Der Scoreflüsterer auf der Tour (Licher Classic 1.Teil)

Schon seit längerer Zeit dachte ich darüber nach, wie ich meine offensichtlichen Qualitäten als Mentalcoach bei Golfprofis anwenden könnte. Wer das Kapitel „Der Scoreflüsterer“ in „Golf Gaga - Der Fluch der weißen Kugel“ gelesen hat, weiß, dass ich mit einer Schamanentechnik arbeite, die ich „Vokalmuzak“ nenne. Das sanfte, aber endlose Geplätscher meiner magischen Stimme, führt meine Klienten in eine Trance, in der ihnen erstaunliche Scores gelingen. Diese Methode habe ich mittlerweile verfeinert. Ähnlich einem Depotdragee, das bestimmte Wirkstoffe nach und nach abgibt, wirken meine hypnotischen Einflüsse mittlerweile über mehrere Tage.
Jeder Berufene, der an seinem Clubkaninchen herumdoktert, wird nachvollziehen können, wie groß der Reiz ist, gewisse Tricks auch mal an einem echten Profi auszuprobieren. Aber woher nehmen? Ich schrieb mehreren golferisch gescheiterten Existenzen wie Seve Ballersteros, Björn Borg und Oliver Heuler und bot ihnen meinen Dienste an. Aber leider – leider – hatte ich wenig Resonanz, genauer gesagt gar keine.
Dann kam mir ein Zufall zur Hilfe.
Ihr werdet Euch entsinnen: Ich hatte kürzlich im Licher Golfclub einen Herrenmittwoch mitgespielt. (siehe: Im Rausch der Bälle) und die Grüns von Mark Timberlake hatten mich derart beeindruckt, dass ich kurzerhand noch einmal nach Lich fuhr, um verschiedene Putter für meinen Golfmotion-NewsletterCoole Putter für heiße Runden …“ zu testen. Dabei erfuhr ich, dass die EPD Tour bald zur jener berühmten Licher Classic aufteen würde, die Headpro Uwe Tappertzhofen zum 8. Mal veranstaltete. „Ha, Profis!“, dachte ich und leckte mir die Lippen.
Am Abend rief ich Marc Amort an, um ihm eine Gute Nacht-Geschichte zu erzählen. Nachdem er fast weggedämmert war, sagte ich: „Hör mal, Marc, spielt nicht einer von Deinen Buben in Lich mit?“
Mit seinen Buben meinte ich Christoph Günther und Marcel Haremza, die beide von Marc Amort gecoached werden.
Klar, alle beide“, entfuhr es ihm und plötzlich war er wieder hellwach, als ihm klar wurde, worauf ich hinaus wollte. Er hatte das Kapitel „Der Scoreflüsterer“ noch in den Knochen und der Gedanke, dass ich versuchen könnte, einen seiner Eleven mit der Geisel meiner Zunge zu Höchstleistungen zu peitschen, verursachte ihm einen Panikanfall.
Nein, bitte nicht, nicht meine Buben“, stammelte er, „dass kannst Du ihnen nicht antun“.
Ich will Deinen Buben nichts antun“, beruhigte ich ihn.
Ich will einfach nur mal mitgehen, zum Beispiel als Caddy, um das Spiel aus der Profi-Perspektive zu erleben.“
Nicht meine Buben“, bat er eindringlich. “Sie spielen derzeit so gut.“
Das war richtig. Beide hatten 2008 bereits einen Tour-Sieg erlangt, Christoph Günther stand an erster Stelle und Haremza an guter Position der EPD Tour - Rangliste.
Genau dann sind sie reif für eine echte Prüfung“, sagte ich.
Die Qualifikation für die OPEN ist eine Prüfung“, sagte Amort, “aber Du bist eine Heimsuchung“.
Damit spielte er offensichtlich auf ein Pro/Am an, dass wir gemeinsam vor Jahren gespielt hatten. Er hätte es leicht gewinnen können, aber irgendwann fragte ich ihn, ob bzw. wie er im Rückschwung atmen würde. Das hätte ich besser lassen sollen.
Und wenn ich mich tapen lasse? Dann sage ich kein Wort!“
Wenn man Dir das Maul verklebt, könnte einer von den Jungs vielleicht bereit sein, Dich mitzunehmen“, murmelte er resigniert. Ich hörte, wie er leise vor sich hingrummelte. Ich sagte nichts und hielt die Stille aus, um ihm zu beweisen, dass ich, wenn es ein muss, „Hundert Jahre Schweigen“ kann. Irgendwann seufzte er sehr müde: „Also gut, ich frage mal nach“.
