Karsten Kuhnen kommt!

Am Dienstag, dem 27.Mai, im Jahre des Herrn 2008, lernte ich Karsten Kuhnen erstmal persönlich kennen. Lange hatten wir geplant, eine gemeinsame Runde im Golfpark Winnerod zu spielen. Kuhnen, der physiognomisch an Darren Clark erinnert, (bevor der mit seinem unsäglichen Fitnesswahn begann), zeigte sich als humorvoller Golfer, der sich durch nichts aus der Fassung bringen lässt, was eine gute Vorrausetzung ist, um mit mir Golf zu spielen.
Belassen wir es dabei, dass es ein ereignisreicher Tag  war. Zu gerne hätte ich ein Bild von uns beiden mit dem Titel „Zwei Schwergewichte im Golfweb“ veröffentlicht, da unsere Web-Seiten addiert immerhin ein Page-Ranking von 18! auf die Waage bringen, wobei Kuhnen mit PR 5 klar führt. Aber Karsten wünscht keine Bildveröffentlichungen. Vermutlich hat er Angst vor Kidnapping. Außerdem haben wir vereinbart, über den Verlauf unserer Trainingsrunde einen Mantel des Schweigens zu hüllen, wie das auch in den Rennställen der Formel 1 üblich ist. Karsten Kuhnen wollte als Sparringpartner mit mir trainieren. Außerdem wollte er meine Trainingsbedingungen dokumentieren.
Wer ist Karsten Kuhnen, mag ein Leser fragen, der sich hierher verirrt hat. Das ist schnell erzählt: Kuhnen ist sozusagen der Star-Designer der Golfblogszene, Kreator der „Leading Golfblogs“ und die einzige mir bekannte Privatperson mit einem Google-Pagerank 5.
Im letzten Sommer hatte ich Karsten Kuhnen angesprochen, nachdem ich entdeckt hatte, dass sich seine feine Handschrift quer durch die deutsche Golfblogger-Landschaft zieht. Er war sehr schnell in der Lage, meine Idee von Golfgaga.de  visuell zu realisieren und dann konzipierten wir .cybergolfnews.de, eine Website, auf der alle relevanten Blogs, Foren und Tournachrichten auf einer Seite einsehbar sind.
 
In Winnerod herrschte schiere Aufregung. Wir hatten noch nie einen Gast mit Pagerank 5, was heute ein wesentlich größeres Statussymbol ist, als ein einstelliges Handicap oder ein dickes Auto. Um ehrlich zu sein, wusste niemand im Club, was Pagerank 5 bedeutet, aber als ich dem Club-Manager klar machen konnte, dass ein Link von der Kochwerkstatt auf unsere Gastronomie mehr Wert ist, als 3 Sterne von Michelin, kam Bewegung in die Sache. Der Grenkeeper-Schuppen glich einem Hornissennest.
 
Ich hatte die Golfplätze aus Karstens Heimat nur noch schemenhaft in Erinnerung, aber wir versuchten, es für Karsten so schön wie möglich zu gestalten. Der „Kuhnen“-Ausschuß einigte sich darauf, dass wir uns am Zustand des öffentlichen Golfplatzes „Lausward“ in Düsseldorf, Mitte der 80ger Jahre orientieren würden und die Greenkeeper begannen, den Sand aus allen Bunkern zu kratzen. Die berühmten, pfeilschnellen Grüns von Winnerod wurden abgestumpft, die Fairways nicht mehr bewässert – Karsten sollte sich in dem karstigen Trockenbiotop, das wir geschaffen hatten, wie zu Hause fühlen.
Probleme hatten wir nur mit der hessischen Hügellandschaft, die wir in der Kürze der Zeit nicht abtragen konnten. Dafür konnten wir einen Geier engagieren, sowie einen Leguan und eine Schlange und was sonst noch so in dem Düsseldorfer Hafengebiet meiner Erinnerung herumkroch, wobei ich mir nicht sicher war, ob es damals in Düsseldorf wirklich Leguane an der Lausward gab, oder zu nur viele Drogen. Schafe gab es mit Sicherheit in der Rheinaue, und so baten wir einen regionalen Schäfer, seine Herde in der Nähe zu versammeln, damit das romantische Blöken weit über den Platz zu hören wäre. 

