Späte Genugtuung beim ProAm

Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke, muss ich sagen, dass eine sportliche Karriere nie wirklich stattgefunden hat. Die Versuche, meinen Körper in verschiedenen Disziplinen zu stählen, sind ziemlich schief gelaufen. Hauptproblem: die verdammte Schwerkraft auf diesem Planeten! Ob ich nun selbst hinfalle oder mein Golfball seinen Flug viel zu früh beendet – immer ist diese Schwerkraft im Spiel. Bei den Bundesjugendspielen konnte ich den Ball nie weit genug werfen und beim Dreisprung fiel ich schon nach zwei strauchelnden Hüpfern wie ein nasser Sack in den Sand. Ich erinnere mich an meinen ersten und einzigen Einsatz in unserer Fußballmannschaft (C-Jugend), als ich die kurze Ecke decken sollte. Ein großer Junge mit Beinen wie Baumstämme (und schon Haare dran!) bekam den Ball vor die Füße, worauf er den richtig fest aufs Tor schoss. Ich konnte mich gerade noch hinter den Pfosten retten, was mir die anderen übel nahmen. Jahre später, bei einem Tischtennismatch, hatte ich einen Kreislaufkollaps. Beim Schulboxen ging ich in der ersten Runde KO, beim Frisbee spielen habe ich mir den Arm ausgekugelt. Kurz gesagt: Ich war nie wirklich Sportler, vielleicht ein Grund, warum ich Golfer wurde.

Nach einem bewegten Jahr voller Abenteuer, die ich an diese Stelle ausführlich beschrieben habe, erreichte mich Ende August 2008 die Einladung  zum ProAm der Mercedes Benz Championship durch die Gebrüder Langer. Diese Veranstaltung ist für Sportler, Geschäftleute, Prominente und alle, die sich dafür halten, gesellschaftlicher Höhepunkt des Jahres. Für nicht golfende Leser sei gesagt: Ein ProAm findet vor einem Profi-Turnier statt. Eine begrenzte Anzahl von Gästen, ausgewählt von Veranstalter und Sponsoren,  spielen jeweils zu dritt mit einem Golf-Professional eine Runde Golf. Ein ProAm ist für die Amateure meist ein großer Nerventest und für die Spieler eine schwere Prüfung, der sie laut Vertrag nachkommen müssen. Manche Spieler sind im Umgang mit den Amateuren nett und umgänglich, während andere für ihre Verschlossenheit berüchtigt sind. Bei meiner Einladung konnte es sich nur um einen Irrtum handeln.

„Da muss ein Haken dran sein“, dachte ich mir, “warum sollten die mich einladen“? Um herauszufinden, welcher Azubi da etwas vermasselt hatte, bestätigte ich per Fax und erhielt prompt eine Rückantwort, aus der hervorging, dass ich am 10. September um 8 Uhr morgens abschlagen sollte. Die Anmeldung wäre ab 6 Uhr geöffnet. 6 Uhr! Aha – das war der Haken. Das würde bedeuten, dass ich vor 5 Uhr aufstehen müsste. Ein Turnier um 8 Uhr war keine Einladung, sondern versuchte Körperverletzung. Trotzdem: Irgendetwas, vermutlich der Gedanke an eine kostenlose, warme Mahlzeit mit Freigetränken, oder was uns Schreiberlingen sonst so durch den Kopf geht, ließ mich zubeißen. Ich hing am Haken.
Die Woche vor dem Turnier fuhr ich zur Pressekonferenz, nach der die Journalisten den Platz spielen durften. Ich hatte zuerst Sorge, ob es mein alter Mondeo Kombi über das bergische Land schaffen würde, aber alles ging gut. Andere Kollegen hatten ganz andere Risiken (und Kosten) auf sich genommen, z.B. jene Redaktion, die mit einem älteren Jaguar aus München anreist war.

