vergrößernresetverkleinern
Deutschland hilft
Endlich haben Deutschlands Golfer was zu lachen

Mein Plädoyer für die Tradition des Golfspiels ist ein Auszug aus einer Rede vom 15.6.2010 im Golfclub Eschenried.

(...) Man sagt: Golf ist eine Leidenschaft, die allzu oft nur Leiden schafft und der unlösbare Konflikt zwischen Wollen und Können wird auch dem besten Spieler auf jeder Runde offenbar. Aber seit Golf ein Breitensport wird, wird auch immer mehr in die Breite gespielt. Die Generation Platzreife bahnt sich ihren Weg durch Fairways und Gemüter.

Leider wurden viele dieser Breitensportler beim Kauf ihres Golfführerscheins nie darüber aufgeklärt, dass die Eintrittskarte zu einem Konzert nicht zum Mitsingen befähigt. Der Versuch des DGV, die Spielqualität zu fördern, indem man Normen schuf, hat das Gegenteil bewirkt. Seit die Platzreifeprüfung zum Geschäft wurde, verdienen sich smarte Professionals und Clubs ein nettes Zubrot damit, nach einwöchigen Platzreife-Kursen Golfführerscheine auszustellen. Und manchmal, gegen Bares und für Kumpel, geht es auch ohne Kurs.

Dafür haben wir jetzt sechs Stunden-Turniere, deren Ergebnisse nur ein Computer ausrechnen kann, allgegenwärtige Schummeleien und einen Golfgeist, der sich mittlerweile in einen Poltergeist verwandelt hat?
Als ich die erste Fassung meines Buches „Der Weg der weißen Kugel” veröffentlichte, lautete der Untertitel: „Notizen eines Barfußgolfer“.

Der Begriff Barfußgolfer bezog sich auf ein Interview, in dem der damalige Präsident des DGV, Jan Brügelmann, Carlo Knauss mit den Worten zitierte: “Wir brauchen viel mehr Barfußgolfer!“ Damit war die Öffnung einer Sportart gemeint, die bisher den Eliten vorbehalten war. Um den nächsten Bernhard Langer zu finden, so war die These, müssten sich die heiligen Haine der Privilegierten öffnen. Seitdem gab es für teures Geld etliche Initiativen, um den Golfsport zu fördern, jedoch wurde, aus meiner Sicht, ein Kleinigkeit übersehen:
Als sich die deutschen Golfvereine vor vielen Jahren erstmals im DGV konstituierten, um gemeinsam ihre Interessen zu vertreten, konnte man davon ausgehen, dass diese Interessen in etwa mit den Wünschen der Clubmitglieder identisch waren. Heute haben Golfclubs und Betreibergesellschaften eine ganz andere Interessenlage, als wir, das zahlende Fußvolk.

Wer vor 20 Jahren Golf spielen wollte, lernte als Erstes die Warteliste der Golfclubs kennen. Mittlerweile buhlen fast 700 Golfclubs um mehr als eine halbe Million Spieler. Da sich viele Clubs finanziell verhoben hatten, musste der DGV Marketingoffensiven starten, um die Kassen zu füllen.
Dabei sind potentielle Golfer eher an preiswerten, öffentlichen Spielmöglichkeiten interessiert. Aber die wurden nicht gebaut und leider gibt es niemanden, der die Interessenlage von uns Golfspielern vertritt.

Öffentliche 9-Loch Anlagen wurden erst viel später und mit VcG Geldern gebaut. Stattdessen wurden hoffnungslos überteuerte „Designer-Plätze“ konzipiert, an denen sich ein paar Architekten und Initiatoren gesund stoßen konnten und die meist unwirtschaftlich vor sich hin darben. Das Konzept Golfplatz bestand und besteht häufig darin, dass Investoren ein Ressort mit Luxus-Hotel kreieren, das erst nach dem 3. Konkurs einigermaßen profitabel arbeiten kann. Vardon, Ted Ray, Quimet, Sarazene, Ballesteros oder Langer sind übrigens nicht in Luxushotels zu Golfern geworden.

