20.04.2018 - 16:29 Uhr

Den Ball auf der Bahn zu halten, anstatt ihn rechts und links in Wald und Wasser zu verlieren, ist Ihr spielerisches Ziel, wenn Sie eine vernünftige Runde zusammenbekommen wollen. Der sparsame Einsatz von Bällen ist eine andere Vorgabe bei dieser schottischsten aller Sportarten.

Den Ball auf der Bahn zu halten, anstatt ihn rechts und links in Wald und Wasser zu verlieren, ist Ihr spielerisches Ziel, wenn Sie eine vernünftige Runde zusammenbekommen wollen. Der sparsame Einsatz von Bällen ist eine andere Vorgabe bei dieser schottischsten aller Sportarten.

Da auch wir anfangs einige Bälle den Büschen und Teichen opfern werden, spielen wir nur mit gefundenen Bällen. Sie können diese manchmal von Jungs aus dem Dorf kaufen, die durch die Büsche kriechen, und mancher Club hat einen Waldschrat, der ständig in den Brombeeren stochert. Reiche Leute halten ihr Geld natürlich zusammen und gehen selber auf die Suche. Unser Thema ist demgemäß das Suchen und Sammeln von Golfbällen, eine ehrenvolle Tätigkeit, die der sparsame Barfußgolfer, neben dem Spiel selbst, am liebsten pflegt. Es ist anzuraten, wenigstens im Turnier einen Zweitball zu führen, und der muss ja irgendwo herkommen.

Als engagierte Ballsucher werden Sie Ihren Heimatplatz bald wie Ihre Westentasche kennen. Die Stressabschläge, an denen der Ball links in die Büsche springt, die Doglegs, wo der Ball die Kurve nicht bekommt, und die Grüns, auf denen die Bälle nicht halten und ins Rough rollen. Sie wissen, an welchem Par 5 die Longhitter Gas geben, und haben die Damenabschläge im Griff, von denen es sich herrlich in die Uferböschung kullern lässt.

Durch aufmerksame Beobachtung ist Ihre Ballsuche gezielt, professionell und Sie sind in kürzester Zeit in der Lage, eine Ballmarke in gewünschter Qualität zu finden. Sie kennen die Schlaglängen der Durchschnittsspieler und wissen, wo die billigen Bälle liegen und wo der Pro seinen Titleist ins Gemüse hookt. Kurz hinter dem Abschlag im hohen Gras, nach etwa 30 Metern, ist auch eine Goldgrube mit guten Bällen, die Möchtegerncracks mit zu viel Kraft unterschlagen und in den Himmel geschickt haben.

Gratisgolfbälle gibt es wie Sand am Meer. Sie müssen nur wissen wo! Unser Feind ist der Dorfseppl, der mit dem Pro gemeinsame Sache macht und habgierige Jungs aus dem Dorf, die Sie aber verscheuchen können. Nur wenn Sie in schlammigen Senken, dunklen Tannenschonungen und im Schilf schmatzendes Geraschel hören, dann laufen Sie, denn der Krake ist nahe und dabei, sich seinen Tagesvorrat an Bällen zusammenzusuchen. Werfen Sie ihm Ihre Bälle zum Fraß vor und laufen Sie!

Die Zeiten für eine sinnvolle Ballsuche sind von Club zu Club verschieden. Selbstverständlich sollten wir nach einem offenen Turnier oder einem Ranglistenwettkampf, wenn alle ihre guten Bälle spielen, besonders gründlich nachsuchen. Unser Bag enthält zu diesem Zweck eine Teleskopstange speziell mit Ballaufnehmer, mit der wir nicht nur die Bälle aus Fluss und Teich fischen, sondern auch in dichten Schonungen und Hecken erfolgreich arbeiten können.

Bei Zählwettspielen und Meisterschaften wird leider von den Beteiligten intensiv nachgesucht, während besonders Anfängerturniere nach Stableford eine gute Beute versprechen. Da die Löcher gestrichen werden können und Anfänger immer den nächsten Flight im Nacken wähnen, geben sie ihren Ball schnell auf. Hier gibt es zwei Fundorte: nach links getoppt oder 120 Meter rechts im Unterholz. Leider sind die Anfängerbälle meist billiger Discounter-Mist.