Dann kam Karsten. Die Greenkeeper, das Club-Management, die Pros, eine Abordnung der Clubmannschaft und natürlich der Herr Präsident standen Spalier, als Kuhnen die frisch geteerten Einfahrt zum Golfclub Winnerod herauf fuhr. Unsere Damenmannschaft hatte sich  in hübsche Cheerleader-Kleidchen gezwängt, wackelte mit bunten Puscheln und jubelte Karsten zu. Als der langsam aus seinem Wagen ausstieg, wirkte er etwas erstaunt, vielleicht auch irritiert, über so viel (unerwartete?) Gastfreundschaft.In dem Moment trat unsere gereifte „Clubschönheit“ auf ihn zu, die seit 20 Jahren, anlässlich der oberhessischen Apfelweintage, aus der Not geboren, immer noch die „Ehrenjungfrau“ geben muss, und begrüßte Karsten mit einem Liebesgedicht von Rilke. In ihren Augen glitzerte die Hoffnung, bei so viel gestandenem Mannsbild endlich einmal unter die Räder zu kommen.
Aber Karsten, der auf der Reise nach Winnerod festgestellt hatte, dass sein neuer KIA ziemlich mühelos 200 km/h fahren kann, hatte andere Gedanken. Er nahm die Huldigungen gelassen entgegen und nickte dem Empfangskomitee kurz zu, um dann sein Bag auf dem mit Blumengirlanden verzierten Buggy zu verstauen, an dem der Club-Manager noch eigenhändig mit seiner Krawatte herumpolierte.
Dann ging es los, wobei der Caddymaster noch ein kleines Problem lösen musste, unser Pixiklo auf Rädern stabil am Buggy zu befestigen. Karsten, der es offensichtlich nicht gewohnt ist, mit Pixiklo am Buggy zu Golfen, schaute etwas pikiert, aber ich dachte mir: da muss er durch.
Ich habe in meinen Texten nie einen Hehl aus meiner Blasenschwäche gemacht. Dem Bericht über eine Tagung zum Thema Inkontinenz, die kürzlich im Nachbarort Watzenborn-Steinberg unter dem Motto „Na, wie läufts?“ stattfand, entnahm ich, dass Personen, die unter Blasenschwäche und Inkontinenz leiden, große Probleme haben z.B. Konzerte  und Sportveranstaltungen zu besuchen. Es ist ein gesellschaftliches Tabu, aber gerade im Golfsport geht es für die Damen besonders ungerecht zu, weil es a
uf der Runde keine oder kaum Toiletten gibt. Die Herren gehen in die Büsche und die Damen können ja angeblich „länger halten“, was aber bei älteren Frauen oft nicht der Fall ist und dazu führt, dass sie auf der Runde keine Flüssigkeit zu sich nehmen. Dann sind sie schnell dehydriert und spielen entsprechend, wobei wir jetzt nicht den Umkehrschluss machen sollten, dass jeder schlechte Golfer inkontinent ist.
 
Ich hatte zumindest nach der Tagung in Watzenborn-Steinberg den Eindruck, dass es für einen gereiften Gentleman unwürdig ist, wie ein Dackel an jedem Busch zu markieren und konnte den Vorstand überzeugen, dass der Buggy mit Pixiklo eine echte Serviceinnovation im Golfsport darstellt. Kuhnen zuckte kurz, als die blaue Kiste hinter uns beim Losfahren zu Gurgeln begann, aber er schwieg.
 