Es war ein schöner Haken, an dem wir hingen. Der Platz war in einem außerordentlich guten Zustand, was eigentlich nicht verwundert, wenn ein erweitertes Greenkeeper-Team wochenlang schuftet und der Dominator des deutschen Golfsports, Erwin Langer, die Dinge bis ins Detail selbst regelt.
„Endlich mal wieder treue Grüns spielen“, dachte ich beglückt. Auf der Runde hatte ich keinerlei Yips und Herr Spyth, der Geschäftsführer vom Golfclub Lärchenhof sagte mir, dass ich mit 17 über Par (15 war hier meine Spielvorgabe) ein gutes Ergebnis erzielt hätte.
So fühlte es sich auch an. Es war ein herrlicher Tag. Der Wind kam wechselnd, und wie mir schien, immer aus der Richtung, die man brauchte, um einen langen Ball zu schlagen. Zwar versenkte ich ein oder zwei Bälle im Wasser, aber das war egal, denn die Grüns waren ein einziger Genuss. Sie waren so schnell und treu, wie man sie sich nur wünschen kann. Mein Mitspieler Heiner, mit dem ich über meine Probleme beim Putten sprach, zeigte mir den Flamingo-Putt-Stil. Den kannte ich wirklich noch nicht. Kurz und gut: es war eine genussvolle Runde auf einem echten Golfplatz. Mein Entschluss, eine Woche später beim ProAm zu starten, stand fest.

Ich hatte mittlerweile erfahren, dass das ProAm in zwei Gruppen aufgeteilt wurde. So viele Personen waren zu berücksichtigen, die man einladen wollte oder musste, dass man das nicht mit einem Turnier geschafft hätte.Boris Becker sagte später in einem Interview, dass er zu seiner Zeit kein Major gewonnen hätte, wenn die großen Finals um 8 Uhr morgens begonnen hätten. Dem kann ich nur zustimmen. Meine mäßige Performance bei unseren Tigerzählspielen (die sonntags um 8 Uhr beginnen) hängt unter Anderem damit zusammen, dass ich um diese Zeit noch auf Standby-Modus geschaltet bin.
Also trainierte ich in der Woche vor dem ProAm zwei Dinge: Möglichst wenig Golf spielen und jeden Tag etwas früher aufzustehen. Die letzten Tage verbrachte ich in Trance. Ich war nicht nur mehrfach um 6 Uhr von alleine wacht geworden, sondern bin tatsächlich aufgestanden! Zur Mittagszeit war ich dann zwar zu nichts mehr zu gebrauchen, aber um diese Zeit wäre das Turnier nach meinen Berechnungen beendet und man konnte den Biorechner runterfahren. Am Abend vor dem Turnier fuhr ich nach Köln, um eine Veranstaltung der 2. Rheingolf Clubcard Lounge zu besuchen. Als ich am Radisson SAS Hotel Köln eintraf, stiegen gerade Fred Couples und Daniel Chopra aus ihrem Sponsoren Shuttle. An der Bar des offiziellen Spielerhotel hingen schon einige Spieler herum, aber es ging sehr zivil zu, und nicht so, wie zu Sam Torrance Zeiten. Wenige Tage zuvor hatte ich eine DVD-Box mit den letzten drei Ryder Cup Matches erhalten. Besonders Darren Clarks Performance (und seine Tränen) hatten mich zutiefst bewegt. Da saß er nun, nett und freundlich und nippte an seinem Drink. Die Abendveranstaltung von Michael Jakoby war so exklusiv wie informativ, aber ich konnte nicht lange bleiben, da ich meinen strikten Zeitplan einhalten musste.
Irgendwie gelang es mir, einzuschlafen, aber als der Wecker piepte, war ich todmüde. Ich versuchte, mein Stretching-Programm durchzuführen, frühstückte und fuhr los. Es war kein Stau auf der Zoobrücke, aber es waren auch schon andere Menschen um diese unchristliche Zeit unterwegs.  

