GOLF MONSTER

Alice Coopers Buch Golf Monster entdeckte ich auf dem mit nur drei Golf-Titeln äußerst spärlich ausgestatteten Stand des KOSMOS-Verlages anlässlich der diesjährigen Buchmesse. Das Buch wurde mir vom Verlag  zugeschickt. Nach zwei Tagen hatte ich die knapp 300 Seiten verschlungen, obwohl ich kein Fan von Alice Cooper bin, geschweige denn Zeit zum Lesen gehabt hätte. Das spricht für das Buch.

Man sollte nicht glauben, dass „mein Verlag“, der KOSMOS-Verlag, Stuttgart, mittlerweile das größte Golfbuch-Sortiment Deutschlands führt. Vielleicht hat der Verlag das selbst auch noch nicht so ganz realisiert. Auch auf der KOSMOS-Website sind die Golfbücher gut versteckt. Man muss „Ratgeber und Naturführer“ anklicken, dann findet man ein Menü mit dem Sortiment, in dem auch „Golf“ angezeigt wird.

Nach welchen Kriterien sich die Reihenfolge der angezeigten Bücher zusammensetzt, ist mir unklar. Es kann nicht nach Erscheinungsdatum sein, denn dann stände Golf Monster ganz oben. Es kann auch nicht nach Abverkauf sein, denn sonst ständen der Herr Pletsch und der Herr Zacharias ziemlich weit oben. Es ist auch nicht der Titel alphabetisch, denn dann müsste Golf Gaga an zweiter Stelle stehen.

Jedenfalls habe ich die fünfseitige KOSMOS-Golfbuchliste mehrfach durchgeklickt und kann Golf Monster  genauso wenig finden, wie Golfer schwingen nicht, sie schlagen von Thomas Zacharias, das sich derzeit auf Platz 1 bei Amazon>Ballsportarten>Golf befindet, (einer Rubrik, in der meine beiden Golfbücher, trotz guter Abverkäufe, überhaupt nicht vorkommen). Ich finde das Buch schließlich via Produktsuche und zwar, indem ich „Alice Cooper“ eingebe. Sogleich werden Bücher von Alice Stern mit den Titeln „Kaninchen“, „Geflügel“ und „Tiere halten hinterm Haus“ angezeigt, danach endlich Golf Monster von Alice Cooper und Co-Autoren.

Hat der KOSMOS-Verlag das biografisches Werk des Rock-Stars mit Kalkül in die hinterste digitale Schublade der Website verbannt? Wird Coopers Buch unter dem digitalen Ladentisch gehandelt, weil der Monster-Rocker ein Leben lang viel gesoffen hat, was für ein Golfbuch-Sortiment auf den ersten Blick unpassend wirkt? Diese Sorge wäre unnötig.
Golf und ALK sind seit jeher zwei Seiten einer Medaille, wie man nach jedem Golfturnier beobachten kann. Sogar der Deutsche Golfverband wird seine öffentlichen Bekenntnisse, dank dem neuen Sponsor Winehouse, demnächst mit schwerer Zunge ablegen. Fürs Saufen muss man sich nicht schämen, schon gar nicht im Verlagswesen. Coopers Buch ist zudem um einiges flüssiger geschrieben, als zum Beispiel John Daly´s trunkenen Bekenntnisse, die in ihrer sprachlichen Schlichtheit an Premiere-Kommentare erinnern: “ja, Waaahnsinn!”

Aus dem Inhalt: Irgendwann im Lauf seiner Karriere beginnt der zerfallende Rockstar Alice Cooper seinen Dämon Alkoholsucht mittels Golfsucht auszutreiben. Weil sich schwarze Schafe und verlorene Söhne in den USA so schön verkaufen lassen, wird Coop, wie ihn seine Freunde Arnold Palmer und Groucho Marx nennen, nicht nur trocken, sondern auch noch Christ.
Wahre Christenmenschen, die jeder Sünde aus dem Weg gingen und die Hände immer schön über der Bettdecke hielten, unter der sich Rockstars mit ihren Groupies paarten, können aufatmen. Sie haben in ihrem Leben eigentlich nichts verpasst, denn wie Cooper ausführt, führen Exzesse zu Leere, Leere zu Sucht, Sucht zum Zusammenbruch.

