Der Scoreflüsterer auf der Tour (Licher Classic 2.Teil)
Warum alles anders kam? Mittelhessen lag unter schwülen Gewitterwolken, und in der Nacht zum Samstag fand ich kaum Schlaf. Vollkommen übernächtigt, wie ich war, hätte ich das Turnier in Winnerod absagen sollen, spielte aber doch und wurde von heftigen Kreislaufproblemen drangsaliert. Auf der 14 wollte ich aufgeben, hatte aber Angst, allein auf dem langen Weg zum Clubhaus, irgendwo in unserer Wildblumenwiese zu verenden. So schleppte ich mich durch die brachiale Hitze, vermasselte meine Runde und fuhr erschöpft nach Hause. Der Gedanke, am nächsten Tag als Günni´s Pflegefall über den Platz geschleppt zu werden, bedrückte mich derart, dass ich ihn anrief und absagte. Es war keine Erleichterung in seiner Stimme zu hören. Er nahm es zur Kenntnis, es war OK für ihn. Sehr professionell und höflich. Er wünschte mir gute Besserung. Am Abend holte ich meine diensthabende Muse ab. Wir fuhren zum Turnier-Dinner, flohen sehr früh und irgendwann schlief ich, tief und fest, den Schlaf der vollkommen Erschöpften.
Am nächsten Morgen sah die Welt anders aus. Ich war topfit und rief Günni an. Ich würde doch kommen, sagte ich ihm. Auch das war ihm recht. „Komm zum Clubhaus“, sagte er, „dort können wir noch einen Kaffee trinken“. Er war sehr entspannt und unkompliziert. Eigentlich genau wie ich, wenn bei mir nicht ständig irgendwelche Dinge passieren würden, die mich davon abhalten, entspannt und unkompliziert zu sein.
Ich verstaute sein Bag auf meinem Powacaddy. Er benutzte eine leichte Nylontasche, kein Tourbag. Während sich Günni warm machte, begann ich, seine herrlichen Dean Ota Blades zu sortieren und zu putzen. Günni hatte ein großes, weißes Handtuch, aber ich benutzte das kleine, schwarze Handtuch, das sich vor einiger Zeit, auf wundersamen Wegen mittels eines mexikanischen Schamanen, bei mir manifestiert hatte. Dieses Handtuch, so sagt die Legende, ward einst genässt von einer Träne der Madonna von Guadeloupe und hat auf Golfschläger eine besonders segensreiche Wirkung. Ich erwähnte das so nebenbei, aber Günni streifte mich mit einem ironisch-fragenden Blick, der mich an das Tape erinnerte, dass er mir bis jetzt noch nicht übers Maul geklebt hatte, und so schwieg ich.
Um 12 Uhr ging es los. Ein, mir bei Turnieren, vollkommen unbekanntes Gefühl von Ruhe erfüllte mich. Gelassen beobachtete ich, wie die Amateure wie verschreckte Hasen hastig herumhetzten. Günni und ich schlenderten zum Abschlag. Er schien etwas besorgt, ob ich die Runde als Caddy durchhalten würde. Also sprach ich mit ihm ein paar Worte, aber nicht zu viel. Aus einer Tasche seines Bag lugte unübersehbar die Kleberolle mit silbernem Bühnentape, die ihm Marc Amort dieser Tage zugeschickt hätte, für Notfälle, falls mal seine Tasche aufreißt, meinte Günni beiläufig. Ich verstand. So genoss ich meine innere Ruhe und fragte Günni höchstens mal so nebenbei, warum er verschiedene Griffe aufgezogen hätte, warum er bei seinen Ellbogen-Problemen keine gedämpften Griffe spielen würde, ob ich nicht doch besser mein Inter-X Therapiegerät aus dem Auto holen sollte und stellte noch ein paar Fragen zu seinen Wedges. Ich hatte mir fest vorgenommen ihn NICHT zu fragen, ob bzw. wie er im Rückschwung atmen würde.
Der wurde von seinen Eltern begleitet, die für zwei Monate nach Europa gekommen waren, um ihren Sohn zu begleiten.
Die Grüns waren schnell, die Amateurinnen strauchelten bisweilen, spielten aber in Anbetracht der schwierigen Umstände, sehr gutes Golf. Mittlerweile war es heiß, wenn auch nicht so schwülheiß, wie am Vortag. Auf der 3. Bahn, einem Par 3, schlug Günni sein Eisen an die Fahne. Ich spannte Günnis Schirm auf, was er offensichtlich als Zeichen erster Schwäche deutete. Sehr besorgt versuchte er, mir den Schirm zu tragen und den Powacaddy in der Spur zu halten, während ich die Hände voller Obst hatte.
Oh ja, das Obst. Schon das Halfway-House, das vor dem 1. Abschlag liegt, sah aus, wie ein Marktstand. Jede Menge frisches, leckeres Obst, frisch gepresste Fruchtsäfte, Milkshakes…und an den Abschlägen standen, neben den obligatorischen Getränkeboxen, jeweils herrlich angerichtete Obstkörbe. Das war aber nicht das übliche EU Fake Obst, was sonst in Clubs als Deko herumliegt, unreif, sauer oder nach nichts schmeckend, sondern richtig gutes Obst. Langsam begriff ich, was Tappertzhofen meinte, als er von der besonderen Qualität seines Turniers sprach.
