Der Ryder Cup und die Golf-Inquisition

Unter dem breiten, weißen Schirm, vor der Sonne geschützt, saß der amtierende Seniorenclubmeister in seinem Lehnstuhl aus angeblich nachhaltig erwirtschaftetem Tropenholz. Wohlwollend beobachtete er, wie sich die eifrigen Hummsen und Summsen an der Blütenwand labten, die der alte Gutsbesitzer an dem roten Backsteingemäuer entlang der Clubhausterrasse angelegt hatte.
Der Tag hatte sich trotz der wirren Kommentare eines geschwätzigen Wetteronkels prächtig entwickelt und so hielt das Sonnige auch Einzug im bisweilen recht mürrischen Wesen des amtierenden Seniorenclubmeisters. Sein dämmriger Blick merkte erst auf, als zwei Longhitter, die ihre Bälle auf der 18. Bahn bis kurz vor den Teich geschlagen hatten, den 2. Schlag mit traumhafter Sicherheit im Teich zu versenkten.
Der amtierende Seniorenclubmeister lächelte und besann sich auf seine List, die gefräßige Wasserfläche großräumig zu umspielen. Lieber nahm er einen halbwegs sicheres Bogey in Kauf, als eine grässliche 7 oder 8 zu spielen, die ein Wasserball und der dann aufkommende Ärger nach sich ziehen würden.
Er sog die warme Luft und den Blütenduft ein und erinnerte sich an jenes Wochenende der Clubmeisterschaft, als er, sozusagen als Einäugiger unter Blinden, siegte. Diesen Sieg verdankte er nicht unbedingt seinem Spielvermögen, (der Score, mit dem er gewann, war mehr als lausig), sondern eher der Tatsache, dass die besseren Spieler seiner Altergruppe die reguläre Clubmeisterschaft mitgespielt hatten oder sich in den Ferien befanden. Doch das focht ihn nicht an.
Nach der Clubmeisterschaft trug er seine mühevoll aus Goldpapier gebastelte Papp-Krone, aber als diese in einem Regenschauer aufweichte und ohnehin niemand bereit war, ihn in seiner Königs-Rolle zu hofieren, setze er die Krone ab, um aus der Stille zu regieren.
Seitdem saß er gerne auf der Terrasse und gedachte der guten, alten Zeiten, bevor er in der Voltaren-Liga spielen musste. An solchen Nachmittagen näherte sich ihm bisweilen ein unbefangenes Menschlein, ein Golf-Rabbit, dem er dann seine gesammelten Weisheiten aus Tausendundeinem Spiel zu erzählen versuchte. Ansonsten genoss er die Einsamkeit, die jene Menschen umgibt, die etwas Außerordentliches geleistet haben.
Von der hohen Warte seiner Selbstbetrachtung schweifte sein Blick zurück zu den Summsen und Brummsen, die ihrer Arbeit nachgingen. Er wollte gerade das junge Ding herbeirufen, (das sich standhafte weigerte, beim Bedienen einen Knicks zu machen, um ihn dann mit Herr Seniorenclubmeister anzusprechen), als sich disputierende Stimmen näherten.
Karl Janzen und der Biologielehrer Karl Schunk ereiferten sich auf unüberhörbare Weise. Der amtierende Seniorenclubmeister hob die rechte Braue, aber er nickte leutselig. Mit einem schwachen Wedeln der königlichen Rechten wies er den Club-Kameraden jene zwei nachhaltigen Tropenholzsessel zu, die ihm nicht den Blick zur Blütenwand verstellen würden. Dann schaute er die beiden Kameraden erwartungsvoll an.
Karl Janzen, ein wetterfester Vertreter des traditionellen Golfsports, der neuzeitliches Teufelszeug wie Stableford-Turniere verachtete, vertrat die Ansicht, dass die sogenannte „moderne Entwicklung des Golfspiels“ zu einer evolutionären Katastrophe führen würde.
