20.04.2018 - 14:44 Uhr

Der nachfolgende Diskussionsbeitrag zu meinem Blog "Kaymer auf die Couch?" stammt von Mentalcoach und Psychologe Dr. Wolfgang Kuner. (ep)

Wie heißt es so schön: "Wir haben die Wahl" und "Erfolg ist freiwillig". Keiner muß alle Möglichkeiten nutzen, um seine Ziele  zu erreichen, bzw. seine Leistung(sfähigkeit) zu steigern oder sie zum Zeitpunkt X sich entfalten zu lassen, bzw. eigene Grenzen zu transzendieren.

Selbstverständlich steht MK das Recht zu - die Kritiker sollten, imho, hier etwas zurückhaltender sein - die mentale Seite des Golf oder andere personenbezogene spielbeeinflussende Faktoren unberücksichtigt zu lassen. Ändert allerdings nichts am Faktum, dass alles erstmal durch den Kopf (und Bauch) geht, durch Brillen gefiltert und durch Selbstprogrammierungen interpretiert, eine körperliche Verfaßtheit schafft und sich in einem entsprechendem Schwung manifestiert. Immerhin unterscheidet er sich von den "Golf-wird-zwischen-den-Ohren-gespielt“-Zitierern, die, inkonsequenterweise, auch nicht an diesem Vakuum arbeiten, dahingehend, dass er den MentalGame-"Crap" (Schrott) über Jahre konstant und dezidiert ablehnt (mit emotionalen Untertönen, die nachfragenswert erscheinen).

Dabei wär's, mit Blick auf die obigen Zitatstellen, relativ einfach: weg von Erwartungen, Score und großen Zielen, hin zum einzelnen Schlag, weg vom "Muß" zum "Kann" und dem Prozess, weg vom Ehrgeiz und hin zum Spiel, weg vom "Viel Trainiert", welches dann im Druck endet, also kontraproduktiv wird, hin zum persönlichkeitsorientierten, rundenbezogenen Training, welches vielleicht sogar von Aufbau und Zeit an lernwissenschaftlichen Erkenntnissen ausgerichtet ist. Gezieltes und bewußtes Weniger ist oft mehr.
Auch gegen "Verkrampfungen" gibt es doppelte Mittel: einmal im Einstellungsbereich zu arbeiten, damit diese erst gar nicht auftreten und zum anderen (natürlich wieder) persönlichkeitspassende Tools zu haben, um Fokus und Spielfähigkeit herzustellen.
Zur Einordnung: das ist in etwa der Inhalt eines Grundlagenworkshops Golf Mental I, Freitagabend bis Sonntagspätnachmittag. Wo darunterliegende, existentielle "Bereiche" (immer wieder ist zu beobachten, daß bspwse. Beziehungsauflösungen, negative Auswirkungen auf das Spiel haben) spielbeeinflussend wirken, darauf weist Du, Eugen, zurecht hin, ist der Mentalcoach - welcher Leistungsoptimierung als Aufgabe hat - nicht mehr zuständig und oft auch nicht ausgebildet, das gehört in psychotherapeutische Hände.
Dummerweise läßt sich "Spaß haben" (Zitat s.o.) nicht auf Knopfdruck herstellen und jetzt einfach mal "ein Video" zu schauen oder "ein Buch" (Zitate s.o.) zu lesen, ist relativ ineffektiv, wenn es nicht in das Gesamtkunstwerk "Golfprofessionell xyz" bewußt, nutzbringend und passend eingebunden wird. Das Stichwort heißt "Balance" und gehört zum Handwerkszeug eines MentalGame Coaches.

Spannend finde ich die MK-Aussage, daß er "Kollegen erlebt" habe, die "dadurch (Mentalcoaching) noch schlechter wurden" (Zitat, s.o.). Anders als bei Technikumstellungen, wo das gelegentlich der Fall sein soll, weil an einem Rädchen gedreht wird und das ganze System dadurch anschließend so nicht mehr funktioniert, habe ich das in den bald 10 Jahren meiner Tätigkeit weder im Amateur- noch Pro-Bereich erlebt.

Was zwangsläufig auftreten kann, ist, daß das Spiel - da neue Heran- und Vorgehensweisen hinzukommen - über eine gewisse Phase unrunder im Ablauf wird, bis sich das Neue "eingespielt" hat. Je nachdem, ob hier im Anschluß der kürzeste Golf-Witz ("jetzt kann ich's") zum Einsatz kommt und nicht mehr weiter daran gearbeitet wird oder gelegentlich oder intensiv das - trainingsbedürftige - MentalGame dann weiter trainiert wird, kann die Erfolgsbilanz ausfallen. Von "Bringt wenig" bis hin zur HCP-Halbierung.
Eine Sache professionell zu betreiben, hier: professionell zu golfen, ist nicht zuerst eine Frage des Könnens, sondern der Herangehensweise. Insofern gibt es Pros die Amateure sind und Amateure die Pros sind. MK hat dahingehend recht, dass es gilt, gut hinzuschauen, wer sich als "Mental Coach" ausgibt: da gibt's dann gelegentlich schon modrigen Wein in löchrigen Schläuchen, sprich Plagiateure, "Marktlückengewinnler" oder Simplifizierer, die z.B. meinen, einen NLP-Anker als seligmachende "Rettung" verkaufen zu können oder das Kleinhirn als "Golfer's Paradise" darstellen. Als ob es keine steuernden Sichtweisen gäbe (siehe MK "Erwartungen, Ehrgeiz, Ziele") oder keine das Kleinhirn (als Speicherort für einen Teil der Bewegungsabläufe) zunächst steuernden Frontallappen (sorry für den Kurzausflug in gewisse Grundlagen ...).

Zwei Anmerkungen zum Umfeld:

Eine "Förderung" des Spitzengolfsportes (was immer dies auch bedeuten mag), die von klein auf die mentale Seite derart negiert oder, wenn schon, bestenfalls akademisch-theoretisierend einbezieht, wie dies in Deutschland der Fall ist, erntet lediglich die Früchte, die sie sät. Und bürdet als Nebenprodukt seitens des golffanatischen Teils der Golfcommunity, der "Helden" braucht (dafür das Warum zu verfolgen, wäre ebenfalls eine spannende Frage) dem / der Jeweilige/n (der / die nicht gelernt hat, damit umzugehen) zusätzlichen Druck auf.

Mit Blick auf den beschriebenen kleinen Kreis um MK: daß ein bewußt kleingehaltenes, professionell arbeitendes, begleitend / betreuendes Umfeld erfolgreich arbeiten kann, zeigt sich derzeit (wieder) bei Sebastian Vettel. Geht also. Kritisch wird es dann, wenn der Blick über den Tellerrand hinaus eingeschränkt wird, die solchen Gruppierungen meist innewohnende Tendenz zur Abschließung und Selbstbestätigung und möglicherweise noch dazu Ursachensuche im Außen nicht mehr alle Facetten des zur Zielerreichung Erforderlichen ins Blickfeld geraten läßt, was meist nur von außen her aufgebrochen werden kann. Circulus vitiosus.

Dr. Wolfgang Kuner