Die Golfresistenz-Therapie

Meine geschickte Offerte im letzten Blog hat die mittlerweile zahlreiche Leserschaft offensichtlich in stummes Erstaunen versetzt. Kein einziger Sammler meldete sich, um einen meiner angebotenen Schlägersätze zu übernehmen. Selbst die Nummer mit Alex hat nicht gezogen. Nix. Trotz der „Golf Gaga“- Rezension in GolfPunk hat kein solventer Senior zum Hörer gegriffen und gefragt, was ich denn für so einen Satz unsterblicher Schläger verlangen würde. Ich musste also zu anderen Mitteln greifen. Schließlich war ich mehr als 20 Jahre lang als Top-Verkäufer unterwegs gewesen. Ich rief einen Freund an, den Verleger und Chefredakteur einer Fachzeitschrift für Naturheilkunde. Ich berate ihn hin und wieder für eine warme Mahlzeit. Dabei geht es recht fröhlich zu, was immer viel Wert ist. Diesmal hatte ich aber einen Mehrwert im Sinn, denn ich brauchte Geld für ein Macbook!
„Ich denke, wir sollten uns mal wieder treffen, um in Ruhe zu sprechen. Es gilt, das bisher Erreichte abzusichern. Wir sollten auch neue Ziele definieren und dabei klar herausarbeiten, was wir NICHT wollen, um strategische Fehler zu vermeiden.“
Das klang gut. Sofort sah er die Notwendigkeit ein, mich wenige Tage später zum Essen einzuladen.
Wir trafen uns auf dem Parkplatz. Ich hob ein elegantes schwarz-silbernes Bag mit herrlichen Schlägern aus meiner Karre. Das Bag passte perfekt zu seinem neuen, schwarz-silbernen Audi A6.  Ich eröffnete ihm, dass dies jetzt seine Schläger wären.
Er war offensichtlich sprachlos.
 
„Wir sollten dieses Set gleich verpacken“, schlug ich vor.
„Vielleicht auf den Hintersitz“, stammelte er hilflos.
„Auf keinen Fall, die Schläger sind zu wertvoll. Gelegenheit macht Diebe.“
Er schaute mich verunsichert an und öffnete den Kofferraum. Der war randvoll mit Weinkisten. Interessant, was so ein Verleger mit sich rumschleppt.
„Das wird eng“, meinte er auf seine besonnene Art.
„Es ist aber wichtig für unsere Strategie“, sagte ich. „Warte, ich nehme Dir ein paar Kisten ab.“
Ich öffnete die Heckklappe meines Power-Mondeos. Ich trug die obere Schicht Kartons, voll mit vorzüglichem Weißwein, zu meinem Wagen. Schließlich klappte es, die Hecktür ging zu.
„Schwarz und Silber. Die Farben von Gondor. Passt perfekt zum Auto!“
Der Verleger nickte. Auch ich schloss die Heckklappe meines Mondeo. Etwas traurig sah er seinen Weinkisten nach. Fast ein Drittel seiner Bestände waren im schmutzigen Schlund meiner Karre verschwunden.
„Wir hätten das Bag auch auf den Hintersitz legen können“, murmelte er noch, aber damit kam er nicht durch.
 
Ich hatte Hunger. Seit Wochen lebte ich eine streng vegetarische, basische Diät. Wer irgendwann „Endlich einstellig!“ spielen will, der muss entschlacken, aber darüber werden wir ein andermal sprechen. Jetzt hatte ich Kohldampf, dass mir der Dampf vor den Nüstern stand.
Auf der Tafel mit den Tagesgerichten stand: Linsensuppe mit Würstchen! Nicht unbedingt total passend für meine Diät, aber total passend für meinen Hunger. Ich schob meinen Freund ins Restaurant. „Wo bekommt man noch eine gute Linsensuppe“, sagte ich. Er nickte nur.
An einem der Tische saß die Chefredakteurin einer Golfzeitschrift, die sich lobenswerterweise mehr mit dem sportlichen und weniger mit dem gesellschaftlichen Aspekt des Golfsports befasst. Sie speiste mit zwei hoffnungsvollen Jungstars der Golfszene, aber die mir angeborene Diskretion erlaubt mir nicht, irgendwelche Namen zu nennen. Mein dezenter Gruß wurde geflissentlich übersehen, was ich niemand verdenken kann, der es in der Golfbranche zu etwas bringen will.
 
