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Deutschland hilft
Endlich haben Deutschlands Golfer was zu lachen

Dieses Kapitel aus "Banalanga" befasst sich mit den esoterischen Ursprüngen des Golfsports sowie der Frage, was man Nichtgolfern auf dem Weg zu einem Einladungsturnier erzählen darf, die aus Angst vor dem Golfvirus überlegen, ob sie am Schnupperkurs mit Mundschutz und Latexhandschuheteilnehmen sollten...

Am Tag vor unserer Abreise hatte mich die Chefin noch mal in ihr Büro zitiert. Sie klang nervös.

„Das Turnier beginnt um 11.00 Uhr nach einem kleinen Frühstück. Schaffen wir das?“

„Wenn wir um 9.00 Uhr losfahren, ist das kein Problem. Ich brauche höchstens eine halbe Stunde, um mich vor der Runde aufzuwärmen.“

„Wissen Sie was?“

„Ja: Sie werden nicht mit mir auf die Runde gehen, sondern an einem Schnupperkurs teilnehmen, bei dem Sie ein Golflehrer in das Spiel einführen soll.“

„Genau! Woher wissen Sie das?“

„Die Farben in Ihrer Aura flackern auffällig.“

Sie schien mich gar nicht zu hören, ihre Gedanken waren bereits woanders.

„Was soll ich nur anziehen?“

„Abends? Was immer Sie zu einem Dinner als passend empfinden.“

„Und tagsüber?“

„Bitte keinen Schottenrock! Sportliche, bequeme Hose, Turnschuhe, Polohemd und einen Pulli, falls es morgens frisch ist.“

„Eine Regenjacke?“

„Könnten Sie sich ins Auto legen. Aber keine Sorge, das Wetter wird gut. Da kümmere ich mich drum.“

„Sie kümmern sich um das Wetter?“

„Ich habe einen Weatherstick von den Aborigines, mit dem ich arbeite. Ich bin zu alt, um beim Golfen durch den Schlamm zu robben.“

„Wie praktisch. Also dann bis morgen.“

Sie verabschiedete mich mit einem freundlichen Nicken, wirkte aber sehr aufgeregt. In den letzten Wochen hatte sie mich mehrfach über die Gefahren einer Golfvirus-Infektion ausgefragt und welche Schutzmaßnahmen sie treffen könne.

„Vielleicht sollte ich Mundschutz und Latexhandschuhe tragen?“, grübelte sie laut, während ich versuchte, mir das Lachen zu verkneifen.

Wir fuhren pünktlich los. Für mich war es ein merkwürdiges Gefühl, mit der Chefin im Auto zu sitzen. Bis auf kurze Gespräche im Büro war ich mit ihr noch nie alleine gewesen; eigentlich hatte sie mich bis zu dieser Golf­einladung kaum wahrgenommen, und wenn, dann schien sie von mir genervt zu sein.

„Hoffentlich sind diese Leute nicht alle so schrecklich arrogant“, sagte sie, nachdem sie die Limousine gestartet hatte.

„Warum sollten sie arrogant sein?“

„Na ja, was man so von Golfern weiß … reiche Leute, die sich für etwas Besonderes halten …“

„In den letzten Jahren hat sich viel geändert.“

Ich wollte nicht unhöflich sein und andeuten, dass mich mein Einkommen in ihrem Verlag niemals in die Verlegenheit bringen könnte, den reichen Leuten anzugehören.

„Man sagt, Golf erziehe zur Demut.“

„Meinen Sie?“ Sie schaute mich zweifelnd an.

„Das Image des Golfsports ist nur die exoterische Oberfläche, die jede Geheimlehre braucht, um sich zu schützen.“

„Wie bitte?“ Geheimlehren hatten sie schon immer interessiert.

„Michael Murphy, Begründer des Esalen Institute, einem bis in die 1970er-Jahre weltbekannten spirituellen Begegnungszentrum in den USA, war in den 1950er-Jahren auf dem Weg zu Sri Aurobindos Ashram in Indien. Dabei reiste er über Schottland, um in dem mystischen Golfclub ‚Burning Bush‘ einem Golfmeister namens Shivas Irons zu begegnen. Murphys Erlebnisse erschienen als Buch unter dem Namen ‚Golf in the Kingdom‘. Es wurde die erfolgreichste Golfnovelle aller Zeiten.“

„Ich kenne das Esalen Institute, aber davon habe ich noch nie gehört.“

„Im frühen 18. Jahrhundert zogen Mystiker über die Magerwiesen der schottischen Küsten, um nach magischen Pilzen und Visionen zu suchen. Dabei tarnten sie sich als Golfer.“

„Aber dann wurde Golf ein Spiel der Oberklasse?“

„Wie alle geheimnisvollen Künste zieht auch der Golfsport reiche Müßiggänger an. Aber das Spiel bietet keine Möglichkeit zur Flucht vor sich selbst. Man wird auf drastische Weise mit sich selbst konfrontiert. Das ist vermutlich der Grund, warum so viele ‚Entscheider‘ Golf spielen. Das Spiel nimmt keine Rücksicht auf Rang und Namen. Die Golfgöttin hat immer das letzte Wort.“

„Und das mögen diese Leute?“

„Wer meist von Hofschranzen umgeben ist, sucht bisweilen eine ehrliche Rückmeldung.“

„Verstehe.“ Ihr irritierter Blick streifte mich kurz, bevor sie wieder auf die Straße sah.

