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Deutschland hilft
Endlich haben Deutschlands Golfer was zu lachen

Der leider früh verstrobene Golfmental-Coach Dr. Wolfgang Kuner betrieb die Website GOLFPOWER. Sein Buch "Golf - Fokussieren auf den Schlag" erschien im blv-Verlag.

Der nachfolgende Text, den uns Dr. Kuner freundlicherweise zur Verfügung stellte, möchte dem Spieler den Einstieg in das Turnierspiel leichter machen....

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1) Erst mal relativieren: Was unterscheidet ein Turnier von einem Nicht-Turnier?
 
Um es kurz zu machen: nichts außer der Vorgabewirksamkeit.
Es gelten nach wie vor die Golfregeln, es geht nach wie vor darum, den Ball von A nach B zu spielen und es geht nach wie vor darum, den Platz mit der geringstmöglichen Zahl an Schlägen zu spielen.
 
Sofern also das HCP (damit letztlich der Score), das sich im Turnier verändern oder gleich bleiben könnte, als Mittelpunkt das Spiel selbst, den Prozess des jeweiligen Schlages oder Putts, verdrängt, gibt es außer der Frage, ob Sie damit leben können, gfs ein besseres oder schlechteres HCP nach dem Turnier zu haben, keine Gründe, ein Turnier zu etwas Besonderem zu stilisieren. Es geht bei jeder Golfrunde darum, so optimal zu spielen, wie es hier und heute möglich ist. Betonung auf Spielen, nicht auf Ergebnis.
 
Insofern unterscheidet sich eine „Privatrunde“ nicht von einer „Turnierrunde“. Es sei denn, wir machen diese Unterschiede. Im Kopf. „Vorstellungen bestimmen unser Verhalten“. Wir haben die Wahl, wie wir Dinge sehen, bewerten – und uns damit programmieren und in Folge agieren. Vorher wie dabei, wie nachher.
 
Es geht also zunächst mal um die Leit-Gedanken (die manchmal auch Leid-Gedanken sind).
Und darum, wie diese für sich so gestaltet werden können, dass die optimale Leistung erbracht werden kann (übrigens das Ziel der Arbeit im mentalen Bereich, beim MentalGame).
 
2) Dann vorbereiten
 
Den existentiellen Teil der Vorbereitung haben wir bereits gemacht: das, was wir zu tun gedenken, einzuordnen. Möglicherweise sorgt dies sogar dafür, dass die vielgerühmte „schlaflose Nacht“ vor dem ersten Turnier ausbleibt.
 
Die zweite Vorbereitung besteht ganz einfach darin, mindestens eine, noch besser viele Runden unter Turnier-Rahmenbedingungen bereits vor dem Turniertag zu spielen, als Turniertraining sozusagen. Also mit Zählen und Aufschreiben und ohne Mulligans oder „Mach-ich-nochmal“-Schlägen und anderen Erfindungen, die in keinem Regelwerk als zum Golf gehörig verzeichnet sind. Langfristiges Ziel für GolferInnen, die sich weiterentwickeln wollen, ist sowieso, nur noch Golfrunden zu spielen, die „Golfrunden“ sind und keine „Privat-„ oder „Turnierrunden“ (ja, die Leit-Gedanken sind wieder aktiv: denn wir entscheiden, welche Überschrift wir der jeweiligen Runde geben und werden dann auch entsprechend, lässig, schlampig, kontraproduktiv oder auch fördernd und fokussiert spielen).
 
Nächster Vorbereitungsschritt ist, die für sich passende Zeitplanung festzulegen, nachdem die Startzeit bekannt ist. Der Zeitraum wird so gewählt, dass alles, was vor dem Start zu erledigen ist, ebenso gemächlich wie konzentriert abgearbeitet werden kann. Wichtig ist dabei, keine außergewöhnlichen Maßnahmen zu treffen. Wer sich vor der Runde in 60 Minuten einspielt, macht dies auch vor dem Turnier so usw.. Zum Stichwort „Einspielen“: nur darauf kommt es an, Geist und Körper in den Spielfluss zu bringen. Das hat mit Training nichts zu tun, dafür ist es jetzt sowieso zu spät, dauert idealerweise maximal 45 Minuten und beinhaltet alle Spielbereiche (Putten, Chippen, Pitchen, Langes Spiel). Es kommt, sich einspielend, beispielsweise nicht darauf an, ob beim Putten der Ball fällt, sondern darauf, ein Gefühl für die Puttvorbereitung, den Bewegungsablauf und die Greenspeed zu bekommen. Also „in (den) Schwung“ zu kommen.
 
Ein weiterer Schritt der Vorbereitung ist, seinen Tank, sprich Magen, gut gefüllt zu haben. Gut heißt, soviel Treibstoff (bevorzugt langkettige Kohlehydrate mit niedrigem gykämischen Index) zu sich genommen zu haben, dass Gehirn (!) und Körper auch die erforderliche Leistung erbringen können plus ausreichend getrunken zu haben. Diese Füllung kann schon am Vortag beginnen. Warnung: Am Turniertag „turnierbezogen“, will heißen: deutlich anders zu essen / trinken als üblich, wäre dann wieder kontraproduktiv. Stichwort auch hier: in gewohnten Bahnen bleiben (sofern diese funktionieren).
Trinken vorher und während der Runde ist Pflicht. Ein Schluck Wasser nach jedem Loch eine gute Faustregel. Warum: Ab etwa 1.5% zu niedrigem Wasserhaushalt leiden Konzentrations- und Koordinationsfähigkeiten. Und wenn wir schon dabei sind: Lieber alle 3 - 5 Loch einen Biss in ernährungsbezogen vernünftiges Mitgeführtes als den (Zucker-, Junkfood- oder anderen) Nahrungs-Schock im Halfwayhaus.
 
