Quantensprünge

Manchmal, ganz plötzlich, wird alles anders. Alles scheint so zu sein, wie es immer war, aber dann, schwupp, passiert es. Ich glaube, das nennt man Quantensprung.
Meist hängt es mit der Bereitschaft eines Menschen zusammen, etwas Neues zu wagen.
Ich zum Beispiel bügle meist sonntags nach der Runde meine Sachen. Ich schiebe ein Video vom letzten Golfturnier ein (Fernsehanschluss habe ich keinen) und warte einen bangen Moment ab, wer diesmal der Kommentator sein würde. Wenn es Carlo Knauss ist, kann ich getrost bügeln, weil er so kommentiert, dass es Spaß macht, zuzuhören. Hin und wieder, bei einer Wiederholung schaue ich hoch, aber es ist auch ein Hörgenuss. Auch bei Grosser kann man zuhören, aufschauen, innehalten und ansonsten weiterplätten.
Nur bei Irek Myskow ist es leider anders. Bei ihm kann ich das Bügeln vergessen. Ich muss den Ton ausstellen und mich vor die Glotze setzen, um zusehen. Anders geht es nicht. Ich möchte das nicht ausführen, denn ich möchte ihn nicht verletzten, auch wenn ich seine Sprache oft genug als geistige Körperverletzung erlebte. Ich hatte mal einen ganzen Blog über Myskow verfasst, nachdem er mir die US Masters 2008 vermasselt hatte. Aber ich habe den Text nicht veröffentlicht. Ich werde bei solchen Texten schnell unflätig in der Sprache und reagiere unangemessen, obwohl mich Myskows dummes Geschwätz und dieses ständige „Wahnsinn“ mehrfach in den Wahnsinn getrieben haben.
Aber jetzt, in meiner Therapie, lerne ich zu fragen, was meine Anteile an einem Problem sind und ehrlich gesagt: Wenn ich Co-Kommentator bei eine Golfübertragung wäre, dann wäre das noch schlimmer als bei Myskow. Viel schlimmer! Wobei – nun ja: Ich würde den Fachmann neben mir vermutlich mehr von dem fragen, was die englischen Kommentatoren so gut erklären. Damit sind wir wieder beim Quantensprung.
Ich habe also meinen Korb mit weißer Wäsche einfach nicht mehr gebügelt, sondern nur zusammengelegt. Schwupp. Wen juckt es, ob die drei T-Shirts, die ich in der Nacht durchschwitze, gebügelt sind? In zwei Minuten war der Berg Wäsche weg. Ich hab den ganzen Kram zusammengefaltet und das war’s. Ein herrliches, befreiendes Erlebnis.
Und warum habe ich das plötzlich so gemacht und nicht gebügelt, wie sonst immer? Weil ich jetzt das Turnier der letzten Woche ansehen will. In aller Ruhe und englischer Sprache. Mein Freund Holly hat nämlich auch einen Quantensprung gemacht und herausbekommen, wo sich in seiner Fernbedienung die Sprache umstellen lässt. Jetzt hören wir englisch und es tut nicht mehr so weh, denn an diesem Wochenende hätte Myskow Dienst gehabt. Zugegeben: Der Ami, der da mitquatscht, ist auch nicht viel besser, aber weder er noch sein englischer Kollege blöken ständig „Wahnsinn!“, wenn ein Weltklassespieler einen Brot- und Butterschlag macht.
Leider haben auch die englischen Kommentatoren nicht mehr das Kaliber eines Alex Hay oder Peter Aliss, die mir in meiner golferischen Jugend endlose humorvolle Stunden bescherten.

Der andere Quantensprung der Woche ist ein Driver, den ich derzeit testen darf. Davon gibt es nur wenige Exemplare in Deutschland und die Goldkeule ist auch noch irrsinnig teuer, aber – ich sage das in aller Vorsicht – dieser Driver widerlegt Heulers These, nach der jeder nur so weit schlagen kann, wie es seine Schnellkraftmuskeln zulassen. Das war für mich lange Dogma und Trost zugleich. Mit jedem Driver, sagen wir mal, seit dem ersten Titleist D Driver vor 10 (?) Jahren, hatte ich eine ähnliche Drivelänge. Mancher Driver war leichter zu spielen, flog höher, kickte besser, war genauer, was auch immer. Aber letztendlich war die Schlaglänge bei vergleichbaren Bedingungen ähnlich – kurz.
Nun sind in diesen kalten, windigen Tagen Dinge passiert, die ich nie für möglich gehalten hätte. Es gibt Zeugen dafür, und zwar Männer, die es gewohnt waren, mich um 30 bis 60 Meter auszudriven und die sich jetzt verwundert die Augen reiben. Länge kann man tatsächlich kaufen, auch wenn ich es selbst noch nicht richtig glauben kann.

Es wird also eine verheißungsvolle Saison werden und ich werde dabei jeden Materialvorteil ausnutzen. Beim Putter wurde ich bereits wieder eingeholt: Dass ich mit meinen VP5-Putter zur allgemeinen Verwunderung hin und wieder lochen konnte, führte dazu, dass sich mittlerweile sechs (?) Leutchen (meist Winneröder Mannschaftsspieler) diesen ausgesprochen preiswerten, aber zielgenauen Cleveland-Putter angeschafft haben. Wenn ich mit gewissen Kollegen losziehe, komme ich mir schon vor, wie in einer Sekte.

Morgen gehe ich zum Urologen. Nach einer Endikrinologen-Tagung in Gießen, bei der ich die Pressekonferenz besuchte, wurde mir manches klar. Was ist der gemeinsame Nenner der meisten Golfer? Bauchansatz, kleine Brüstchen, viel über Sex reden, aber keinen haben, Gereiztheit und Erschöpfungszustände – besonders nach vorgabewirksamen sechs Stunden- Turnieren und was ist die Ursache? Testosteronmangel! Je nachdem, was mein Urologe messen wird, stehe ich bald mit einem Fuß im Doping-Lager.
Oh ja: DOPING! Was für ein Thema. Aber das nehme ich mir ein andermal vor, denn jetzt ist wieder Zeit für einen schönen Golfabend vor der Kiste.