„Erzählen Sie mir noch etwas über die Golfsucht. Die bereitet mir wirklich Sorgen.“

„Ob die Golfsucht durch einen Golfvirus übertragen wird, ist unerforscht. Erstmals wurde 1457 von einer Epidemie berichtet, als die Bogenschützen von Edinburgh ihre Pflichten derart vernachlässigten, dass sich der damalige König James II. genötigt sah, das Golfspiel zu verbieten. Aber bereits 1491 wurde James IV. selbst infiziert und kurz darauf auch Maria Stuart, was beweist, dass auch das weibliche Geschlecht nicht resistent ist. Seitdem verbreitet sich das Spiel weltweit. Das Gute am Golf ist jedoch: Es verschafft Bewegung an der frischen Luft und fördert die Aufmerksamkeit. Das Spiel ist in gewisser Weise eine Achtsamkeitsübung, weshalb manche Golfer darüber ihren Weg zur Meditation finden.“

„Merkwürdig. Dabei hat dieses Spiel ein so gänzlich anderes Image.“

„Fragen Sie mal bei einem konservativen Ärztestammtisch nach Heilpraktikern und Homöopathen. Da werden Sie auch die abstrusesten Dinge hören.“

„Aber letztendlich ist Golf ein Sport, oder?“

„Auch das wird kontrovers diskutiert. Sport vielleicht in dem Sinne, in dem auch Schach als Sport gilt. Golf ist ein Spiel des Geistes und auf der physischen Ebene ein Zielspiel. Der Ball wird vom Abschlag auf eine Wiese geschlagen, die Fairway genannt wird, und dann auf das kurz gemähte Grün, um den Ball mit dem Putter in ein kleines Loch zu schubsen, das durch eine Fahne gekennzeichnet ist.“

„Das klingt einfach.“

„Ist es aber nicht. Das werden Sie heute in Ihrem Schnupperkurs erfahren.“

„Meinen Sie?“ Sie schaute kurz zu mir herüber. In ihrem Blick lag die Neugierde einer Abenteurerin.

„Das Spiel lässt sich nicht besiegen. Deshalb hat sich der Mythos von einer undurchdringlichen brennenden Hecke gebildet, die ein geheimnisvolles Schloss umgibt. Darin lebt die Golfgöttin, eine grausame, ungerechte Durga, die nur wenigen Erwählten Zugang gewährt. Wer von ihr erhört wird, findet Erleuchtung, ruht fortan in der Heiterkeit seines Herzens und genießt die Stille des Spiels. Um diese Erleuchtung zu finden, versuchen Spieler seit Jahrhunderten, den brennenden Dornbusch zu überwinden. Manche haben es geschafft, aber die meisten mussten zerstochen, zerzaust und verzweifelt umkehren.“

„Und diese Leute, die heute zu dem Turnier kommen, wollen alle einen brennenden Dornbusch überwinden?“

„Nein. Die meisten spielen nur Golf, indem sie versuchen, ihren Ball zu treffen. Dabei verlieren sie ihn, finden ihn wieder, haben Spaß oder ärgern sich. Nach der Runde sitzen sie dann zusammen und haben etwas, worüber sie reden können. Aber Sie hatten mich nach dem Geheimnis des Spiels jenseits der exoterischen Oberfläche gefragt.“

„Stimmt. Ich glaube, wir sind gleich da … da vorne rechts.“ Sie war richtig zappelig. Die Souveränität, mit der sie den Verlag dirigiert, war vollkommen verschwunden.

„Entspannen Sie sich und genießen Sie Ihren Tag.“ Sie lächelte zaghaft.

Auf dem Parkplatz packte ich meine Ausrüstung aus und wir gingen zum Empfang, wo wir herzlich begrüßt wurden. Die Chefin wurde einem Golflehrer vorgestellt, der ihr das Tagesprogramm erläuterte.

„Bis heute Abend und viel Erfolg!“, sagte sie zum Abschied. Sie schien vollkommen verwandelt. Ihr ernsthaftes, strenges und manchmal fast schroffes Wesen hatte etwas Leichtes, Verspieltes bekommen. Sie sah aus wie jemand, der das Glücksspiel ein Leben lang verachtet hatte, um dann plötzlich in Las Vegas in einer Spielhölle zu versacken.

Während ich mich auf das Turnier vorbereitete, fragte ich mich, ob es wirklich eine gute Idee war, die Chefin ohne Mundschutz und Latexhandschuhe an einem Golfkurs teilnehmen zu lassen.

Kapitel Ende

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BANALANGA - Heitere Geschichten über Golf, Geist und Gesundheit
von
Eugen Pletsch
ISBN 978-3-943261-08-0
160 Seiten, Softcover
9,90 €

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