Gleichzeitig wurde mit diesen exklusiven Golfanlagen das negative Image verfestigt, das dem Golfsport nach wie vor anhängt. Das ist vielleicht ein Grund, warum Golf in Deutschland noch lange nicht als Breitensport verwurzelt ist. Golf ist, wie die höhere Schulbildung und der Universitätszugang – neuste Umfragen bestätigen das –  nach wie vor das Privileg von Besserverdienern (bzw. jenen, die sich als Besserverdiener durchbluffen können). Einige Clubfreie Golfer hatten sich vor 20 Jahren im DVG Overath organisiert, um die Monopolstellung des DGV aufzuweichen. Sofort wurde diese Organisation in den Golfmedien auf das Heftigste diffamiert und schließlich geschliffen, die DVG Spieler in den VcG eingemeindet. Diese Vereinigung Clubfreier Golfer, eine Kopfgeburt des DGV, wurde geschaffen, um die angeblichen Horden marodierender Briefkastengolfer an Beitragszahlungen zu gewöhnen. Das DGV-Mündel VcG wurde überraschend wohlhabend und darf seitdem für kostspielige Rechnungen, wie zum Beispiel die RC Deutschland-Bewerbung, aufkommen.
(Dafür, dass VcG Spieler die DGV-Aktivitäten subventionieren, dürfen die Parias des Golf nach dem „Prinzip der Gegenseitigkeit“ zumindest in manchen Clubs gegen erhöhtes Greenfees Golfen, aber das nur nebenbei.)
Was ich damit sagen möchte ist, dass die Öffnung der Clubs in den letzten Jahren keinesfalls aus dem sportlichen Gedanken heraus geschah, möglichst vielen „Barfußgolfern“ Spielmöglichkeiten zu  verschaffen – im Gegenteil: Die alten Clubs, die es nicht nötig haben, verschanzen sich und ihre drastisch erhöhten Greenfees kann sich nur noch eine Klientel von Glückrittern leisten, die Vielerorts als halbseiden bezeichnet wird.

Doch die meisten Clubs, die sich durch planerischen Größenwahn an den Bettelstab brachten, mussten umdenken. Den Kassenwarten mondäner Golfanlagen wurde offenbar, dass der Offenbarungseid nur eine Frage der Zeit sein würde, wenn man dem nicht mit Frischfleisch entgegensteuerte, wie der Neugolfer liebevoll in der Golflehrersprache genannt wird. Also musste man dem golferischen Pöbel schweren Herzens Einlass gewähren und der DGV bemüht sich seitdem im Kundenauftrag, möglichst viel Frischfleisch mit dem Golfvirus zu infizieren.

Frei nach Karl Marx bestimmt der Schein das Bewusstsein. So entstand eine neue Kaste von After-Work- und Neunlochgolfer, denen man mit dem Golfführerschein ein neues Prestigeobjekt vorgaukelte, das man nach Trauschein, Segelschein und Flugschein einfach haben muss. Dem knappen Zeitbudget dieser Light-Golfer, die neben Beruf, Partner und Kind auch noch einen Sport managen müssen, kommt die Golfindustrie entgegen: Die neue golfdidaktische Offensive der PGA beschränkt sich darauf zu lehren, wie man Verletzungen mit dem eigenen Schläger vermeidet.
Im „Manager-Magazin“ lesen wir, dass man nach zwei Tagen Hackerei im Kurs eines Reiseveranstalters auf 80 Golfanlagen Deutschlands spielberechtigt ist, wobei diese Spieler, so füge ich hinzu, nur jenen Golfern unangenehm auffallen werden, die ihr Handwerk in langen, mühseligen Jahren erlernten. Aber diese Saurier, denen es zumindest manchmal gelingt, Spielfluss mit Spielfähigkeit zu verbinden, werden bald ausgestorben sein. Bekannt ist, dass sich das durchschnittliche Handicap in den letzten Jahrzehnten, trotz aller technischen und golfdidaktischen Innovationen nicht verbessert hat.

Der unredlich verbreitete Glaube, dass der „Golfführerschein“ zum Spiel befähigt, verhindert die Auslese, die früher durch das Handicap 36 geschah. Heute darf jeder spielen. Das ist eigentlich schön, aber auch gefährlich und für sportliche Golfer ein Albtraum. Das Fortkommen auf dem Platz ist so schnell, wie es der langsamste Hacker es zulässt.
Es wäre also an der Zeit, sich über neue Konzepte der Startzeitenvergabe und die Aufwertung der Position eines Marshalls Gedanken zu machen, denn wenn sich der DGV nur auf die Neugewinnung von Spielern konzentriert und die Mitgliedererhaltung in den Golfclubs vernachlässigt, wird es ein böses Erwachen geben. Immer mehr gestandene Golfer haben von dem, was sich heute als Golf präsentiert, die Nase voll. Wir haben alle mal angefangen, aber in vielen Clubs ist ein Mindeststandard an Spielfähigkeit und Etikette zum Novum geworden; regelfeste Spieler werden mittlerweile als Erbsenzähler und Spaßbremsen diffamiert.

Soll Golf wirklich „das neue Fußball“ sein, wie es anlässlich der Ryder Cup Bewerbung fahrlässig kolportiert wurde. Ist Golf geil und nur noch zur Gaudi gut? Golf-Neulinge mit den geistigen Grundlagen unseres Spiels vertraut zu machen, wäre für den Stellenwert des Golfsports durchaus förderlich gewesen. Aber leider ist es für die Medien reizvoller, zum Beispiel über Doping zu spekulieren.

