ins Gedächtnis ein und wird – um uns vor Gefahr zu schützen, sich in passenden Situation von alleine aktualisieren.

Abgesehen davon: was für eine regelferne Idee. Stellen wir uns vor (oder lieber nicht), dass jeder nach jedem Mishit 10 – 20 Sekunden steht, wartet und dann irgendwie weitermacht.
Die zwischenzeitlich eh zu langsamen Rundenzeiten verkämen zum Stillstand, diejenigen, die noch Golf nach Regeln und mit gewissem Können spielen, werden von den Gegenteiligen bestraft und ausgebremst und das Regelwerk, insbesondere die Vorgabezeiten des Spiel- und Wettspielhandbuches von 50 / 40 Sekunden einer gestatteten Schlagdauer, völlig außer Kraft gesetzt.

Der diesem möglicherweise wohlwollenden, gleichwohl naiven und kontraproduktiven  „Pausen“-Rat zugrunde liegende Gedanke, dass eine Schlagverarbeitung stattfinden muss, ist zutreffend: allerdings aktiv, nicht passiv.

Dazu gehört eine auf den jeweiligen Spieler abgestimmtes und zu ihm passendes Procedere bezüglich Schlagvorbereitung, – Durchführung UND – Nachbereitung, gemeinhin unter „Routine“ gefasst. Wohlgemerkt: auch Schlagnachbereitung (darüber reden wir hier gerade), die in 3 – 5 Sekunden abgewickelt ist und in welcher selbst intensive Emotionen dann aufgelöst sind. Selbst ein "Trauma" kann dabei emotional aufgelöst werden, das geht in 3 Sekunden, dafür gibts zahlreiche Tools, die individuell zum Spieler passend ausgewählt wurden. Oder anders: die Routine der Schlagverarbeitung komplett beenden und dann die nächste beginnen. Das finge z.B. schon damit an, dass ein Schlag ohne Erwartungen ausgeführt wird, auch das lässt sich trainieren. Komplett abwickelbar in einem Zeitfenster von 30 Sekunden.

Ein "versemmelter" wie gelungener, also jeder Schlag wird zunächst abgearbeitet mit den Fragen (a) was dran gestimmt hat (ja, das ist ernst gemeint, will das aber jetzt nicht in extenso erläutern) und b) worauf beim nächsten Schlag besonders zu achten ist (diese Antwort lautet nicht: „nur nicht wieder ins Aus“, sondern ist prozessbezogen, z.B. Ziel oder Tempo oder Stand oder ...). Lässt sich relativ leicht trainieren.

Und es gehört dazu, die Basis bearbeitet zu haben, auf der überhaupt Spiel und Schlag stattfinden. Will heißen: Einstellungen bewusst und spielfördernd gemacht zu haben, bevor an Tee 1 überhaupt abgeschlagen wird. Auch machbar, mit etwas mehr Bearbeitungszeit, da Grundlagenarbeit. Es ist also nicht damit getan, von einen Standard-Tipp aus der NLP-, systemischen oder Klopf-Schrottecke anzunehmen, dass dies eine Lösung sein könne. Wer ständig Rückenschmerzen hat, kann ständig Tabletten nehmen oder mal nachschauen lassen, wo die Ursachen liegen und von dort her das Auftreten verhindern.

Womit wir beim Punkt möglicher Auslöser des sofortigen Wiederhinschmeißens und Draufhauens sind: zu starke emotionale Getroffenheit („Überenergie“) – führt zur Frage der Erwartungshaltung zum Schlag / Spiel, zu Score-orientiertem Spiel – führt zur Frage der hilfreichen Fokussierung, zu geringes Commitment („wird eh alles nix“ = „Unterenergie“), eine nicht dienliche Selbstprogrammierung („ob ich das hinkriege?“), bzw. Selbstbeschränkung, sich Gelingen über ein bestimmtes Maß hinaus nicht zugestehen können – um nur einige zu nennen. Es lohnt sich immer, individuell hinzuschauen, was da vorher in Kopf und Bauch ablief, wobei beim professionellen MentalGame Coaching viele Möglichkeiten sein können und dürfen, weil nicht mit Schubladen arbeitend.

Im Übrigen wäre die Frage, wo dieser Schlag stattgefunden hat, Tee oder Fairway, denn ggfs. schlägt vorher ein anderer seinen Schlag, was noch mehr an "Reinigungszeit" brächte – was letztlich nicht notwendig ist, aber immerhin regelkonform wäre. Zweite und provisorische Bälle vom Tee werden ja dann erst gespielt, wenn der Letzte abgeschlagen hat.

Noch eine Anmerkung zum Verweilen im „Kurzzeitgedächtnis“:  Ein professionell arbeitender MentalCoach legt Wert darauf, dass das Finish gehalten wird bis der Ball gelandet ist, weil sich solange der Geist noch im Schlagmodus befindet und dann die Bewegung erst beendet ist, was wichtig ist fürs Verinnerlichen / Analysieren / Lernen / Verändern von Schlägen.

Grundsätzlich lässt sich zusammenfassend sagen, dass der schlechte (aber auch überraschend gute, z.B. "15m Putt gelocht" = Euphorie) Schlag verarbeitet werden muss, um wieder spielfähig zu werden. Allerdings nicht passiv, sondern stets aktiv via Abbau von spielhemmenden Blockaden und Gedanken (wie gesagt, lässt sich mit relativ leichten Übungen trainieren).

Diese Verarbeitung ist jedoch nur dann (umfänglich) notwendig, wenn VORHER die zu fördernden und zulassenden Einstellungen / Erwartungen / Spielziele nicht so bearbeitet und trainiert wurden, dass die Notwendigkeit, einen Schlag überhaupt (heftig) verarbeiten zu müssen, auftritt. Auch hier hilft eine nicht allzu schwere Übung des Bewusstmachens und Änderns.

Denn: Das (zu) lange (und passive!) Verweilen in der frustrierten Emotionalität, (und da mögen schon 10 oder 20 Sekunden genügen, oft gepaart mit negativen Gedanken ("wusste es ja / schon wieder / Versager ...), führt zum genauen Gegenteil, nämlich dem Einbrennen dieser Situation ins Langzeitgedächtnis, weil mit negativen Emotionen gepaart, die schnelle Tiefenwirkung hinterlassen.

Einmal auf die heiße Herdplatte fassen, führt zum schnellen Lernen und Nie-Wieder-Tun durch permanente Erinnerung = abgespeichert im Gehirn.

Das ist letztendlich ein Überlebensmechanismus, der leider auch auf dem Platz zum Tragen kommt. Aus diesem Grunde können manche dann plötzlich keinen Driver mehr spielen oder versagen grundsätzlich an einem bestimmten Loch.

Wolfgang Kuner (†)
http://www.golfpower.info/

 

 

 

Bagger Vance