Sammler exotischer Bälle bzw. von Bällen mit Firmenaufdruck müssen sehr früh aufstehen. Zu dieser Zeit sind am Wochenende unsere lieben japanischen und koreanischen Gäste unterwegs, die, ähnlich den clubfreien Golfern, ein wenig geliebtes und übel beleumundetes Schattendasein führen. Da, wo sie ihre eigenen Plätze bespielen, zum Beispiel Kosaido bei Düsseldorf, ist die Fundmarge nicht so hoch. Aber auf fremden Plätzen rechnen die Burschen mit einem gewissen Schwund und packen großzügig Bälle mit Firmenlogo bzw. Erinnerungen an ihren Honeymoon auf Hokkaido ins Bag.

Ein Ball mit kleiner Schramme wird sich erfahrungsgemäß als der haltbarste herausstellen. Da ist die Marke egal. Während neue Bälle mit kosmischer Gesetzmäßigkeit auf Nimmerwiedersehen im Aus verschwinden, wird Ihre angeschrammte Schmuddelkugel immer irgendwie die Kurve kriegen.

Manche Bälle wird man fast nicht mehr los. Ich fühlte mich einmal von einem Ball geradezu verfolgt. Er sah schon alt aus, aber er schien nicht kaputtzugehen. Irgendwann hatte ich es satt, immer mit dem gleichen Ball zu spielen. Immer mit dem gleichen Ball spielen, der sich einfach weigert, anders als kerzengerade zu fliegen, ist langweilig. Natürlich schlug ich mit ihm mein bisher einziges As. Jede Menge tolle Runden. Eine gelbe Kugel! Ich fand ihn im Herbst. Cholerischer Golfer, Cartoon: Peter Ruge

Eigentlich benutze ich nur im Winter farbige Bälle. Diesen musste ich den ganzen Winter durch spielen. Unglaublich. Im Frühjahr wollte ich auf meinen anderen fast weißen Sommerball zurückgreifen (auch ich führe einen Zweitball mit, durchaus!). Der verschwand nach wenigen Löchern im Wald. Worauf der gelbe Ball mich höhnisch angrinste, als ich ihn aus dem Bag fingerte. Ich konnte voll durchziehen. Nie musste ich Angst haben, den Ball zu verlieren. Er passte sich dem Wind an, flog immer gerade und krallte sich im Grün fest. Fast jeder Putt ins Loch. Das Spiel wurde langweilig!

Der Ball begann mich zu nerven. Eines Tages wurde es mir zu gelb. Ich gedachte, den Ball vom Tee einfach wegzuschlagen. Weit weg in den Wald wollte ich ihn knallen. Ich hatte ihn satt und fand ihn in letzter Zeit aufdringlich. Er vermittelte mir ein Gefühl, als wäre er der eigentliche Grund für eine gute Runde. Ich stellte mich hin wie immer, um ihn nicht misstrauisch zu machen. Mitten im Schwung hielt ich das Schlägerblatt offen. Es gelang mir ein Push, womit mein gelber Freund, den ich etwas dünn traf, wohl nicht gerechnet hatte. Er zischte flach ca.150 Meter auf den Wald zu, knallte dann jedoch gegen einen Baum und sprang zurück – Mitte Fairway. Finster schaute er aus seinen gelben Augen. Ich bekam es langsam mit der Angst zu tun.

Heute, nach Jahren mit diesem Ball, haben wir uns arrangiert. Er ist kürzlich mit einer kleinen Feier verabschiedet worden, sozusagen in Pension gegangen, und liegt jetzt in einem mit Intarsien gearbeiteten Holzkästchen, auf Daunen gebettet. Ich nehme ihn nur zu wichtigen Turnieren mit. Nicht, dass er sich heute noch ins Spiel drängeln würde. Da lässt er den neuen Bällen den Vortritt. Aber er gibt mir eine große Sicherheit, beruhigt die jungen Bälle im Bag bei ihrem ersten Turnier und manchmal, wenn es um Sein oder Nichtsein geht, verleihe ich ihn an Tim. Dann fliegt er wie ein dicker Kieselstein.

 

Auszug aus "Der Weg der weißen Kugel" (c) by Eugen Pletsch

 

Anzeige