Der Schlüssel zum Glück
Tagsüber war es mir zu heiß. Ich fuhr erst am Spätnachmittag zum Platz. Ab dem 2. Abschlag zogen schwarze Gewitterwolken auf. Mein Drive auf der 4. Bahn war rechts ins Rough gehoppelt. Ich konnte den Ball mit dem Wedge heraushacken, so dass er auf der Kuppe lag, von der aus das Grün einsehbar war.
Auf dem Weg zu unseren Bällen donnerte es und leichter Regen setzte ein, der schnell kräftiger wurde. Wie die Hasen sprangen meine Mitspieler in ihren Buggy und rasten in den nächsten Wald.
Als der große Regen tatsächlich loslegte, setzte ich mich mit meinem Schirm auf einen Baumstumpf unter den großen Bäumen und beobachtete, wie der Platz in den Fluten versank. Im Buggy hockten die zwei Kameraden. Wind und Wolkenbruch peitschen den Regen in ihren Wagen und sie versuchten, die Seiten des Buggy mit Schirmen zu schützen.
Eine halbe Stunde hockten wir dort. Es war nass, aber wunderschön. Meine Kollegen empfanden das anders. Sie hatten die Nase voll. Mit einem bedauernden Hinweis auf Schweinegrippe, mangelnde Regenkleidung und minderjährige Kinder, die ihren Vater noch bräuchten, rutschten sie in ihrer Karre den Berg hinab zum Clubhaus zurück.
Fünf Minuten später hatte sich das Unwetter verzogen. Breite Wasserlachen standen auf den Fairways. In den Bunkern und wo die Drainagen verstopft waren, bildeten sich kleine Seen. Die Luft war klar, das weite Land war in überirdisches Licht getaucht, ich lauschte den Sphärengesängen der Vögel. Dann stapfte ich durch das pitschnasse Gras zu meinem Ball.
Mein Titleist lag nach wie vor auf der Kuppe, die mittlerweile von Wasserlachen umgeben war. Ich nahm mein Hybrid und versuchte einen federleichten Schlag. Der Ball stieg und landete auf der einzigen wasserfreien, etwa zwei Quadratmeter großen Flache rechts von jenem kleinen Fairway-Topfbunker, der meist meine guten zweiten Schläge frisst. Nicht, dass ich dahin gezielt hätte. Er flog einfach da hin.
Von dort aus ist es ein Wedge zum Grün, aber auch der größte Teil des Grüns war ein großer See. Zum Glück stand die Fahne oben links auf einem Buckel. An diese Stelle zu Pitchen ist normalerweise sinnlos, weil der Ball nicht hält und über das Grün springt. Jetzt war links von der Fahne die einzige trockene Stelle auf dem Grün und der Boden war nass genug, um den Ball zu halten. Ich zielte.
Es gibt kaum etwas Genussvolleres, als ein Dean Ota- Blade sauber zu treffen. Der Ball landete exakt an der trockenen Stelle in etwas 1,20 Metern Entfernung zur Fahne. Ich lochte zum Par. Mein schönstes Par seit langer Zeit, dachte ich.
Der Schlüssel zum Glück: Nicht denken, nicht wollen und das was man kann, zulassen. Wann wird es mir endlich gelingen, mich in einem Turnier zu vergessen?

Tom Watson aus Kansas City, Missouri ist ein höflicher, bescheidener Mann.1993 begegnete ich ihm erstmals, als er im Royal Cinque Port Golfclub im strömenden Regen eine „Clinic“ für Leutchen wie mich gab, die bei der Qualifying zur OPEN vorbeischauten. Ein paar Tage später gewann Greg Norman die OPEN in Royal St. George’s, Langer wurde damals Zweiter. Wie die texanischen Spieler „Gentle Benny“ Crenshaw und Tom Kite hat Watson gelernt, die Bälle im Wind und der Trockenheit ihrer Heimatplätze flach zu halten. Durch die OPEN lernten sie die Links zu lieben und begannen, alte Juwelen wie meinen Lieblingsplatz Royal Dornoch zu besuchen. Der Weg dieser „Mastery Golfer“ ist erfüllt vom Respekt vor der Tradition und der Einmaligkeit dieses großen Spiels. Solche Spieler verkörpern die Essenz des Golfspiels, etwas, was man nicht kaufen kann, weder als Software noch als Hardware.
2009 zur OPEN in Turnberry hat Watson sich erneut in die Herzen der Menschen gespielt. Trotz tobender Zuschauermassen schritt der alte ZEN-Meister auf seiner vierten Runde in vollkommener innerer Stille seinem Ziel entgegen. Vielleicht war es sein großer Traum noch einmal die OPEN zu gewinnen, aber ich glaube das nicht wirklich. Dafür ist er zu demütig und zu realistisch. Ich glaube, er wollte nur sein Spiel spielen, so gut er es konnte und das ließ ihn so erfolgreich sein. Watson zeigte, dass das Spiel auf den „Links“ eine Kunst ist, die nicht allein auf der Drive-Länge, sondern auf Können, Erfahrung und Intelligenz basiert. Sein Auftreten in Turnberry erinnerte zudem an jene Zeit, bevor der Golfsport vom Geld versaut wurde. Ich hätte ihm sehr gewünscht, die OPEN zum 6. Mal zu gewinnen. Dass er den Putt auf der 18 vorbei schob und das Stechen gegen Steward Cink verlor, hat etwas von jenem kosmischem Humor, der mich anspornt, mit meinem Spiel weiterzumachen. Manche Sieger sind unabhängig vom Sieg geworden und vielleicht ist das ihr Schlüssel zum Glück.