„Auch Golfer nehmen etwas“, wird gemunkelt. Nicht erst seit Golf olympische Disziplin ist, hat die Doping-Hysterie den Golfsport erreicht, aber Olympia-Medaillen haben immer zwei Seiten.
Was wird erst über unsere jungen Talente herein brechen, wenn sich Ryder Cup-Hoffnungen und olympische Träume zu einem giftigen Amalgam vermischen, wenn geltungssüchtige Eltern, erfolgshungrige Trainer, profilneurotische Funktionäre und gnadenlose Sponsoren Erfolge um jeden Preis erzwingen wollen?
Wird der bewährte Cocktail von Konditionstrainern und Sportärzten aus Radsport und Leichtathletik in der Phase olympischer Vorbereitung mit Beraterverträgen ausgestattet, um bislang unbedarften Golf-Hoffnungen die Geheimnisse olympischen Erfolgs einzuflößen?

Manche sagen, Golf wäre gar kein „Sport“, sondern eher eine Methode der Bewusstseinsbildung, was uns an die Pilzsucher von Muirfield erinnert. Das ist insofern richtig, als das Golfspiel auf einem Codex basiert, nach dem ein Spieler aus einer Hecke kriecht und sich einen Strafschlag notiert, weil er meint, seinen Ball im Laub bewegt zu haben. Das nannte man den „Spirit of the Game“.

Dieser Golf-Geist ist jedoch flüchtig geworden, was mit der Entwicklung zusammenhängt, die „unser” Spiel nimmt. Wenn wir die Grundlage des Spiels, das Vertrauen in die Ehrlichkeit des Spielers aufgeben, wäre der nächste Schritt konsequenterweise die totale Überwachung durch Videokameras überall auf dem Golfplatz. Wollen wir das?
Unlautere Mittel haben im Turniersport nichts zu suchen - keine Frage. Trotzdem vertrete ich die Ansicht, dass nicht der Golfsport Anti-Doping Regeln, Kontrollen und Grenzwerte braucht, sondern jene, die bereit sind, unser Spiel dem gierigen Moloch ungezügelter Vermarktung zum Fraß vorzuwerfen. “Sicher sind auch Designerdrogen wie Kokain im Spiel“, weiß die Golfweek zu berichten. Sicher?

Mal abgesehen davon, dass Kokain keine Designerdroge ist, höchstens von Designern geschnupft wird: Wäre denn die Event-Branche und der Prominenten-Stadl ohne Kokain überlebensfähig? Würden Doping-Kontrollen nicht dazu führen, dass mancher Edel-Club schlapp macht und die fesche Sause der Schönen und Reichen ihr jähes Ende findet. Na gut, es bliebe der Alkohol, der die Venen des Golfsports seit Anbeginn durchrauscht.

Zumindest solange der DGV den Golfsport als Monopolist verwalten darf, sollte er sein Hauptaugenmerk auf das Niveau der Spielqualität richten, die durch den wirtschaftlichen Druck der Clubs sehr gelitten hat. Dem Golfsport ist nicht damit gedient, dass alles immer nur komplizierter, teurer und technischer wird und wir unsere Scores in die Welt twittern können. Wenn Golf ein Breitensport und keine golferische Massenverelendung werden soll, sollten wir uns dringend auf die Ursprünge besinnen, um diese den vielen Neugolfern, aber auch manchem älteren Golf-Autisten, als wesentlichen Bestandteil unseres Spiels zu vermitteln. Ich meine damit Etikette, Ehrlichkeit, Konzentration, soziales Verhalten und die Bereitschaft, selbst Verantwortung für unser Tun zu übernehmen.

Nicht unwesentlich ist dabei auch der Golfschwung, der erlernt werden muss. Das ist kein leichtes Unterfangen, eher eine Lebensaufgabe und ich fände es fair, wenn man Golfinteressierten vorher sagt, dass Golf playen nicht nur fun bedeutet, auch wenn die Idee des Spiels grundsätzlich einfach ist:
Wir schlagen den Ball bei einem flotten Spaziergang, so wie er liegt, zu einem Ziel hin, das durch eine kleine Fahne gekennzeichnet ist. Wir sind dabei höflich und gehen achtsam mit der Umwelt, sowie der Gesundheit, Laune und Zeit unserer Mitspieler um. Wer sich mit anderen vergleichen will, kann dabei seine Schläge zählen. (...)

Eugen Pletsch

PS. Meine Ansichten über das "Wesen und Wirken des Golfspiels" kann man hier einsehen

Bagger Vance