Der Golfclub Gut Lärchenhof bei Pulheim liegt auf dem freien Feld zwischen den Rübenäckern des rheinischen Landadels. In der Ferne weht die Rauchfahne eines Kraftwerkes. Auf den 1. Blick nicht unbedingt die ideale Adresse, aber nur auf den ersten Blick. Denn wenn man den Platz erreicht hat, für dessen Design niemand geringerer als der heilige Jack Nicklaus verantwortlich zeichnet, verwandelt sich die dröge Agrarsteppe in eine der zauberhaftesten Golf-Landschaften, die Sie hierzulande finden werden. Umgrenzt von potjemkinschen Waldstreifen wird der paradiesische Golfclub Gut Lärchenhof zu jener Bühne, auf der die großen Golfer unserer Tage ihre Erfolge feiern und wir Komparsen einen kurzen Moment des Glücks genießen dürfen.
Dieser Moment kam für mich, als ich um kurz nach 6 Uhr vor dem flutlichtbestrahlten Putting Grün stand. Im Glanz der Scheinwerfer erschien mir die Fläche wie ein riesiger Kunstrasen. Das Grün war mittlerweile so perfekt und ebenmäßig, dass ich zögerte, den Rasen zu betreten. Offensichtlich war ich der einzige Bekloppte, der um diese Zeit putten wollte. Der Roll der Bälle war perfekt. Es würde mir an diesem Tag vollkommen egal sein, wie viele Putts ich bräuchte, denn jeder Putt versprach reinen Genuss. Dabei war es keinesfalls so, dass man nicht hätte einlochen können. Die Grüns waren absolut treu und wenn „line und pace“ korrekt gespielt wurden, fiel der Ball.Meinen Mitspieler Rainer Goldrian von der PGA of Germany hatte ich bereits früher kennen und schätzen gelernt. Der Journalist Dieter Koditek ist ein vertrautes Gesicht auf  großen Golfturnieren. Beide Herren sind mit dem trockenen Humor gesegnet, den man auf einer Runde mit mir gut gebrauchen kann.
Unser Pro Gonzalo Fernadez-Castano, so die einhellige Meinung, ist der freundlichste und hilfsbereiteste Spieler, den man in einem ProAm erwischen kann. Gonzalo hatte 2007 die Italian Open gewonnen, aber 2008 war für ihn bisher nicht optimal gelaufen. Mit unserem ProAm-Team hatte er das große Los gezogen, denn er konnte auf einer Runde gleich von drei Experten lernen. Dieter ist ein absoluter Crack für das Spiel aus dem tiefen Rough, Rainer schlägt einen exzellenten „blocked pushed punch“ wie ihn sonst nur Tiger Woods beherrscht und meine Fähigkeiten als Scoreflüsterer und Puttexperte dürften allgemein bekannt sein. Gonzalos schottischer Caddie Jeff ist ein Urgestein der European Tour, der nicht mit trockenen Kommentaren geizte. Mich durchschaute er sofort.