Muss erwähnt werden, dass Golfbesteck, Bälle usw. Kleidung ausreichend vorhanden sind (und am Vortag bereits gepackt wurden)? Bälle, Tees, Ballmarker, Pitchgabeln dürfen gerne schnell griffbereit verstaut werden.
 
3) Zusammengefasst:
 
Wir wissen, dass wir eine Golfrunde spielen werden, bei der es (wie immer lediglich) darum geht, den Ball von A nach B zu spielen, dabei die eigenen Schläge und die eines Mitbewerbers zählend. Den Ablauf bis zum Turnierstart gestalten wir wie gewohnt vor einer Runde, Ziel ist, in gewohnten Abläufen zu bleiben und auch „gut genährt“ auf die Runde zu gehen (auch das sollte nichts Neues sein).
Wir sind uns im Klaren darüber, dass Neues auch nervös, ängstlich usw. machen kann und werten dies als Zeichen von erhöhtem Energiepegel, was wir einfach zur Kenntnis nehmen, um uns damit auch davon zu distanzieren. („Ja, das ist jetzt so, zurück zum Job des Schlages“). Angst ist in der Regel ein Warnsignal und soll heißen: „Achte mal besonders auf …“. Also: „… bloß nicht ins Aus“ will mir sagen, genau hinzuschauen, wohin ich zielen will / soll um dann dieses Ziel in den Mittelpunkt zu stellen. Vielleicht kennen Sie bereits einige Entspannungsmöglichkeiten, die dann bei der Vorbereitung des Schlages (und erst dann) eingesetzt werden. Im Übrigen ist ein Turnier (wie jede Runde) ein Test, der zeigt, wo Sie stehen. Nicht mehr und nicht weniger. Insofern kann ein Spielziel fürs Turnier auch sein, sich jetzt diesem Test mit Neugier und Engagement zu stellen, um anschließend ein Fazit zu ziehen. Sicher hilfreicher, als sich ein Score-Ergebnis vorzunehmen oder sich anderweitig unter Druck zu setzen. Zumal sich der Score aus den einzelnen Schlägen ergibt. Es also vernünftig wäre, sich diesen zu widmen.
 
Sich diesen zu widmen heißt immer, zu überlegen, wohin Sie wie spielen wollen und das dann zügig auszuführen. Betonung auf zügig. Auch der 5. Probeschwung ist kein Garant für den Erfolg. Im Gegenteil, spätestens beim dritten oder nach 15 Sekunden am Ball ist die Konzentration zusammengebrochen. Also eher: „Hin und Weg“ als „Gut Ding will Weile haben“.
 
Zum Umgang mit sich während der Runde: Sie werden „gute“ und „schlechte“ Schläge haben – die Frage ist lediglich, ob Sie sich daran zerfleischen oder übermütig werden oder professionell auswerten, ad acta legen und zum nächsten übergehen. Wir haben die Wahl. Also auf die Selbstgespräche achten.
Manche Mitbewerber haben Tendenzen, Ratschläge zu geben. Regeltechnisch ganz einfach: Informationen über Regeln, Entfernungen, Etikette sind ok (siehe Regel 8-1), alles andere ist „Belehrung“ (also welchen Schläger nehmen oder wie schwingen), die mit zwei Strafschlägen behaftet ist – für den der fragt und den der gibt. Und nochmal: dies ist keine Übungsrunde, um etwas auzuprobieren, sondern eine Testrunde. Also eher weghören, es sei denn, es geht um das Erlaubte und / oder nette Gespräche. Bei Regelfragen lieber einen sog. „Regelball“ spielen (Regel 3-1), als sich in Diskussionen einzulassen oder sich Strafschläge zuzuziehen, weil der vermeintliche „Regelkenner“ selbst keine Ahnung hatte. Fazit: nicht nur Distanz zu sich, sondern auch zu den übrigen im Flight anstreben.
 
Nach der Runde geht’s um den zentralen Punkt der Auswertung: festzuhalten, was Sie gut macht haben (ja, da lässt sich tatsächlich immer etwas finden) und was Sie, aufgrund der heutigen Erfahrung) trainieren werden. Und besonders wichtig: Anschließend diese Runde loszulassen, egal wie erfolgreich oder mißraten. Auch dafür gibt es bestimmte Techniken und Instrumente, die es sich lohnt, anzueignen.
 
Bleibt nur noch anschließend zu feiern, sich dem ersten Turnier gestellt und es überlebt zu haben und sich dafür (womit auch immer) zu belohnen.
 
Und noch eines: Sollte Sie zur Spezies der GolferInnen gehören, die zu golfen aus Spaß begonnen und Freude daran haben, kann es nicht schaden, sich vor, während und nach dem Turnier, zumindest gelegentlich, daran zu erinnern. Immerhin: alles ist frei(willig) – und die Gedanken sowieso (heißt es zumindest).

©  by kuner 06/2011
 
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