Endlich zweistellig!

Meine Runde vor zwei Wochen in Fleesensee hatte ich noch als Ausrutscher betrachtet. Richtig gezählt haben wir nicht, aber es war schon reichlich, was da an Schlägen zusammenkam. Außerdem hatte mir Mastermind Heuler schon nach wenigen Bahnen einen Schock verpasst. Ich hatte ihm noch mal von meinem Projekt „Endlich einstellig!“ erzählt, zu dem er auffallend wenig sagte, außer, dass er mir viel Glück wünschen würde, sofern ich gedachte, da selbst als Protagonist in den Ring zu steigen.
Ob ich denn so ein Single-Handicap, wenn ich es hätte, wirklich auf jedem Platz spielen müsse, fragte ich ihn. Ich war mir nicht mehr sicher, da ich Turniere seit Jahren meide und die meisten Single-Cracks, die ich kenne, ihr Superhandicap offensichtlich nur auf dem Heimatplatz spielen können. Oliver brach in schallendes Gelächter aus: „Oh ja, das musst Du“, sagte er, was mir ziemlich die Laune verdarb. Meine Fresse, worauf hatte ich mich da eingelassen?

Für die, die sich später zugeschaltet haben: Es geht darum, dass ich im Januar im Golfclub Winnerod mit zwei Kumpels auf dem Parkplatz stand, von denen der eine die feste Absicht hat, sich von Handicap 9 auf 4 runterzuspielen. Der andere wollte ihm dabei helfen.
Ich meinte damals in einem Zustand von Dummheit und Fahrlässigkeit, dass ich es dann ja wohl von meinem Handicap (knapp 12, wo ich seit Jahren rumdümpele) wenigstens mal auf 9 schaffen könnte. Herbies Antwort war: „Wenn Du es willst, schaffst Du es.“
In den letzten Jahren hatte ich nur die notwenigsten Pflichtturniere absolviert und dabei eher schlecht als recht rumgestümpert. Mein Handicap ist mir seit Jahren „wurscht“, wie C. Knauss das formulieren würde, solange ich im Matchplay in der Lage bin, meinen Kaffee zu gewinnen, auch wenn „die Pfötchen dabei zittern“. Kurz gesagt: Ich hatte es mir in der Komfortzone meiner spielerischen Möglichkeiten bequem gemacht und nicht mehr vorgehabt, jemals etwas daran zu ändern, bis mich im Januar der Affe biss und ich mit diesem einstelligen Blödsinn anfing.
Ich muss eine rotierende Meise gehabt haben, so dämmert mir jetzt, als ich dem KOSMOS-Verlag, der für seine Vogel-Bücher bekannt ist, meines neues Werk mit dem Titel „Endlich einstellig!“ ankündigte, in dem ich einen seniorentauglichen Trekkingpfad zum Single-Handicap beschreiben würde. Dass ich seit dieser Ankündigung noch kein Single-Handicap habe, aber wieder Single bin, verwundert wohl niemanden.
Die ersten Texte zum Thema wurden an dieser Stelle veröffentlicht und die Resonanz war außerordentlich. Bis Januar hatte ich ca. tausend Leser pro Blog, aber seit „Endlich einstellig!“ schnellte die Leserzahl auf mehr als dreitausend Leser hoch, sofern die Wordpress-Statistiken nicht hemmungslos lügen. Unklar ist, ob der gesamte Volkssturm der Gehandicapten darauf hofft, den einen entscheidenden Tipp zu bekommen, der Wunder wahr werden lässt, oder ob man nur genüsslich verfolgt, wie ich öffentlich im Treibsand der Schande versinke.

Ich hatte die Optimierungsprogramme meines eigenen Golfspiels in den letzten Jahren ziemlich heruntergefahren. Das hatte zum Einen gesundheitliche, zum Anderen auch zeitliche Gründe. Auf jeden Fall kenne ich längst nicht mehr jeden Schläger und jeden Schaft auswendig, wie das früher der Fall war. Ich teste das, was mir die Industrie zuschickt und spiele in ein bis zwei Runden pro Woche mit wenig Training und viel Erfahrung meist leidliches Golf – solange ich mich nicht in Turnieren versuche.
Ich habe mich mit meinem Schwung, sogar mit meinem Yips arrangiert, und bringe meist eine Runde mit 10-15 Schlägen über Par heim. Im Matchplay kann ich Dank der fiesen Abgründe meines Charakters manches Loch gewinnen. Warum also ein Single-Handicap? Jugendwahn oder Altersstarrsinn?

Das Single-Handicap hat der liebe Gott den SpielerInnen vorbehalten, denen er die richtigen Muskelstränge und kabeldicke Nerven in die Wiege gelegt hat. Ich kenne etliche Burschen, die mit einem grottenhässlichen Schwung regelmäßig die 80 knacken, weil sie den Ball weit schlagen, irgendwie auf dem Grün ankommen, und dann die Kugel hirnlos und mit einem lüsternen Glucksen versenken, während unsereins die Knie zusammendrückt, damit man das Schlottern nicht sieht.

Warum also tue ich mir das an? „Du musst nur wollen“, sagte Herbie und jetzt will ich – vermutlich, weil ich wissen möchte, was passieren könnte, wenn ich wirklich wollte.

Also legte ich los, probierte neue Schläger, las aktuelle Golf-Literatur, lernte Heulers „Jenseits der Scores“ auswendig, stellte fest, dass im Weg der weißen Kugel“ fast alles steht, was ich wissen muss, um locker und entspannt zu bleiben, trainierte mit den neuen Wedges und mit dem neuen Belly-Putter und war sogar hin und wieder auf der Driving Range. Aber ich spielte kein Turnier und hatte dafür gute Ausreden: Das Wetter, mein Golfer-Ellbogen, die Gen-Feldbesetzung in Gießen, der Ölpreis, der Zusammenbruch der Hypothekenmärkte, eine Eruption auf dem Uranus, mein erstes Enkelchen – langsam wurde es mir selbst peinlich.

Am Freitag zog ich mit ein paar alten Knaben los, um vor meinem ersten vorgabewirksamen Turnier, sozusagen als Generalprobe, noch eine korrekte Zählrunde über 18 Loch spielen. Ich hätte meinen Ehrgeiz nicht unbedingt in Attighof auf die Probe stellen müssen, denn so schoss eine glatte 100. Ich schlug sogar einen Slice (!) und verlor dabei einen Ball im Aus (!!), was bei mir so selten ist, wie Goldstücke im Kühlschrank. Ich war nicht nur frustriert, als ich heim kam, ich war erschüttert. Eine 100! Deshalb habe ich jetzt den Titel meiner Serie geändert. Sie heißt jetzt: „Endlich zweistellig!“ und beschäftigt sich mit der Frage: Wie knacke ich die 100?