Der Platz war seit zwei Stunden gesperrt und so kamen wir schnell voran. Es wären auch sonst an diesem Nachmittag wenige Spieler vor Ort gewesen, da die regionale Erotik-Sauna ihr fünfjähriges Jubiläum feierte und 1500 Golfer erwartet wurden, die sich Dienstagnachmittags, wenn der Platz wegen dem Damengolf gesperrt ist, andere Ablenkungen suchen.
Ich sprach das Jubiläum der regionale Erotik-Sauna aber nicht an, da ich „Männergespräche“ scheue und bei einem Dinner höchstens mal die Problematik der erektilen Dysfunktion unter Golfspielern streife, die nach meiner These unmittelbar mit dem Phänomen des Yips verbunden ist. Günther Steinmetz von der Impotenz Selbsthilfe – München hatte das Thema „Wenn Man(n) nicht kann! ebenfalls auf der Tagung in Watzenborn-Steinberg angesprochen, wobei mir nicht bekannt ist, ob er in dem Zusammenhang auf die Problematik des Yips einging. 
Wir durften vor dem Damenturnier abschlagen, die Bahn war frei, die Problematik der erektilen Dysfunktion jetzt nicht unser Thema und als Karsten loslegte, durfte ich sehr schnell erkennen, dass er ein ausgezeichneter Golfer mit einem überraschend ruhigen Schwung ist. Nur das mit den Grüns hatten wir etwas übertrieben. Ganz so stumpf war es Karsten dann doch nicht gewohnt. Als sein Eagle-Putt auf der 4. Bahn, downhill, kurz vor dem Loch verhungerte, machten sich die Greenkeeper, die ängstlich hinter den Bäumen hervorlugten, sofort daran, die Grüns, die noch vor uns lagen, platt zu walzen. Die 5. Bahn ist ein Dogleg, das Grün nicht einsehbar und ich wusste nicht, wie lange JC und sein Team brauchen würden, um das Grün neu zu präparieren.
Also musste ich Zeit schinden und gab das Zeichen, dass man Hermann den Geier loslassen sollte, der den Steilanflug auf Menschen nach etlichen Jahren im Filmgeschäft, immer noch tadellos beherrschte, auch wenn er, jetzt im Rentenalter, wesentlich langsamer flog. Ein Geier ist kein Raub- sondern ein Aasvogel, der nicht wirklich angreift, es sei denn, das kleine Lämmchen hat sich gar zu weit von seiner Mutter entfernt, oder man hat, wie ich, ein Stück faules Fleisch im Bag versteckt.
Karsten, der sich auf den ersten Bahnen nicht anmerken lassen wollte, dass die Transpiration seines Gastgebers ans Widerliche grenzte, sprang bei Hermanns erstem Anflug vom Buggy und verschanzte sich im Pixiklo. „Da ist er wieder“, rief ich gespielt entsetzt. „Der alte Menschenfresser ist ausgebrochen!“

Mit Kuhnen im Pixiklo raste ich zum nächstgelegenen Waldstück. Als ich anhielt, kroch Karsten bleich und mehrfach desinfiziert aus seiner Deckung. Ich erzählte ihm, dass Lämmergeier, ähnlich wie Tiger, nach dem einmaligen Genuss von Menschenfleisch nicht mehr davon lassen können. Dieser Geier wäre eine Plage, käme aber nur selten, vermutlich wegen der Rabbits, zum Club; bei vorgabewirksamen Turnieren würde ein entsprechender CSA für Ausgleich unter den Opfern sorgen.
Kuhnen schien irritiert, aber gefasst. Der Wald bot ihm Sicherheit und so setzte er sich neben mich auf den Buggy und versuchte, sich zu entspannen. Als er sich zurücklehnte, wachte der Leguan im Körbchen hinter dem Sitz unter meine Jacke auf und begann dummerweise, mit seiner langen Zunge in Karstens Ohr rumzuzüngeln. Nein, das mochte Karsten wirklich nicht. Entsetzt starrte auf das Viech, das mit seinen Glotzaugen rollte.
Es war vollkommen unpassend vom Caddymaster, gerade in diesem Moment unser Irmchen ins Spiel zu bringen und ich habe ihn danach auch heftig gescholten. Wie sollte Karsten wissen, dass unser Headpro als umsatzstarker Cobra-Golf-Verkäufer im Proshop eine alte Cobra hielt. Dieses Maskottchen, Irmchen genannt, lag meist faul in einem Korb herum und hatte weder Zähne, geschweige denn einen Giftbeutel, was Kuhnen aber nicht wissen konnte. Da stand sie nun aufrecht an seiner Seite des Buggy und hatte mit letzter Kraft die Backen aufgeblasen und zischte bedrohlich. Hinter Kuhnens Nacken änderte der Leguan gerade seine Farbe von Nike-Gelb auf Cobra-Gelb und glotzte blöde. Das alles mochte Karsten Kuhnen nicht so gerne, wie mir schien.
Es war ein etwas peinlicher Moment und ich war wirklich erleichtert, als ich den Schuss hörte, den wir vereinbart hatten, um zu signalisieren, dass das Grün gerichtet wäre.
 Über uns prasselte es in dem Bäumen und wild mit den Flügeln schlagend, klatschte uns der Geier an die Scheibe, verdrehte die Augen, zuckte kurz und verendete mit einem leisen Seufzer. Für diese Nummer hatte sein Besitzer einst einen Tierfilm-Oskar bekommen und der alte Hermann konnte immer noch vollkommen überzeugend den Geier Sturzflug mimen. „Wird auch Zeit, dass die das alte Mistviech endlich umgelegt haben“, sagte ich und wendete den Buggy, um Hermann abzuschütteln. Karsten schwieg.

