Meine Schwester Barbara …
Endlich! Deutschland bewegt sich. Mit Golf! Diese Meldung des DGV, die so absurd klingt, wie die Solidaritätsbekundungen der CDU-Obristen für den Dalai Lama, gedachte ich heute, auf die mir häufig nachgesagte, bösartige und zynische Art, genüsslich zu sezieren.
Aber die blühenden Raps-Felder, das Zwitschern der Vögel und der Gedanke an die gestrige, schöne Runde mit meiner Schwester Barbara stimmen mich versöhnlich.
Die Freude, dass sie, meine Schwester, wieder beweglich geworden ist, ist mir um Vieles größer, als der Schrecken, den die golferische Pfingstbewegung vom Europapark Rust aus verbreiten könnte.
Als meine Schwester Barbara zu Pfingsten anreiste, stand ihr die Angst, nie wieder Golf spielen zu können, noch ins Gesicht geschrieben. Diese Angst teilte sie mit dem ehemaligen Masters-Sieger Olazabal, der unter Freunden zärtlich Jamie oder Olli genannt wird, während sich meine Schwester Barbara schon die Kurzform „Bärbel“, auch im Familienkreis, strikt verbittet.
Warum hatten die beiden Angst?
Weil Olli der Fuß so weh tat, wie meiner Schwester Barbara die Schulter, und zwar derart, dass beider Golfkarriere zur Disposition stand. Sie werden noch nicht viel von der Golfkarriere meiner Schwester Barbara gehört haben, aber das ist vollkommen unwesentlich, da ihr intensives Bemühen um den Weg der weißen Kugel hauptsächlich vom olympischen Gedanken genährt wurde und dazu führte, dass sie nach einem Jahr die Platzreife erlangte, die ihr bis heute, zehn Jahre später, immer noch nicht aberkannt wurde!
Das mag sich etwas spöttisch oder schmählich lesen, ist aber keinesfalls so gemeint, denn ich sitze immerhin mit den gleichen genetischen Defekten im demselben Glashaus und träume von der Einstelligkeit meines Seins, obwohl ich weiß, dass die hundert Mücken in meinem Hirn und die „vielfältigen Gebresten des Leibes“ dunkle Schatten werfen.
Als ich mit meiner Schwester Barbara, dereinst im Mai, über Schottland flog und das Land zu unserer Verwunderung noch weiß bedeckt war, zog sie einen roten Ball aus ihrer Handtasche, um mir Mut zu machen. Als ich dann auf die Idee kam, in Royal Dornoch bei Schneehagel und Eisböen ein Turnier mitzuspielen, schleppte sie sich neben mir her, duckte sich hinter mein Bag und stand mir bei, der ich, in der Eishölle von Dornoch, alle Hoffnung fahren lassen musste.
Ein paar Tage später beobachtete ich aus der Ferne, wie sie über den uralten 9-Loch Küstenplatz „Gairloch“ zuckelte, ihren Ball vor sich her toppte und verwundert zum Himmel schaute, wenn er, einem Wunder gleich, ein paar Meter durch die Luft flog. Dann sah ich sie wieder die Schulter hängen lassen, weil die Kugel in eines der finsteren Sandlöcher gehoppelt war, aus denen sie kaum sich selbst, geschweige denn ihren Ball, befreien konnte.
Zurück in meinem damaligen Heimatclub Loch Carron, Western Ross, zog sie auf einsamen Bahnen stundenlang im Nieselregen ihre Runden (wir hatten und darauf geeinigt, getrennt zu spielen, weil ich aus ihrer Sicht im Zeitrafferstatus lebe), suchte ihre Bälle, verschwand im Moor und in den Senken, tauchte wieder auf, und erlebte ihr Golf auf ihre Art, was nicht minder befriedigend war, wie Ollis Masterssieg oder meine Eilschrittrunden. Kurz: Ich spürte damals, dass sie, egal wie sie spielte, mit Herz und Seele Golferin ist und diese Lust und Bürde mit Ehre und unter Schmerzen zu Tragen bereit war.
Ich beschreibe das so ausführlich, weil ich immer noch die Ansicht vertrete, dass der „Spirit of Golf“ ein ganz besonderer Geist ist, dass eine „Golferfahrung“ erwecken oder verblöden kann und der Golfsport als Massenbewegung nur bedingt taugt. Besonders, wenn die tatsächliche Motivation, die Menschen auf die Wiese zu treiben, darin besteht, ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Mit Herz und Seele Golfer sein, ist nicht vom Score abhängig, nicht vom Outfit, nicht vom Club und hat nichts mit dem Handicap zu tun, sondern allein mit der inneren Einstellung, durch die dieser “Sport”, weit weg vom dem Marketing-Geblöke der “Golf-Macher”, zu einer tiefen, inneren Erfahrung werden kann.
Meine Schwester Barbara und Olli hatten dann das Pech, in jene großmäulige Ärztemühle zu geraten, die in ihrer bornierten Arroganz die kleinen Dinge gerne übersieht, die sich nicht so lohnend abrechnen lassen, wie zum Beispiel eine Kernspintomographie. Olli hatte mit „Doc Müller-Wohlfarth“ damals seinen Retter gefunden, der, soweit mir bekannt, einen Bandscheibenvorfall diagnostizierte. Ollies nächster Schritt wäre die Ursachenforschung gewesen, die ihn zu einem guten Heilpraktiker hätte führen können. Das hat er offensichtlich unterlassen und jetzt wird jeder Schritt immer schmerzhafter für ihn, was ein grausames Schicksal ist, wenn man sich überlegt, was für ein lustiger und netter Mensch Olazabal ist und wie vielen Fans er mit seinem Spiel Freude bereitet.
Auch meine Schwester floh irgendwann vor den schnellen Spritzen der Instant-Orthopäden und fand einen sensiblen Physiotherapeuten, der zwei verrutschte Halswirbel vorsichtig zurückschob, worauf sie seitdem beschwerdefrei ist.Gestern ging sie mit mir, erstmals seit einem halben Jahr, über den Kurzplatz. Auf unseren letzten Runden im Vorjahr hatte sie stets arge Schmerzen. Gestern spielte sie ein vollkommen anderes Golf. Das hatte zwei Gründe: Die Schmerzen und die Blockade waren weg und sie hatte sich ein kleines Hybrid-Hölzchen aus einer Grabschliste gekauft, mit dem sie den Ball schön in die Luft bekam.
Außerdem erzählte ich ihr brühwarm, was mir Heuler zu meinem Schwung gesagt hatte, erklärte ihr, was flaches Wegnehmen bedeutet und dass wir, sozusagen als Familiendisziplin, jetzt den Schläger etwas steiler anheben, nachdem wir das Baby übergeben haben, wie Marc Müller-Dargusch im Golfclub Attighof die Drehbewegung des Körpers beschreibt, bei der der Schläger im Rückschwung etwas länger auf der Linie bleibt.
Sie nickte, übte das beim Pitchen, und spielte auf nachfolgenden Runde zwei Pars, drei Bogeys und den Rest Doppelbogeys, was bei ihrem spielerischen Niveau soviel bedeutet, wie zwei Eagle, zwei Birdies und ansonsten Pars.


