Die Pressereise

Was eine Pressereise wäre, fragte Lydia A. aus Melle. Sie habe diesen Begriff in der Geschichte „Lose hinderliche Kängurus“ aufgeschnappt, die Yves C. Ton-That im Märzheft des Golf Journal veröffentlich hat.
Diese Ausgabe hatte ich schon gelesen, besagte Geschichte aber noch nicht, da ich mir Ton-That meist als Nachtisch für später aufhebe.
So mache ich das übrigens auch mit den Geschichten des von mir ebenfalls sehr geschätzten Uli Kaiser. (Sonst fällt mir hierzulande niemand ein, der bei mir unter die Kategorie Nachtisch fällt).
Yves C. Ton-That, dessen Bücher ich leider nicht kenne, der aber auch ohne meine Rezensionen Bestsellerautor wurde, hat eine wunderbare Art, seine Erzählungen mit Golfregelkompetenz zu verknüpfen.

Er erklärt Regelfragen so einfach, dass selbst ich etwas verstehen könnte, wenn es mir möglich wäre, die kleine, hellgrüne Schrift zu entziffern, in der seine Regelhinweise gedruckt werden. Leider kann ich sie mit meinen schlechten Augen nicht entziffern, weshalb ich nur die schwarzen Texte lese. Dabei erfüllt mich tiefe Zufriedenheit: Ich weiß, dass es für alle Fragen der golferischen Menschheit eine Antwort gibt, auch was lose, hinderliche Kängurus angeht. Das genügt mir. 

Yves C. Ton-That´s Reisebeschreibung, um auf die Frage von Lydia A. aus Melle zurückzukommen, wäre für mich das vollkommen untypische Beispiel einer Pressereise. Er beschreibt, wie er sich, nach vier Tagen erschöpfender Anreise von den Bermudas kommend, sofort in die Arbeit stürzen musste. Anstatt erstmal zu Chillen und die Genüsse der 5-Sterne-Traumwelt auszukosten, wie es sonst in den Fachkreisen üblich ist, zog er sogleich los.
Noch ungewöhnlicher ist, dass er mit dem beschriebenen Platz wegen nicht vorhandener Platzregeln hart ins Gericht geht, anstatt  den obligatorischen PR-Schleim abzusondern, der die übliche Tauschwährung für eine Einladung ins Paradies ist.

Da ich seit Jahren selbst im Inland kaum noch reise, sind mir Pressereisen fremd. Ich muss mich also auf die Erzählungen der wenigen Kollegen verlassen, die noch mit mir reden, wobei ich die wirklich interessanten Dinge - nach anwaltlicher Beratung - überhaupt nicht veröffentlichen darf.
Soviel darf ich aber sagen:
Pressereisen werden zum Beispiel von PR-Agenturen, Fremdenverkehrsämter oder den Destinationen direkt organisiert. Hierzulande wird meist der gleiche Täter-Kreis eingeladen. Das hängt damit zusammen, dass Pressereisen in manchen Verlagshäusern Teil des Vergütungssystems sind. (Reisen darfst Du, aber dafür bekommst Du keinen Pfennig für den Text).
Die Reiseberichterstattung wird aber gerne genutzt, um meist ältere Chefredakteure, Herausgeber und „verdiente Kollegen“ so lange vom Arbeitsplatz fernzuhalten, bis die Leistungsträger des Hauses das neue Heft zusammengebastelt haben, ohne dass der Alte wieder dazwischenfunkt.
Diese Methode der Verbannung ins Golfparadies wird auch gerne angewandt, wenn die IT-Abteilung ein Roll Out plant und die Gefahr besteht, dass der Alte den neuen Server  bei einer neugierigen „Begehung“ im Technik-Raum schon vor Inbetriebnahme abschießt: „…und – wozu ist dieses Knöpfchen?“ „Nein…HAAAAALT … nicht drücken!“
  Für manche Journalisten, die ihren drögen Alltag als Sportredakteur namhafter Tageszeitungen fristen müssen, ist die Pressereise ein Stück Prestige, ein Zeichen der Anerkennung durch die Golfindustrie, der man sich dann natürlich gerne, in Absprache mit der Anzeigenabteilung, gefällig erweist. Deshalb lesen wir in Golfzeitschriften so viele ähnlich lautende PR-Artikel, weshalb die Arbeit von Yves C. Ton-That ganz besonders positiv heraus sticht.  Mich lädt übrigens niemand ein. Das hängt einerseits damit zusammen, dass das Ergebnis meiner Arbeit für einen Veranstalter nicht kalkulierbar ist. Außerdem glauben PR-Menschen noch immer, dass ein Bericht in einem Anzeigenblättchen mehr wahrgenommen wird, als eine Onlinegeschichte. Meine Berichte über Golf in Portugal, Tunesien oder Italien sind längst veraltet. Trotzdem werden die Geschichten  immer noch zigtausendfach aufgerufen, was mich selbst wundert, aber beweist, dass es sich hier um eine ganz andere Nachhaltigkeit handelt.

Dass ich nicht eingeladen werde, stimmt übrigens nicht ganz, fällt mir ein. Eine englische Agentur, die mir offensichtlich mehr publizistische Relevanz zumisst, als man das hierzulande wahr haben möchte, lud mich im Vorjahr zu einer Reise in die Tschechei ein. Erst sagte ich zu, dann sagte ich ab, als mir einfiel, dass ich schon Jetlag bekomme, wenn ich nach Düsseldorf fahre. Außerdem hasse ich die Totalverplanung meiner Zeit und der Gedanke, morgens um 4 Uhr aufzustehen, um einen Flieger zu erwischen, ist mir unerträglich.
Umso mehr bewundere ich Yves C. Ton-That, der seine Weltreisen offensichtlich dank jugendlicher Kraft und Schweizer Geduld gut wegstecken kann.