Hinter dem Zusammenbruch lauern gute, reine Menschen, die reuige Sünder dann mit offenen Armen aufnehmen, besonders, wenn sie in der Einkommensklasse eines Alice Cooper kollabieren. Geld macht übrigens auch nicht wirklich glücklich. Kann man weltweit an denen sehen, die keins haben.
Bist Du endlich bereit für ein Leben in Jesu, für einen gefestigten Glauben und einen Gott, der in seinem Wirken offensichtlich jenseits aller Vernunft agiert, zumindest, was seine unergründlichen Ratschlüsse bezüglich planetarer Raubzüge durch christlich orientierte Staatengebilde und Organisationen wie der Weltbank angeht?
Alternativ kannst Du auch Golfer werden, was ein ähnlich absurder Weg zur täglich neuen Hoffnung ist. Alice Cooper hat sich für beide Wege entschieden: für Jesus intravenös und für den Golfgeist aus der Flasche. Seit dem spielt der Golf-Maniac jeden Tag 36 Loch.

Es war das BÖSE, das Alice Cooper in seinem Bühnenwerk zu parodieren und zu bannen versuchte, bis es ihn auffraß und als wiedergeborenen Christen ausspie. Interessanterweise konnte ihm sein Therapeut  klar machen, dass die Bühnenfigur „Alice“ nie trank. Gesoffen hat Vincent Damon Furnier, aber wenn er sich das „Lederzeug“ anzog, um Alice zu werden, war er trocken. Leider hat er diesen Ansatz für sich nicht weiterentwickelt. Stattdessen wurde er gläubig.
Sein neuer Glaube hat ihn im zweiten Teil des Buches in diffuse Widersprüche verwickelt, aus denen er sich mit jenen Kniffen zu befreien versucht, die ein Pfarrer anwendet, der gefragt wird, warum Gottes Krone der Schöpfung so böse, ungerecht und umweltschädlich geraten ist. Ist der freie Wille … ein Beta-Release mit vielen Bugs?

Bei seinem Versuch das Monster Alice auf der Bühne herauszulassen, um dann, im wahren Leben ein guter, golfender Christenmensch zu sein, reitet Alice Cooper einen ähnlich schizoiden Gaul wie ich, der ich als bekennender Golfer Umweltzerstörung durch Immobilienprojekte, Herbizide, Pestizide und katastrophalen Wasserverbrauch billigend in Kauf nehme, ganz abgesehen von den Machenschaften neo-liberaler Globalisierungsräuber der internationalen Golf & Finanzbruderschaft.

Überrascht hat mich, dass auch ein Mega-Rockstar endlose (durchaus interessante) Seiten mit namedropping füllt.  Irgendeine Sonne scheint offensichtlich immer noch etwas heller, als die eigene. Celebreties-Golf, hierzulande Beschäftigungstherapie für eine kleine Gruppe austherapierter „Prominenter“, ist in den USA ein wichtiger Bestandteil amerikanischer Sozialökologie: Die dicken Haie, die oben im klaren Wasser unter der Sonne kreuzen, scheiden hin und wieder etwas aus. Das sinkt herab zu jenen, die im Bodenschlamm des großen, amerikanischen Albtraums vegetieren und sich vermehren, woraus sich wieder neues Futter für die Haie generiert.

Alice Cooper ist kein Hai, sondern er hat sich, wie viele der Hollywood-Größen, die er kennenlernen durfte - mit harter Arbeit und Genie - einen Platz als Unterhalter unter den dicken Fischen erschwommen. Er wäre dabei fast ersoffen. Diesen Weg beschreibt er.
Ich mag sein Buch, zumal Coop einige Orte und Personen streift, die auch in meinem früheren Leben nicht ohne Bedeutung waren. Wer Groucho Marx´ Freund war, ist auch meiner. Und vergessen wir nicht: Alice Cooper ist kein Griesbacher „Golf-Promi“, sondern ein großartiger, ambitionierter Scratch-Golfer. Sein Hinweis, mit der rechten Hand etwas lockerer zu greifen, verhalf mir gestern immerhin zu einer 80-Runde, und das will doch bei mir etwas heißen, oder?

Eugen Pletsch

Golf Monster
Mein Leben zwischen Golf und Rock ‘n’ Roll
von Alice Cooper
Kosmos (Franckh-Kosmos);
Auflage: 1 (September 2008)

P.S. Allen Zuschriften der letzten Wochen sei gedankt. Ich freue mich, wenn Euch meine Arbeiten gefallen, aber ich bitte zu verstehen, dass ich im Moment an einem Buch arbeite und Blog-Texte nur schreiben kann, wenn mir gerade danach ist. Vielleicht ist Euch auch aufgefallen, dass Cybergolf – dank Sabine Oelmanns Einsatz – einige neue Links, sowie die Rubrik „Ladies Day“ bekommen hat. Ich selbst habe in den letzten Wochen Gespräche mit Mike Klais, Uwe Krist und Oliver Heuler veröffentlicht.