Im Rausch der Bälle

Ja, schon wieder ein Turnier gespielt. Wer mich kennt, reibt sich die Augen. Ich spielte den Herrenmittwoch im Licher Golfclub, der sich in hervorragendem Zustand präsentierte.

Die zufällige Begegnung mit Head-Greenkeeper Mark Timberlake in einem Pub, hatte mich neugierig gemacht. Seit Jahren habe nicht mehr in Lich gespielt, was seine Gründe hatte.

Der Platz genießt einen ausgezeichneten Ruf in Hessen; immerhin gibt sich die EPD Tour dort seit Jahren die Ehre.
Für diesen Herrenmittwoch hatte Mark die Grüns auf flott getuned, 3.7 Stimpmeter, wenn ich nicht irre. Mitglieder des Club, die am Tag zuvor gespielt hatten und moderatere Geschwindigkeiten gewohnt waren, knurrten schon auf dem Puttinggrün.

Von meinen Clubkameraden knurrte niemand. Wir alle waren dankbar, auf glatten, treuen Grüns spielen zu dürfen. Na gut, nächstes Jahr werden unsere Grüns auch so aussehen, denn mit J.C. haben wir jetzt auch einen sehr guten Greenkeeper im Club. Aber gut´ Ding hat eben Weil´ und schnelle Grüns kann selbst der liebe Gott nicht in sieben Tagen herbeizaubern.

Wobei: Im Winter waren unsere Grüns so schnell, wie wir sie uns den letzten Jahren im Sommer gewünscht hätten. Da kam dann auch niemand mit zurecht. Jenen Mitspieler, der die Winneröder Grüns Anfang April als „für die Jahreszeit zu schnell“ kritisierte, hatte ich ja schon mal zitiert. Aber bei uns sind die Grüns noch etwas unregelmäßiger als in Lich, und Treue zahlt sich aus. Master Herbie (Endlich einstellig!), der seinen Ball locht, wo immer das Grün ihn lässt, zeigte mit seinem 1. Brutto, was man erreichen kann, wenn man kein Rough fürchtet.

Ich habe auch gut geputtet. OK, ich hatte mehrere Dreiputts, weil ich die Grüns an den sicheren Stellen anspielte, die dann die falschen Stellen waren und noch sehr lange Putts zum Loch forderten, die nicht immer reingehen konnten, aber wirklich – ich war sehr zufrieden. Ich hatte den Plan, in meiner Konzentration zu bleiben, und den hielt ich durch. Ich spielte drei Schläge über meiner Spielvorgabe, was auf diesem Platz ordentlich ist. Wenn mich etwas Schläge kostete, dann waren das, außer zwei unglücklich verlorenen Bällen, alles Konzentrationsmängel. Keine Schwungprobleme, kein Yips, kein Zittern.

Hintergrund dieser angenehmen Erfahrung ist, dass ich, seit ich mich auf „Endlich einstellig!“ konzentriere, mein Gefühl zu Turnieren zu verändert habe. Die letzten Jahre war ein Turnier für mich eine lästige und gefürchtete Pflicht, von der ich so begeistert war, wie von einem Zahnarzt-Besuch.

Aber mit dem Entschluss, es doch noch mal (im Rahmen meiner Möglichkeiten) auf sportlicher Ebene zu versuchen, habe ich mir überlegt, was ich früher anders gemacht habe, als ich noch Turniere gewinnen konnte. Ganz klare Antwort: Golf hat mir damals Spaß gemacht. Ich habe mich auf knifflige Situationen gefreut, weil ich ein so guter Rough-Spieler war. Besonders wichtig: Ich habe mich damals für den tollsten Putter überhaupt gehalten und war fest davon überzeugt, dass ich in meiner Spielklasse gewinnen konnte. Mit der Konzentration auf mein sportliches Ziel, sind mir außerdem eine Menge Dinge einfallen, die ich zwar mal wusste oder sogar im „Weg der weißen Kugel“ beschrieben habe, dann aber vergaß oder nicht mehr beachtet habe. Dank der Lektüre von Büchern, die mir einst viel bedeutet haben, erinnere ich mich erneut an jene Fähigkeiten, die ich mir jahrelang mühsam erarbeitet hatte.

Am Tag nach dem Turnier, fuhr ich zum Training gen Attighof. Das herrliche Wetter hatte sich verabschiedet; noch war es warm, aber es sah nach Sturm und Gewitter aus. Ich stand im Nieselregen und war mit meinen Pitches beschäftigt, da sich die Wedges von Meister Kimura mit einem solchen Genuss spielen lassen.

Als ich dann irgendwann fahren wollte, kam doch noch mal die Sonne hervor. Der Platz war menschenleer. Die Vögel zwitscherten ihr Abendlied. Da fiel mir etwas ein, was ich lange Jahre nicht mehr gemacht hatte, eine Übung, der ich zu meiner Zeit auf dem Attighof gerne in der Dämmerung nachging: Ich nahm nur ein Eisen 5 und zwei Bälle und ging zum 10. Abschlag. Wer den Attighof kennt, weiß, dass zwei Bälle ein knapper Vorrat sind, besonders, wenn das Kraut schießt. Mit meinem neuen Eisen 5 hatte ich mich noch nicht so richtig angefreundet und fühlte mich etwas unsicher damit, aber mein Abschlag war aber sauber getroffen und ich marschierte los.
Rechts von der 10. Bahn liegt die Driving Range. Ich weiß nicht, welches Monster an diesem Tag 250 Meter Drives  über den Zaun geschlagen hatte, auf alle Fälle lagen auf dem Fairway drei Rangebälle. Die wollte ich über den Wald zurück auf die Driving Range schlagen. Ohne nachzudenken, wie hoch die Bäume sind oder dass es mein Eisen 5 ist, das ich spielte, stellte ich mich an den Ball, holte aus und schlug die Kugel in einem herrlich, weichen Bogen zurück auf die Range. Wutsch.

Mit den beiden anderen Bällen klappte es genauso. Kein Denken, nur zum Ziel schauen, dann wutsch und weg. Da fiel mir die alte Übung ein, die ich im „Weg der weißen Kugel“ beschrieben habe (Im Rausch der Bälle S. 113). Dieses zum Ball gehen, Ziel spüren und gedankenlos schlagen – ein im kindlichen Sinne selbstvergessenes Spielen.

Viele Übungen des Geistes, die uns Mentaltrainer empfehlen, um die hundert Affen unserer Gedanken zu bändigen, haben ihren Sinn, aber das sind Gedankenübungen für unsere Gedanken. Die vielzitierte unmittelbare Erfahrung des JETZT ist ein Moment der Gnade und für mich der eigentliche Kick im Golfspiel und im Leben überhaupt. Solche Momente wünsche ich Euch von Herzen!

P.S. Ich weiß jetzt: mein Eisen 5 fliegt, wenn ich es sauber treffe, 160 Meter. Ich kann damit chippen, nicht so gut (wie mit dem Wedge) putten, habe zwei Bunkerschläge geschafft und auf der 18. Bahn aus ca. 50 Meter über den Teich gepitcht. Wir sind jetzt Freunde. ;-)

PPS. Beide Bälle haben überlebt.