Das Klo mit Fensterblick ins Universum

Ich fliege in einem Raumschiff, das wie ein riesengroßer, runzliger Baumstamm träge durch die entlegenen Seitenarme der Milchstraße dümpelt. In dieser grünen Walze, die sich um sich selbst dreht, wohnen die Nachfahren der Clubmannschaft des Planeten KIRK. Der Raum-Baum-Stamm ist eine gigantische rotiernde Röhre mit genügend Platz, um zwei ordentliche 18-Loch Meisterschaftsplätze und etliche Übungsflächen sowie Felder und Gärten unterzubringen. Das Raumschiff wurde von den Orgoplasmose-Schreinern und Gen-Akrobaten des Planeten KIRK aus einem Mammutbaum gezüchtet.
Eine vernünftige Vorgehensweise, denn dadurch ist das Raumschiff organisch, intelligent, kann sich selbst regenerieren, in jedwede gewünschte Form wachsen lassen, Sauerstoff erzeugen und es kann die Expeditionsteilnehmer auf natürliche Weise vor Milben und Parasiten zu schützen.
Milben und Parasiten sind nämlich der juckende Schrecken der anorganischen Raumfahrt, was natürlich niemand weiß, der den Raumflug nur aus dem Kino kennt. Ja, Milben, Parasiten und der ungeregelte Stuhlgang sind die drei apokalyptischen Reiter des Universums.
Wir Expeditionsteilnehmer im riesigen Raum-Baum haben diese Probleme nicht. Dafür haben wir andere. Zum Einen hat sich die Zahl der Reisenden im Laufe der Jahre erheblich dezimiert, wodurch Team- Wettbewerbe immer weniger Spaß machen.
Das andere Problem sind die Killer-Barnies, fiese kleine Dummköpfe, die von einem Schrott-Mond stammen und zu den unmöglichsten Zeiten angreifen, um dann mit ihren laschen Lasern lächerliche Löcher in die Rinde des Raum-Baums zu schmoren. Nur zu gerne würden sie den wohnlichen KIRK-Baum übernehmen, zum Beispiel weil sie selbst keine Golfplätze in ihren verhutzelten, kleinen Raumschiffen haben, die wie verschrundete Austern aussehen und mit Milben und Parasiten verseucht sind.
Killer-Barnies sind lästige Mistfliegen, die unter ungeregeltem Stuhlgang leiden und meist mittwochs angreifen, wenn das obligatorische Fruchtbarkeitsturnier statt findet und wir Spieler andere Sorgen haben, nämliche die Bälle flach zu halten. Zum Glück ist der große Raum-Baum schlau genug, den Killer-Barnies einen vor die Auster zu geben und wenn er mal ein Loch in die Rinde bekommt, lässt er sogleich nachwachsen, was die Killer-Barnies stink-wütend macht.
Nein, Killer-Barnies sind keine echte Bedrohung, aber der Baum muss Alarm geben, so steht es in den Vorschriften. Meist, wenn man gerade mitten im Rückschwung ist, beginnt ein Tuten, tief und lang, wie ein Ozeandampfer vor New York.
Man denkt noch:
»Oh, verdammte Killer-Barnies« und - Wotsch - ist der Ball unterschlagen und in Sekunden »out of bounds«.
Ja, genau: Man kann in dieser Space-Trommel seitlich keinen Ball verlieren, aber nach oben! Die Spieler können dank der künstlichen Schwerkraft und einem Röhren-Durchmesser von mehr als zwei Kilometern überall spielen. Unten ist immer da, wo die Füße sind. Aber die künstliche Anziehungskraft  hat eine Maximalhöhe von gerade mal 50 Metern.
Also heißt es: Immer die Bälle flach halten, sonst sind sie weg. Natürlich nicht wirklich weg, denn sie sausen durch die Röhren und kommen dann irgendwo auf der anderen Seite runter. Aber sie können jemanden treffen und auf jeden Fall sind sie out of bounds, ergo: Strafschlag.

Das ist der Grund, warum sich niemand von den KIRK-Reisenden wirklich mit den Killer-Barnies und ihren blöden Angriffen anfreunden kann. »Die Barnies sind unsportliche Leute«, heißt es allgemein.

Nach der Runde suchen wir unseren Wohntrakt auf. Alle wohnen im Keller. Je tiefer man mit dem Lift herab fährt, umso näher kommt man an die Außenwand des Raumschiffes. Da es nicht mehr viele Reisende gibt, haben wir alle genug Platz. Es riecht frisch in den hellen Räumen, die angenehm temperiert sind.
Die öligen, dampfenden, zischenden Raumschiffe der SF-Filme mit ihren Stahl-Plastik-Käfigen sind als Wohnraum für Raumreisende ein schlechter Witz. So hausen höchstens Killer-Barnies. Jeder KIRK-Wanderer würde darin sofort Pickel bekommen. Nein, die Lebensräume sind nicht nur lebendig; jeder Reisende hatte seine Luxus-Ökosuite mit weichen, organischen Wänden, einer intelligenten Beleuchtung, einem privaten Putting Grün im Wohnzimmer und einem Klo mit Fensterblick ins Universum.

Da sitze ich gerade und schaue in die Sterne, als der fiese Lichtstrahl eines Killer-Barnie Lasers durch meine Scheibe knallt. Die winzigen Klo-Fenster sind unsere Achilles-Ferse. Gleißendes Licht, ich kann nichts sehen. Mein Kopf dröhnt. Bin ich ins Klo geschmolzen? Hat der Raum-Baum seinen braunen Scheibenschutzfilter aktiviert?
Das grelle Licht lässt nach. Ich versuche meine Augen zu öffnen.
Ich liege in meinem Schlafzimmer. Ein Gefühl von Identität entsteht. Draußen scheint eine Sonne, die einfach nicht aufgeben mag. Ein Stahl hat es durch den Vorhang geschafft. Langsam hebe ich den Kopf vom Kissen hoch. Überall Schmerzen, ich kann nicht Schlucken, kaum atmen. Haben mich die verdammten Killer-Barnies am Ende doch erwischt?

ep