Am 3. Abschlag begann unsere Runde. Ich werde es nicht wagen, meine Leser mit der Beschreibung einer Golfrunde zu langweilen, aber soviel sei gesagt: Wir waren ein gutes Team. Gonzalo spielte auf den ersten drei Bahnen drei Birdies. Wenn er schwächelte und „nur“ Par spielte, konnte einer von uns punkten. Auf der 6. Bahn spielte Gonzalo seinen einzigen Bogey auf dieser Runde. Ich lieferte meinen Beitrag mit Pars auf der 5. und auf der 8. Bahn. Vom 9. Tee schlug ich einen schönen Tuntenfade. In der Ferne sahen wir die Zuschauer, die sich am 9. Grün versammelt hatten und uns (?) entgegenfieberten. Mit der mir eigenen Nervenstärke zog ich mein Hybrid durch und der Ball flog aufs Grün. Zwei Putts – Par, was für das Team einen Birdie bedeutete, denn ich hatte auf der 9 einen Schlag vor. Gonzalo spielte ebenfalls Par.Am Abschlag der 10. Bahn schlug Gonzalo einen herrlichen Drive bis kurz vor Leverkusen. Dann war ich dran. Etliche Leute standen herum. Ich sagte ziemlich laut:
Könnten Sie sich alle mal umdrehen, ich bin der Amateur und habe Nerven!“
Leider hörten das auch jene Leute, die zum 9. Grün ausgerichtet standen. Sie drehten sich um.
„Nein, ich meine, alle in die andere Richtung schauen!“
Die Zuschauer lachten. Das fanden sie lustig. Jetzt schauten alle her. Mein Drive wurde ein doofer Slice, der im Rough landete. Mein erster richtig vermasselter Abschlag an diesem Tag. Gonzalo fand meinen Ball. Es wurde ein unnötiger Doppelbogey, aber das sind die Momente, wo jeweils ein anderer aus dem Team hervortrat, um sein Feuerwerk abzubrennen. Trotzdem: Ich spürte, dass irgendetwas anders war, als noch Momente zuvor. Es lag in der Luft. Ich wollte meine Mitspieler nicht verunsichern, aber ich fühlte, dass CERN in Genf damit begonnen hatte, Photonenstrahlen durch den neuen Beschleuniger zu schicken.
Als ich in meiner Jugend das erste Perry Rhodan Romane gelesen hatte, wusste ich, dass ich eigentlich dazu bestimmt war, Rhodans Mutantencorps anzugehören. Meine Hypersensibilität wurde in der Schule jedoch nicht erkannt. Ich galt als Zappelphilipp, weil niemand begriff, welche vielfältigen galaktischen Einflüsse auf mich einprasselten, denen ich auch auf meinem Sitzplatz hinter der Schulbank ständig ausweichen musste.
Ich ahnte, dass heute mehr in der Luft lag, als der tägliche Sack Reis, der irgendwo umfiel und mir einen Putt verriss.
Nein, an diesem Tag war es schlimmer. Obwohl der Tübinger Professor Rössler die Welt gewarnt hatte, wurde der Versuch vom CERN gestartet. In den Nachrichten hat man die Kritiker dieses Experimentes als Spinner abgetan, aber mal ehrlich: Wem würden Sie mehr glauben? Einer Gruppe von Wissenschaftlern, die gerade mal ein paar Milliarden versenkt hat und Nägel kauend hofft, dass alles gut wird – oder einem Tübinger Professor, der ausschaut, wie Zacharias Zotch, der Bestattungsunternehmer aus den Lucky Luke Heftchen?
Seit bekannt ist, wie es im Atommüll-Lager Asse  und auf den Gentechnik-Versuchsfeldern der Uni Gießen zugeht, wissen wir, was wir von Sicherheitsexperten, wissenschaftlichen Gutachten und der „mehrheitlichen Meinung bekannter Forscher und Wissenschaftler“ zu halten haben: Nichts! Professor Otto Rössler, wie ich Birkenstocksandalen-Träger, hat die schwarzen Löcher errechnet, die uns alle verschlingen werden, auch wenn sie anfangs sehr klein sein werden, wie er betonte. Ich fühlte, was auf uns zukam.