Ich hatte wenig Hoffnung, aber wenige Tage später schrieb Marc: „Hola Eugen, sie sind in Lich und freuen sich, wenn Du Dich meldest.“
Sie freuen sich? Das machte mich misstrauisch. Was hatte er seinen Buben erzählt? Würden sie mich im Licher Forst an eine Eiche fesseln, wie ich das in meinen Zeiten als Liedermacher und fahrender Sänger so oft erdulden musste?
Amort hatte die Mailadresse von Christoph Günther mitgeschickt. Warum es den traf, wissen die Götter. Vielleicht haben die „Buben“ Streichhölzer gezogen oder Günni, wie er genannt wird, hat mich als disziplinarische Maßnahme aufgebrummt bekommen. Es sei denn, Marc hätte mittlerweile begriffen, dass ich wie ein Traininggerät für die Nervenstärke wirke, ähnlich, wie wenn ein Läufer mit Gewichten an den Beinen rennt.
Ich schickte Günni eine Mail und der schrieb mir zu meiner großen Überraschung sofort zurück. Dann telefonierten wir und machten klar, dass ich ihn bei dem Licher Classic ProAm am Sonntag als Caddy begleiten würde. Ich wäre gerne schon am Tag zuvor gekommen, um ihn kennenzulernen, hatte aber zugesagt, am Samstag ein Charity-Turnier mitzuspielen. Also verabredeten wir uns für Sonntagmorgen im Clubhaus. Tappertzhofen hatte in unserem Gespräch am Puttinggrün gegrillte Scampies und trinkbaren Weiswein erwähnt und so blickte ich dem Sonntag wohlgemut entgegen.
Die Tage vor dem Turnier frischte ich meine Caddy-Kenntnisse auf. Im Spicygolfforum entdeckte ich zwei wichtige Sätze: „Wenn Du als Caddie keine Fehler machst, hast Du Deinem Spieler schon Schläge gespart“, und „Kommt nicht auf die Idee, dem Spieler zu erklären, wie Golf geht.“ Das leuchtete selbst mir ein.
Ich bin von einer Zeit geprägt, als der Caddy noch nicht der Sparring-Partner eines Spielers in der Mucki-Bude war, sondern mit seinem Chef leidenschaftlich und ausdauernd gesoffen hat. Mark James, Sam Torrance, Mark Roe… die guten, alten Zeiten, als der jetzige Golf-Clown des US Fernsehens David Feherty die BMW Open in München gewann …
Mein Frauenbild wäre nicht von meiner Mutter, sondern von Fanny Sunneson geprägt, sagte meine Therapeutin kürzlich.
Von meinen Pro/Am-Erfahrungen habe ich viel profitiert, leider waren es zu wenige. Golfautoren werden selten eingeladen, aber immerhin waren es ein paar Pro/Ams, auch auf der European Tour und mit den Caddies hatte ich dann immer einen speziellen Draht gehabt. Das angesagte Buch für angehende Tour-Caddies, „Four Iron in the soul“ von Lawrence Donegan hatte ich schon vor Jahren in Irland inhaliert.
Also plante ich mein Wochenende als Caddy (und insgeheim „Scoreflüsterer“), ging meine Checkliste durch und entdeckte bei den Punkten Ausdauer, Kondition und Beine wie Baumstämme, dass meine Chancen, vielleicht doch Profi-Caddy zu werden, schlecht standen. Ein paar Tage lang versuchte ich, jemanden zu finden, der Ausdauer, Kondition und Beine wie Baumstämme hatte, damit der unter meiner Anweisung die Tasche meines Spielers tragen würde, sozusagen als Hilfs-Caddy. Wieso nicht – solange der meinen Spielern nicht mit irgendeinem Psychoscheiß voll quatschen würde? Dann verwarf ich diese Idee und pumpte meinen Powacaddy mit Greenpeace-Ökostrom voll.
Ich fragte Günni, ob es Ok. wäre, wenn wir uns jener modernen, vollelektronischen HighTec-Mittel bedienen würden, die uns heute, als Klimax einer etwa drei Milliarden Jahre andauernden evolutionären Entwicklung, zur Verfügung ständen. Er fand das cool.
Aber dann kam alles anders.

(Fortsetzung folgt…)