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Deutschland hilft
Endlich haben Deutschlands Golfer was zu lachen

Vor mehr als 20 Jahren merkte ich bei meinen Versuchen, den Ball zu treffen, dass es am Besten funktioniert, wenn man entspannt experimentiert, indem man abends auf der Driving Range hilft, Bälle einzusammeln. Heute nennt man das wohl 'Differenzielles Lernen‘, ‚Intuitives Golf‘, oder ‚Golf by Instinkt‘ ...

Am Abend, wenn die anderen saufen, muss der Clubsklave auf der Driving Range Bälle aufsammeln. Das geschieht meist mit einem speziellen Wagen, doch die Bälle rechts und links im Rough um die Range herum und zwischen den Bäumen müssen mühsam einzeln aufgesammelt werden. Mein Tipp: Helfen Sie ihm, falls gestattet, die Bälle zurück auf die Range pitchen. Das ist, neben Henry Cottons Methode, auf einen alten Autoreifen einzudreschen, die beste Übung, um die Finger- und Armmuskulatur zu entwickeln. Außerdem werden Sie dadurch ein guter Rough-Spieler, was für Anfänger erfahrungsgemäß das Wichtigste ist.

Wenn Sie auf den Platz dürfen, spielen Sie die meiste Zeit von Stellen, von denen Sie auf der Driving Range nicht einmal ahnten, dass es sie gibt. Also nehmen Sie ein Eisen und schlagen Sie viele Bälle aus dem Rough.
Ein weiterer Effekt: Wenn Sie jede Menge Bälle kostenlos zur Verfügung haben, löst sich der innere Krampf einen guten Schlag machen zu müssen, den man oft auf der Range hat. Chippen, schnicken und schwingen Sie nach Herzenslust durch den Ball. Einzige Bedingung: immer zu einem Ziel hin! Nehmen Sie bei jedem Schlag eine Markierung, die Sie anpeilen. Nach einer Weile merken Sie, dass Sie auch aus schwierigen Lagen vollkommen leicht zum Ziel schwingen. Sie können sich seitwärts stellen, schief stellen, auf ein Bein, ganz egal: Solange Sie zum Ziel schwingen und das Gefühl haben, dass es vollkommen egal ist, ob Sie treffen, wird der Ball in den meisten Fällen fliegen. Fassen Sie den Schläger höher am Griff oder tiefer. Experimentieren Sie. Halten Sie den Schläger mit aller Kraft und schlagen Sie. Was passiert? Nichts! Halten Sie den Schläger immer leichter, sodass er Ihnen schier aus den Fingern fliegt. Der Ball fliegt und der Schläger mit. Also: im Treffmoment etwas fester greifen.

Sie werden einen Ball, der hinter einem Grasbüschel liegt, automatisch steiler von oben anschlagen. Oder entdecken, dass der Ball weiter und flacher fliegt, wenn Sie den Schläger leicht nach links drehen (das Blatt schließen und dabei nach rechts zielen) und höher und kürzer fliegt, wenn Sie den Schaft nach rechts drehen (das Blatt öffnen). Sammeln Sie möglichst stressfrei Erfahrung. Das ist der Sinn dieser Abendübung. Kein Programm, keine Technik.

Nach einer Weile spüren Sie nur noch das Ziel zu dem Sie schwingen, und den Ball, der fliegt. Ihre Erleuchtung im vollkommenen Kreis Ihres Schwungs ist zum Greifen nahe. Aber noch näher sind die Pferdebremsen, denn Sie fangen an zu schwitzen. Sie entdecken, dass es nicht Kraft ist, die den Ball fliegen lässt. Wenn Sie zu viel machen und zu schwitzen anfangen, haben Sie Ihren Rhythmus verloren. Ihr persönlicher Rhythmus kann schnell oder langsam sein – aber er ist stets gleichmäßig. Immerhin haben Sie durch diese Übung die Erfahrung gewonnen, dass es ihn gibt. Ein gelungener Schlag gibt Ihnen immer ein gutes physisches und psychisches Feedback, lädt Sie auf. Schnelle, verkrampfte, verspannte Schläge rauben Energie. Swing slow, sweet chariot!

Ich habe Jahre um die verschiedensten Ranges herumgehackt, war Freund aller Platzmeister und habe später auf dem Platz nur selten ein solches Gefühl von Rhythmus und Harmonie gehabt, wie an diesen Sommerabenden. Wenn man es hat, merkt man es sofort, und es ist wie mit den Elfen: Man darf nicht reden, sonst sind sie fort.

Auszug aus: "Der Weg der weißen Kugel"

© by Eugen Pletsch, 2005

 

Auszug aus

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