Wir waren mittlerweile auf dem 11. Grün angekommen, als Gonzalo zu einem schicken Birdie einlochte. Ab der 12. Bahn begannen die Bälle meiner Mitspieler plötzlich und wechselweise zu verschwinden. Wir liefen im Rough herum und suchten, obwohl mir natürlich klar war, was ablief. Aber ich schwieg. Ich spürte das dunkle Drama von CERN näher kommen.
Auf  der 13. Bahn schaute ich in den Himmel, visualisierte meinen Zielpunkt und schlug ab. Im letzten Moment spürte ich, wie ein kleines, schwarzes Loch auf mich zuschoss. Ähnlich musste es Rainer gegangen sein, der auch schon mit mehreren Drives, vermutlich aufgrund einer unbewussten Ahnung, nach rechts ausgewichen war. Also schlug ich im letzten Moment einen Goldrian-Punch und der Ball  sauste nach rechts. Er wurde zum Glück nicht vom schwarzen Loch verschluckt, dafür aber vom Rough. Dem schwarzen Loch immer wieder ausweichend, spielte ich mich Zick Zack voran und schoss eine selbstmörderische 9.
Gonzalo hatte kein Problem mit schwarzen Löchern, da sein Ball so schnell ist, dass er sofort nach dem Schlag aus dem einsteinschen Raum verschwindet und sich erst wieder aus dem Hyperraum materialisiert, wenn er sein Zielgebiet erreicht hat. Die 475 Meter lange 13. Bahn erledigte er mit einem Holz 3 und einem geschmeidigen Eisen 5. Den Putt zum Eagle verpasste er nur knapp. Ab der 15. Bahn begleitete uns Thorsten Gideon als persönlicher Coach von R. Goldrian. Wir Amateure beschlossen, das 15. Grün (Par 3) strategisch geschickt zu umspielen. Damit war die gesamte Fläche für Gonzalo frei, der das Grün traf und zu seinem 7. Birdie einlochte. Das nenne ich Teamgeist!

Auf der 17. erwischten die schwarzen Löcher zuerst Dieter und fraßen seinen Ball, der verschollen blieb. Dann machte sich ein schwarzes Loch auf dem 17. Grün breit, worauf mein perfekt gezirkeltes Eisen 7 an der Photonenstrahlung abprallte und in den Teich rollte. „Quarks“, sagte ein Frosch, gerade als ich meinen Drop mit einem Quanten-Lob einlochen wollte. So wurde es ein Doppelbogey.

Als wir auf der nächsten Bahn abschlugen, war es Mittag und einige Leute hatten sich um das 18. Grün und auf den Tribünen geschart. Ich holte tief Luft und mein zweiter Schlag nach einem guten Drive flog ca. 20 Meter vor das Grün. Mein Chip war etwas zu zaghaft, der Putt lief knapp vorbei. Der gelochte Rückputt von ca. 1,20 Metern vor dieser Kulisse wird in meine Annalen eingehen.
Aber wir waren noch nicht fertig. Bahn  1 und 2 standen uns noch bevor. Auf der zweiten Hälfte der Runde hatte auch bei meinen Kollegen die Kraft nachgelassen. Dieter im Rough demonstrierte nach wie vor Zaubertricks, aber wir glänzten nicht mehr. Wir fühlten uns ausgebrannt von dem ständigen Photonensturm. Auch Gonzalo konnte nur noch Pars spielen. Auf unserer letzten Bahn (2.) hatte ich einen korrekten Drive, verzog meinen 2. Schlag jedoch auf eine kleine Anhöhe rechts vom Grün. Von dort aus waren es etwa 30 Meter zur Fahne, genug Platz, um mit einem hohen, weichen Lob anzugeben. Ich sprach den Ball an, die Kollegen standen um das Grün herum und warteten. Plötzlich spürte ich ein schwarzes Loch, das sich mit relativer Lichtgeschwindigkeit näherte. Relativ deshalb, weil ich das Gefühl habe, dass sich die schwarzen Löcher aus der Schweiz irgendwie langsamer bewegen, höchstens mit halber Lichtgeschwindigkeit. Etwas gemächlicher, aber immer noch schnell genug, um meine Kameraden auf dem Grün zu verschlingen.
Ich hatte keine Wahl: Ich holte aus, schlug fest zu, traf den Ball mittig und die weiße Kugel verschwand in dem schwarzen Loch, das sich schmatzend zurückzog. Der Ball war futsch. Alles war in Millisekunden geschehen und meine Mitspieler schwiegen betroffen. Ich ließ sie in dem Glauben, dass ich den Ball unauffindbar über das Grün ins Aus getoppt hätte. Ich war froh, dass sie noch lebten. Wir gaben uns die Hand. Eine spannende Runde war glücklich beendet und welche kosmischen Dramen sich tatsächlich abgespielt hatten, ist den meisten Teilnehmern dieses Turniers, trotz vieler verlorener Bälle, verborgen geblieben.