Er war bei den Clubmitgliedern ähnlich unbeliebt wie Karl Schunk, der ohne Wissen des Vorstandes begonnen hatte, alle Spieler und Gäste in einem selbstgestrickten Forschungsprogramm zu untersuchen. Er gedachte zu beweisen, dass jeder Golfer einem Archetypus angehört, dessen Schwung genetisch vorprogrammiert wäre. Seine These war, und er berief sich dabei gerne auf C.G. Jung, dass Golfunterricht nur diesem Archetypus gemäß und möglichst in Form von Traumarbeit stattzufinden hätte, was ihn bei den Golflehrern der Region, nachdem sie die Worte Archetypus und Traumarbeit nachgeschlagen hatten, ziemlich unbeliebt machte.
Aber auch befreundete Mitspieler waren pikiert, wenn Schunk sie nach einem unglücklichen Schlag ins Wasser mit „Frosch-Typus“ titulierte und sich eifrig Notizen machte.
„Worum geht es?“ fragte der amtierende Seniorenclubmeister jovial.
„Golf soll jetzt wie ein Fußballspiel mit Stadion-Charakter werden“, stammelte der entsetzte Janzen und wedelte mit einem Blatt Papier.
„Eine Münchener Modefirma meint, sie wolle anlässlich des Ryder Cups zur ultimativen Golf-Hysterie beitragen.“
„Na, das hat uns noch gefehlt“, murmelte der amtierende Seniorenclubmeister. Sein Blick streifte die wogenden Formen einer Spielerin auf dem 18. Grün, die ihrer ultimativen Golf-Hysterie freien Lauf ließ, nachdem sie einen kurzen Putt zum ersten Doppelbogey ihres Lebens einlochen konnte.
„Mit dem Versuch Golf als Breitensport zu etablieren, haben doch schon die genialen Strategen vom DGV ein Eigentor geschossen. Jetzt versuchen sich die Clubs durch drastisch gestiegene Greenfees vom Golf-Pöbel abzugrenzen“, bemerkte Karl Schunk, der seine Feldversuche auf Grund pekuniärer Limitierungen nicht in allen Clubs der Region durchführen konnte.
„Und wozu das Ganze?“ fragte der amtierende Seniorenclubmeister, dem die Brisanz der Sache noch nicht ganz klar war.
„Die Intention dieser bekennenden Trittbrett-Fahrer vom rcdeutschland ist es, sich für den Ryder Cup stark zu machen. Offensichtlich pumpt der DGV jetzt VcG-Kohle in den Ryder Cup, die früher - wenn man dem Gerede auf DGV-Tagungen Glauben schenken darf - für interne Quersubventionen herhalten musste.“
Janzen holte tief Luft:
„Wäre ich noch VcG-Mitglied, würde ich denen was erzählen! Aber das, was der DGV macht, geht diesen Golf Warriors von FORE!TITUDE immer noch nicht weit genug. Sie fordern für den Ryder Cup eine Stadion-Stimmung wie in den USA!“
Der amtierende Seniorenclubmeister räusperte sich: “Das Golfspiel ist ein Strategiespiel, das eine gewisse Intelligenz erfordert. Innere Spannung und geistige Fülle machen Golf zu einem leisen Sport, bei dem man sich als Zuschauer ähnlich verhält, wie auf einem Schach-Turnier oder bei einem Piano-Konzert. Kann man das  nicht erklären?“
Ein gellender Schrei erklang. Der 9. Schlag einer rüstigen Dame, die das Grün aus dreißig Metern mit einem Hybrid angreifen wollte, flog direkt auf die Clubhaustertasse zu, worauf sich manche Gäste unter die Tische warfen.
„Vielleicht ist der Verfasser dieses Schreibens in früher Jugend mal von einem Ball am Kopf getroffen worden“, überlegte der amtierende Seniorenclubmeister, während er wohlwollend nickte, als Etbin der Kellner den Ball mit einem Griff auffing.
