Der nasse Montag von Langgöns

Ja, ja, ich weiß. Ich wollte nur noch Belanglosigkeiten schreiben, nette, kleine Dreizeiler und jeden Affront vermeiden. Liebevoll und gütig, von golferischer Altersweisheit erfüllt – auf alle Fälle keine „polemische Kacke“ mehr, wie der bajuwarische G´schaftlhuber einer aktuellen Golfzeitschrift sich über meine literarischen Phantasmagorien abzudrücken pflegte.

Ich war sogar fast so weit Gesellschaftsreporter der Münchner Golf-Society zu werden. Im P1 mit coolen Typen nach dem Golfevent geil abhängen und so. Das hat aber nicht geklappt.

Natürlich könnte ich mir, wie die meisten Münchner Gesellschaftsreporter, alles life auf die Insel funken lassen, wo sich im mediterranen Abendlicht, bei einem guten Tröpfchen, die besten Fabeln erzählen lassen, aber das wäre nicht meine Art. Nein, ich wollte vor Ort sein, aber ich kam nicht hin.

Die Kupplung jener blauen Karre, deren Namen ich nicht mehr nenne, weil mich das Ford-Marketing geärgert hat, ist zwar längst wieder repariert, aber die autolose Zeit hat mich mal wieder zum DB-Nutzer gemacht. Fast. Zumindest habe ich es versucht. Dreimal stand ich am Bahnhof von Langgöns und wollte verreisen. Aber es war nass und kalt und windig und es gibt keinen Schutz mehr.
Der Bahnhof ist geschlossen und die vormal halbwegs tauglichen Unterstellhütten wurden vor Jahren durch kleine, zugige Designerhäuschen mit großen Glasscheiben ersetzt, an denen sich vermutlich mal wieder ein Bahnmanager und ein Architektenbüro gesundgestoßen haben. Die Scheiben wurden angeblich von marodierenden Jugendbanden herausgeschlagen, aber es hätte auch sonstwer sein können, der ob des allgemeinen DB-Wahnsinns von Agressionen erfüllt ist.

Sie werden fragen, wo Langgöns liegt? Nun – Langgöns hätte das Zeug gehabt, bayrische Metropole zu werden, wenn der Ort nicht zufällig in Hessen liegen würde. In Sachen Eleganz, Lifestyle und Architektur stehen wir Provinzmetropolen wie Bebra in nichts nach, nur der Bahnhof von Langgöns ist eine Schande!

Letzte Woche, montagmorgens kurz nach Sieben, war mal wieder „Personenschaden“ auf der Strecke von Gießen nach Frankfurt. Ich bin in Werner Pipers Suizid-Reader „Friede sei mit mir (& Dir)“ mittlerweile soweit, dass ich weiß: Vor den Zug werfen ist absolutes NO GO – aber gut. Da ist also mal wieder jemand gesprungen. Die Gleise sind gesperrt. Hunderte Pendler, die noch nicht zu springen bereit sind, müssen zum Job. Etwa 60 Leutchen karrte die DB mit einem Bus nach Langgöns, dem Zentrum mittelhessischer Golfliteratur. Da standen sie nun in einem fiesen, kalten Regen. Keine Unterstellmöglichkeit, kein Latte Macchiato und schon gar keine Information über die Lautsprecher. Mehr als eine Stunde standen sie da! Ein Zug fuhr vorbei, den man offensichtlich nicht verständigt hatte.
Erst kurz vor Neun hielt ein Zug auf dem mittleren Gleis, das Alte, Kranke und Frauen mit Kinderwagen nicht hätten erreichen können. Aber wer um diese Zeit nach Frankfurt fährt, ist jung und fit wie ein Lemming. Dann waren sie alle wieder weg und wer sich erkältet hat, dem hat man vermutlich mit einer Schweinegrippeimpfung die letzten Reste seines Immunsystems weggeschossen.

Das war der nasse Montag von Langgöns. Morgen werde ich beim Bürgermeister einen Termin haben. Die Gemeinde sagt zwar, die Schutzhütten wären eine Angelegenheit der Bahn, da habe man keinen Einfluss drauf, aber das wollen wir doch mal sehen. Jede Eckkneipe, die nicht für tiefer gelegte Rollstühle mit Breitreifen optimiert ist, wird heutzutage dicht gemacht! Das kann mir doch keiner erzählen, dass ein öffentlicher Ort wie ein Bahnhof weder Schutz noch Toiletten anbieten muss?
Bei seinem Versuch unser Volkseigentum an die marodierenden Räuberbanden des Globalkapitalismus zu verscherbeln, hat der - gottlob geschasste! - napoleonische Gewaltzwerg Mehdorn mit Unterstützung  fast der gesamten korrupten Politikerkaste alles getan, um unsere Bahn vor den Zug zu werfen. Jetzt müssen Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Ich habe hier also eine Aufgabe, will ich damit sagen, die mich derzeit davon abhält, Münchner Klatschreporter zu werden.

Übrigens suche ich dabei anwaltliche Unterstützung! Gäbe eine geile PR, wenn wir die Deutsche Bahn verklagen, weil ich mangels Wetterhäuschen am Bahnhof Langgöns kein Klatschreporter werden konnte. Das wäre ein Millionenstreitwert! Wenn Sie Anwalt sind, können Sie sich bewerben. Als Lohn könnte ich anbieten, dass Sie vorab und exklusiv einen langen Text lesen dürfen, den ich letzte Nacht geschrieben habe. Es ist eine wunderschöne Geschichte. Sie heißt „Meine Allgemeinen Geschäftbedingungen“ und es ist der erste Textentwurf, bei dem ich einen Leser, zum Beispiel einen Anwalt, mitschreiben lassen würde. Diese Geschichte würde dann dauerhaft auf Cybergolf verlinkt werden. Na, wäre das nichts? Und wenn wir das gestemmt haben, nehmen wir uns die Bahn vor!

Ihr / Euer

Eugen Pletsch