Gonzalos Runde war die erste 66, die ich life erleben durfte. Bei der Siegerehrung wurden wir mit unserem Gesamtscore von 60 aufgerufen. Wir hatten einen 5. Platz nach Stechen, Platz 3 und 4 hatten ebenfalls 60 Schläge, Platz 1 (Langer, Becker, Häkinnen, Göttgens) und Platz 2 hatten 58 Schläge gebraucht. Da standen wir nun auf der Tribüne. Bernhard und Erwin Langer sowie Dr. Olaf Göttgens von Mercedes Benz drückten uns die Hand. Jeder bekam einen Mercedes Benz Sportwagen geschenkt und etwas Glas, für die Vitrine.
Meine bisherige sportliche Karriere flackerte wie ein Film an mir vorbei: Der Tag, als ich bei Fahrtenschimmer fast ertrank; der 3000 Meterlauf  zum Sportabitur, bei dem ich so langsam war, dass ich eine  Runde weniger lief, als die anderen, (was niemand auffiel); mein Absturz von einem Berg bei Luzern … und jetzt … im gesetzten Alter, 50 Wochen vor dem Weltuntergang, dieser sportliche Triumph: ein 5. Platz in der Teamwertung!

Dieser Sieg bedeutete mir vielleicht sogar noch mehr, als der Pfefferstreuer, den ich im Vorjahr (mit Christiane G. als Team) für das 1. Netto der Klasse C  entgegen nehmen durfte. Ich schaute von der Bühne herab, sah wie Becker, Häkkinen, Steeb, Jehlen, Golf-Legenden, Major-Sieger, Ryder Cup-Heroen und all die anderen Turnierteilnehmer höflich klatschten.
Eine späte Genugtuung erfüllte mich. Ich schaute Bernhard Langer an. Da standen wir beide mit unseren Bandscheibenschäden, unserem Yips und unseren jeweiligen Erinnerungen. Seit unserer letzten Begegnung hatten sich die Furchen in seinem Gesicht tiefer gegraben, aber er war immer noch fit wie ein Turnschuh. Ich dagegen, mit den rosigen Backen eines Stresshypertonikers, war dick und grau geworden. Bernhard lächelte.

Wir machten die Bühne frei und schlängelten uns zurück zu unserem Tisch, um den anderen Gewinnern zu huldigen. Das Süppchen mit Belugalinsen mit Speckschaum und gebratenem Seeteufelspieß war bereits abgeräumt. Nach den Medallions vom geräucherten Milchkalb auf Gemüsemarmelade, Naturjus und Kartoffel-Karpfen entspannte ich mich etwas und als ich später in die transzendente Frische meines karamellisierten Weinbergpfirsichs mit Cremeeis von Marc de Champagne eintauchte, waren alle Sorgen über schwarze Löcher verschwunden. Im Gegenteil: Wenn schwarze Löcher die Erde (und somit uns alle) schrumpfen lassen, dann würde ich irgendwann in den Mercedes Benz Sportwagen passen, den ich gerade erhalten hatte. Ich betrachtete das Modellauto, das unter dem Tisch stand. Noch 50 Wochen. Ob mein treuer, alter Mondeo bis dahin durchhalten wird? P.S. Gonzalo schoss – ohne uns – am nächsten Tag eine 80, was zeigt, welchen Einfluss unser Experten-Team auf sein Spiel hatte. Am Freitag schienen einige unserer Tipps bei ihm durchgesickert zu sein und er spielte die beste Runde des Tages, eine 66! Er beendete das Turnier mit einem ordentlichen 25. Platz. Na also – geht doch!  

PPS. Hier sind noch ein paar Bilder. Da das mein erstes Picasa-Webalbum ist, sind die Bilder nicht ganz in der Reihenfolge der Geschichte, aber wen interessiert das schon…