Während ich meiner „Fit for Life“-Diät nachging und mich mit Aprikosen, Pfirsichen und Erdbeeren vollstopfte, bemühte sich Günni, mit der einen Hand den Trolley zu fahren und mit der anderen den Schirm über mich zu halten. Es war mir etwas unangenehm, aber ein Caddy muss immer wissen, wer der Boss ist und der Boss hat das Sagen. Wenn Günni also unbedingt den Schirm tragen wollte, bitte sehr. Als er dann seinen Balls schlagen wollte, bekam ich meinen Schirm und meinen Trolley ohnehin zurück.Auf den Grüns, ein Handtuch über die Schulter geworfen, hielt ich ganz professionell den Flaggenstock. Ich hatte meine Brille auf die Stirn geschoben, wie man das oft bei coolen Tourcaddies sieht. Das Problem war nur, dass meine Brille 16 Dioptrien hat und so brauchte es mehrere Versuche, den Ball meines Spielers lässig aufzufangen. Schließlich drückte Günni mir den Ball in die Hand, schob mir die Brille auf die Nase und schon war ich zurück in jener Realität, die ich als die Fielmann-Welt bezeichne.
Gestochen scharf erkannte ich, dass ich mit jedem Fuß auf einer Puttlinie stand. Peinlich pikiert, verzog ich mich mit meinem Flaggenstock an den Grünrand und polierte den Titleist Pro V1x mit dem gesegneten Handtuch der heiligen Jungfrau von Guadeloupe. Dann warf ich Günni den Ball lässig zu, verfehlte eine Mitspielerin nur knapp und sah mit Entsetzen, dass der Trolley, den ich nicht richtig abgestellt hatte, bereits auf der Flucht war. Ich rannte meinem Powacaddy hinterher. Kaum hatte ich den eingefangen, sah ich, dass der Flight hinter uns bereits wartete. Ich rannte zurück zum Grün, steckte die Fahne ins Loch, rannte zu meinen Spielern, die mich darauf hinwiesen, dass der Schirm im Loch steckte und ich die Fahne noch in der Hand hielt, rannte zum Loch zurück und steckte die Fahne ein und hastete zum Abschlag, wo sich Günni bereits Sorgen um mich machte und darauf bestand, mir wieder den Schirm über den Kopf zu halten, rangelte mit Günni um den Schirm und gewann, weil er abschlagen musste und den Schirm dabei nicht unter den Arm klemmen konnte. Na, so ging es weiter, aber keine Angst - ich werde nicht die ganze Runde schildern.
Ein starker Moment war, als Günni seinen Ball an der 4. Bahn (Dogleg) über die Tigerline spielen wollte, von einer Böe erwischt wurde und die Kugel in einem sehr tiefen unspielbaren Rough an der Wurzel einer dicken Distel lag. Ich hätte gewettet, dass er einen Drop nimmt, aber er stellte sich ins Gemüse und machte einen Schlag aus dem fetten Zeug, wie ich ihn seit jenem mächtigen Hieb von Darren Clark bei den SAP Open in St. Leon Rot nicht mehr gesehen hatte. Beeindruckend, wie der Ball zum Grün flog.
Dadurch vermittelte ich Günni, wie viel ein Mensch tragen kann, wenn es ein muss. Ich steckte ihm aber auch eine Flasche Apfel-Schorle ins Bag, um ihm zu zeigen, dass für ihn gesorgt wird und er sich fallen lassen darf, solange er nichts von meinem Futter fallen lässt. Das ist die sublime Psychologie der Scoreflüsterer, Freunde!
Auch Cesar Coello spielte gutes Golf. Amateurin Alexandra haderte manchmal mit ihrem Spiel, bis ich sie darauf hinwies, dass sie auf den schnellsten Tour-Grüns von Hessen spielte, und sie für ihr Handicap ausgezeichnet spielen würde. Das schien sie etwas zu entspannen.
Irgendwann tröpfelte es. Gewitterwolken zogen auf. Ich erzählte Günni, dass ich mich nicht mehr aktiv mit dem Wettermachen befassen würde, er aber davon ausgehen könnte, dass wir nicht mit Gewittern rechnen müssten, zumal uns die Hl. Madonna von Guadeloupe schützen würde. Als es dann irgendwann mal krachte, zog Tourdirektor Oliver Carson die Notbremse und blies seine Tröte. Gottlob war die nicht so grässlich laut, wie damals in Friedberg. Damals hatte ich das Gewitter fest im Griff, kein Tropfen war gefallen, aber Herr Carson musste ja unbedingt mit dieser grässlichen Tröte rumspielen. Die war zu laut. Der Himmel erschrak sich und löste eine Sturzflut aus. (Diese Geschichte können Sie hier nachlesen.)
Am Abend, nach der Siegerehrung, gab es tatsächlich daumendicke Gambas und zwar die besten, die ich gegessen habe, seit mein Freund Lord Timbo nach Irland gezogen ist und seinen Profi-Gartengrill mit genommen hat. Der Weißwein war mehr als nur trinkbar, das ganze Buffet war, wie schon beim Herrenmittwoch, außerordentlich gut. Das sage ich, der ewige Meckerer, der über dreißig Jahre Hotel- und Eventgastronomie auf dem Buckel hat, wie vertraute Leser wissen, nicht leichtfertig.

P.S. Wie man mit einem Yardage-Buch umgeht, werde ich an anderer Stelle erzählen, sofern mir Günni seine Geheimnisse verrät.