Karl Schunk, der den Vorfall gar nicht bemerkt hatte, ließ sich nicht besänftigen: „Und dann schreiben die, sie wollen mit ihrer unbekümmerten, lautstarken Art der Marke den Gedanken vom größten Golffestival aller Zeiten in den Kopf der Bevölkerung pflanzen. Und wer erstmal mit dem Golfvirus angesteckt ist, der kann bekanntlich nicht mehr davon los kommen.“
Jetzt las er vom Blatt: „Das ist genau das, was wir brauchen, um die Golf-Inquisition erfolgreich voranzutreiben.“
Majestätisch rieb sich der amtierende Seniorenclubmeister den virtuellen Bart:
„Golf-Inquisition? Wirklich ein interessanter Ausdruck. Als mir Bernhard Langer vor ein paar Tagen eine Einladung zum rcDeutschland schickte, hat mich ein Bild, das ihn mit seiner Frau Vicky zeigt, tatsächlich an eine Pfingstoffenbarung erinnert. Die Augen geschlossen, die Arme zum Himmel. Vielleicht kommt jetzt eine neue deutsche Erweckungsbewegung, an der die Ryder Cup-Welt genesen darf?“
Schunk hechelte vor Wut: „Wer hat sich diesen „Bekenner“-Blödsinn ausgedacht? Der DGV um neue Pöstchen zu rechtfertigen?“
Janzen wiegte den Kopf: „Die Golf-Presse schreibt, dass amerikanische Berater die Konzepte prüfen. Eine „international renommierte Beratergesellschaft“ würde sich ihre stattlichen Honorare kaum mit solch einem Flachfliegen-Marketing verdienen.“
„Vielleicht sind Bewerbungen zum Ryder Cup grundsätzlich an einen Vertrag mit einem amerikanischen Beratungsunternehmen gekoppelt, egal was die liefern?“ mutmaßte Schunk.
Der amtierende Seniorenclubmeister beobachtete, wie ein weiterer Ball besagter Dame glucksend im Teich verschwand. Dann gab er sich das Wort: „Schon Bobby Jones sagte, dass das Geld den Golfsport ruinieren wird. Diese Weissagung hat sich leider erfüllt. Es geht um viel Geld. Der Ryder Cup ist ein Multimillionen-Geschäft. Was mir Sorgen macht: Da wo Inquisition ist, werden Menschen verbrannt! Vermutlich wird es die jungen Spieler erwischen, die von geldgierigen Golfeltern, narzisstischen Funktionären und prestigesüchtigen Sponsoren einem unsäglichen Druck ausgesetzt sein werden, um für Deutschland zu siegen! Die Frage ist: Wohin wird der Golfsport getrieben?“
Der Traditionalist Janzen nickte: „Und von wem, mit welcher Motivation? Ich bin dafür, dass wir uns wieder auf die Ursprünge des Golfspiels besinnen: Etikette, Ehrlichkeit, Konzentration im Spiel, soziales Verhalten und die Bereitschaft, selbst Verantwortung für sein Tun zu übernehmen. Das kann einen jungen Menschen positiv formen und wäre auch manchem älteren Golf-Autisten als Therapie zu empfehlen.“
Der amtierende Seniorenclubmeister lächelte weise und bemühte sich um die würdevollste Haltung, die ihm der Lehnstuhl aus angeblich nachhaltig erwirtschaftetem Tropenholz einzunehmen gestattete: „Es ist, wie es ist. Der große Golfgeist wird schon dafür sorgen, dass die Dinge nicht gänzlich aus den Fugen geraten.“
Seinen Gedanken streiften Tom Watsons Fast-Sieg in Turnberry. Ja, der hatte ihm Mut gemacht, es selbst noch einmal zu versuchen. Er winkte die Bedienung herbei, bat um die Rechnung, verabschiedete seine Freunde und begab sich auf den Kurzplatz, um noch ein Stündchen an seinem Yips zu feilen.