Endlich konnten wir an der 5 abschlagen. Sein Drive landete nach einem blinden Schlag über die Tigerlinie (in Winnerod Geierlinie genannt) kurz vor dem Grün. Sein Chip war wohltemperiert, zumindest für stumpfe Grüns. Dieses Grün war aber gerade doppelt gewalzt worden und so schoss sein Ball pfeilschnell über die schräge Billardplatte in den nächsten Bunker hinein. Der hatte aber keinen Sand mehr. Der Boden war von einer feinen, zementartigen Staubschicht bedeckt, die uns damals, an der Lauswart, lehrte, den Ball mit der 9 heraus zu chippen. Karsten, dem das nicht ganz klar war, versuchte, sein Sandeisen (12 Grad Bounce) mit  einem mächtigen Hieb unter den Ball zu bekommen, aber er traf auf reinen Basalt. Die Schlacken des hessischen Vulkans „Vogelsberg“, der angeblich erloschen ist,  liegen in ganz Hessen herum und wir sind nicht der einzige Club, bei dem der Architekt einen Sandbunker direkt auf einer Basaltplatte angelegt hat. Ich hatte mich etwas vom Ort des Geschehens entfernt, um den Schäfer herbeizuwinken, damit der mit seiner Truppe für etwas Folklore und Entspannung sorgen sollte und konnte nur ahnen, was Karsten im Bunker erlebte.
Wenn ein kräftiger Mann mit beiden Armen ein Stück Eisen voller Wucht auf einen Stein schlägt, dann kann man davon ausgehen, dass seine Armgelenke mehr Schaden nehmen, als der Stein oder das Eisen. So geschah es auch dem armen Karsten, dessen Arme, wie vom Blitz getroffen, taub herunterhingen, während der Ball sich nur unwesentlich bewegt hatte. Unpassenderweise näherte sich ihm, in diesem Zustand vollkommener Wehrlosigkeit, unsere Club-Jungfrau, die ihren Auftrag offensichtlich vollkommen missverstanden hatte oder sich endlich aus ihrer ewigen Rolle befreien wollte.
In der Ferne hörte ich Karstens entsetzten Schreie, aber sein Schäferstündchen mit der eisernen Clubjungfrau ging in dem Geblöke der Schafherde unter, die mittlerweile herangezogen war und die beiden in ihrem sandigen Liebesnest wie eine Woge überschwemmte.
 
Damit will ich es für heute beschließen, da ich, wie gesagt, mit Karsten ausgemacht habe, über diese Runde keine Details zu veröffentlichen. Mir ist die Intimsphäre von Gästen heilig, zumal mir im Gegenzug versprochen wurde, dass mein Score nicht veröffentlicht wird.

So könnt Ihr Golfhamsters da draußen an den Bildschirmen nur spekulieren, wie es mit Karsten weiterging, denn von mir erfahrt Ihr kein Wort mehr. Ehrensache!