Vorsicht Glatteis!
Meist ist es schon duster, wenn ich ins Dorf tappse. Durch den vielen Schnee ist es nicht einfach, die zum Teil recht steilen Wege zu gehen. Besonders rutschig ist es sich da, wo die Leute Schnee geschippt haben. Es bleiben immer Placken, die sie nicht wegbekommen. Darauf gefriert das Wasser, das tagsüber auftaut und dann wird es richtig glatt.
Mit dem Schnee schippen ist es wie mit vielen anderen Vorschriften, die ursprünglich mal Sinn machten. Schön, wenn der Schnee geräumt ist, aber wenn der Weg dann umso glatter wird, dann ist Schnee schippen Quatsch.
Ich komme langsam in ein Alter, in dem es gefährlich wird, wenn man hinfällt. Dann bricht man sich sofort den Oberschenkelknochenhals und 24 Stunden in einer Uni-Klinik reichen heutzutage aus, um eine Lungenentzündung zu bekommen, die dann falsch behandelt wird. Schnell ist man mit irgendwas infiziert oder bekommt anstatt einer Infusion das Bein abgenommen und ZACK sind wir ein Stück Sondermüll im Pflegeheim. Was uns dann erwartet, hat Markus Breitscheidel in unangenehmer Ausführlichkeit in seinem Buch “Abgezockt und totgepflegt” beschrieben. Keine leichtgängige Lektüre …
Zurück zu den glatten Wegen, auf denen ich versuche, aufmerksam zu gehen und dabei die Stellen meide, an denen der Schnee geräumt ist. Zumindest abends. Tagsüber, wenn ein Gehweg geräumt und trocken ist und vereiste Stellen sichtbar sind, laufe ich natürlich da entlang.
Beim Gehen praktiziere ich eine Methode, die ich vor vielen Jahren von Meister Gia Fu Feng lernte, als er keine Lust mehr hatte, uns Tai Chi beizubringen.
„Ten miles walk“ war unsere tägliche Übung. Dabei geht man mit leicht eingeknickten O-Beinen gehen, etwas breitspurig sozusagen. Der Rücken ist gerade, der Körper gecentert in Balance. Ich atme in mein HARA, das Energie-Zentrum, unterhalb des Bauchnabels, sozusagen unsere Mitte. (Ja, der Hoden schwingt dabei frei, um den Nachfragen gewisser Jungsenioren zuvorzukommen, die an meinem Workshop auf dem 11. Abschlag in Winnerod teilgenommen hatten.)
Auf diese watschelige Weise sind wir, eine Horde Hippies, damals stundenlang durch Regen und Matsch hinter dem Meister hergelaufen. Von hinten betrachtet, sahen wir aus, als hätten wir uns eingeschissen.
Diesen ZEN-Gang praktiziere ich auf vereisten Wegen und konzentriere mich dabei, wie im dem Kinhin auf einen Punkt kurz vor mir am Boden. Ich gehe langsam, versuche meine Atmung zu beachten und jeden Schritt bewusst zu machen.
Das klappt natürlich nicht immer. Häufig träume ich, dass der Platz schneefrei wäre und ich ein schönes Wedge durchziehe, um den Ball an die Fahne zu legen. Oder ich stopfe einen Putt über zwei Breaks! Solche Gedanken habe ich noch häufiger, als ich früher an Mädchen dachte. Wenn die Gedanken aus dem Jetzt wegtrudeln und die Konzentration verloren geht, wird man beim Golf seinen Score vermasseln. Auf dem Eis ist das der Moment, bei dem man auf die Fresse fliegt. Deshalb ist das Gehen auf Eis eine herrliche Konzentrationsübung, sozusagen Golftraining im vereisten Trockendock.
Eugen

Bild: Henrich Doermer


