Das Schneerennen

Das ganze Land war unter einer dicken Schneeschicht begraben. Obwohl ich kein Wintergolfer mehr bin, pochte ein gewisser Instinkt in mir, weshalb ich zum Club fuhr. Ich wollte überprüfen, ob auf dem Platz wirklich Schnee lag. Es wäre doch möglich – unwahrscheinlich, aber möglich –, dass der Boden durch eine kürzlich aufgebrochene Vulkanspalte so erwärmt wurde, dass ein paar Bahnen bespielbar wären.
„Vielleicht sind sogar die Sommergrüns offen“, spekulierte ich.
Vom 7. Abschlag kann man bei klarem Wetter Hessen Fuji, den Vogelsberg, beobachten. Angeblich ist unser Hausvulkan erloschen, aber angeblich sind auch die Renten sicher. Also wer weiß, was sich wirklich in Tausend Metern Tiefe abspielt.
Als ich ankam, standen auch andere Golfer auf dem Parkplatz herum, die zu Hause vermutlich ähnlichen Spekulationen nachgegangen waren.
Die wetterfeste Frau Perchtl hatte einem Thermoskanne mit Glühwein dabei, aus der sie kräftig ausschenkte. Der lange Jens, der dicke Hubert und Ralf hielten die Fäuste in den Taschen, stampften mit den Füßen auf dem Boden, und wussten nicht so recht, was sie mit sich anfangen sollten. Das Clubhaus war geschlossen – wie immer, wenn es gebraucht wurde.
Plötzlich hatte ich eine Eingebung:
„Leute, holt die Trolleys, wir machen ein Rennen auf dem Teich an der 18.“Keiner zögerte. Allen war kalt und so trampelten wir in die Caddyhalle, um die Trolleys zu holen. „Mit oder ohne Bag?“ „Natürlich mit Bag. Damit bekommt die Sache bei einem Slalom ihren besonderen Reiz.“„Ist der Teich wirklich fest gefroren?“ sorgte sich der dicke Hubert.„30 cm reicht auch für deine Gewichtsklasse!“„Also dann los!“

Vier Verrückte mit ihren Elektrotrolleys und Frau Perchtl mit der Thermoskanne, die sich den Unsinn anschauen wollte, brachen in die weiße Hölle auf.
Die Räder der Trolleys rutschten oder verklebten zu dicken Schneewalzen, die man mühselig abklopfen musste. Jens trampelte einen Slalom-Parcour.

„Das reicht“, brüllten wir, denn es war bitterkalt. „So, und auf. Eisrennen über den Teich und zurück zum Parkplatz. Alles klar?“

„Alles klar, und los geht’s!“
Frau Perchtl blickte auf die Uhr. Ich meinte, ein leises Zittern zu verspüren, das nicht von der Kälte kam. Geologische Verwerfungen? Ein Knirschen von uraltem Vulkangestein? Vielleicht bahnte sich die Lava gerade ihren Weg unter dem 1. Abschlag.
Morgen, vielleicht schon morgen, würde der Platz schneefrei sein und die Sommergrüns wären offen.

Mit dieser Hoffnung im Herzen stürzte ich hinter den anderen her, um den vielleicht letzten Tag in Schnee und Eis voll auszukosten.