Die freundliche Kellnerin brachte das stille Wässerchen und dann ein saures Tröpfchen aus der Gegend um Würzburg, wie ich es bisweilen heimlich Nächtens in einer Dorfkneipe von Willigis Jägers „Benediktushof“ getrunken hatte, um einer möglichen Übergeistigung durch zu viel Meditation vorzubeugen.
Nachdem mein Freund der Verleger den ersten Schluck zerkaut und die Mundschleimhaut den ersten Schock verdaut hatte, schaute er mich an: „Jetzt musst Du mir aber mal erzählen, was es mit den Golfschlägern auf sich hat. Wie Du weißt, spiele ich kein Golf.“
„Genau“, sagte ich, “aber wie lange noch? Deshalb brauchst Du diese Schläger! In Deinem Alter, so wie Dein Laden jetzt aufgestellt ist, schreit alles nach Golf. Es kann jederzeit passieren. Eine Sekunde der Unachtsamkeit an einem weinseligen Sommerabend in der Toskana und irgendein Pro setzt Dir den ersten Schuss. Nein, mein Lieber, das kannst Du Dir nicht leisten. Spielt Deine Frau mittlerweile Golf?“
Er verneinte.
„Also bitte“, fuhr ich fort. Dann gefährdest Du auch noch Eure Beziehung.“
„Aber ich will doch gar kein Golf spielen“, beharrte er.
„Nein, nein, natürlich nicht.“
Langsam wurde ich ärgerlich.
„Weißt Du: Alkoholiker behaupten auch immer, sie hätten kein Problem damit. Der gefährdete Mensch kann eine Gefahr selbst nicht mehr einschätzen. Deshalb habe ich Dir auch ein paar Kisten von dem Weißwein abgenommen. Entweder man hat Freunde, die in einer solchen Situation Beistand leisten, oder man hat sie nicht.“
Das sah er irgendwie ein. Trotzdem: Aus seinem dankbaren Blick sprach immer noch eine gewisse Verunsicherung.
“Du meinst, dass ich Golfsucht dadurch vermeiden kann, indem ich mir ein paar Schläger ins Büro stelle?“
„Genau! Denk an Hahnemann, den Begründer der Homöopathie. Was entdeckte er? Gift mit Gift bekämpfen! Das machen wir auch. Du nimmst diesen Schlägersatz, stellst ihn in Dein Büro und er strahlt Dich an. Das Bag mit seinen Schlägern ist so ausgesucht, dass jeder Golfer unter Deinen Geschäftspartnern das Bedürfnis haben wird, die Schläger anzuschauen. Er wird von der Qualität der Eisen beeindruckt sein, was dem windigen Image Deiner Branche gut tun wird. Das Bag vermittelt ihm Innovationsbereitschaft und Moderne bei gleichzeitigem Stil- Bewusstsein und Understatement. Dann wird er sich die Hölzer anschauen und – sofern er sich auskennt – an den Schlagspuren sofort sehen, dass Du einen langen, geraden Ball schlägst.  (Ich erzählte ihm natürlich nicht, dass ich meine Slice-Kratzer abpoliert hatte und die Draw-Spuren von einem zwölfjährigen Wunderkind aus der 1. Mannschaft stammten, den ich mit einem gefunden ProV1 Ball ködern konnte, meinen Driver neu zu „prägen“.) Kurzum: Das Schlägerset positioniert Dein Haus gegenüber Deinem Gesprächspartner als bodenständigen Traditionsverlag, der mit Hahnemanns erstem Buch ein Vermögen verdient hatte. Alter Verlagsadel, solide wie ein Nierenstein!“
Jetzt schaute er interessiert.„Und was mache ich, wenn mein Besucher mit mir Golf spielen will?“
Dann machst Du diesen Blick: Ich sah ihn an.
Unaussprechliches Leid, der Passionsweg im Auge des Golfers, ein Ausdruck tiefster Resignation, das unsägliche Gefühl gottloser Verlassenheit und vollkommener Verzweiflung standen mir ins Gesicht geschrieben.
Er schauderte. Die Kellnerin ließ eine Flasche fallen, die laut am Boden zerschellte.
„Siehst Du! Diesen Blick musst Du üben. Dann weiß jeder echte Golfer sofort Bescheid und würde Dich nie wieder nach einer Runde fragen. Aber er würde bei Dir Anzeigen kaufen: das ganze Jahr! Fette Vierfarb-Seiten und Sonderbeilagen! Du könntest ein Vermögen im Marketing ausgeben und hättest nicht diesen Effekt, den Dir das richtige Bag im Büro bringt.“
„Wirklich?“
Er atmete schneller und griff freiwillig zum Weinglas.
„Natürlich“, fuhr ich fort: „Golfresistenz, Marketingtool und Eyecatcher in Einem – und das alles zum Sonderpreis!“
„Sonderpreis? Ich dachte, Du gibst mir das Set als Freund, oder leihst es mir?“
„Na hör mal!“ Jetzt war ich empört. Das würde Dich karmisch belasten. Wenn ich Dir die Schläger kostenlos gebe, funktioniert es nicht. Wenn Du zu einem indianischen Medizinmann oder Schamanen gehst, dann musst Du ihm etwas mitbringen. Sonst funktioniert das nicht.“
Das sah er ein. „Wieviel“, flüsterte er.  
Ich holte tief Luft und begann ihm zu erzählen, wie ich das Set zusammengestellt hatte, wie die Fitting Experten in Schottland zweimal nachbessern mussten, dass die besten Schäfte der US- Seniors Tour eingebaut wären, die Wedges ein Traum …
Nach einer viertel Stunde schloss ich damit, dass er eine ähnliche Größe wie ich habe und ihm die Schläger deshalb auf den Leib geschmiedet wären, was man beim Preis unbedingt berücksichtigen müsse, selbst wenn er die Schläger niemals spielen würde.“
„Wieviel?“ beharrte er.
Ich nannte ihm eine Zahl. Ein leichter Grünschimmer, der nicht vom Wein kam, überzog seine Wangen. „Natürlich kannst Du irgendwelche Schläger billiger bekommen“, fuhr ich fort. Aber die haben nicht den gleichen Effekt. Das ist wie der Unterschied zwischen synthetischen Vitaminen aus dem Supermarkt und den natürlichen Vitaminen aus dem Bio-Laden-Gemüse. Deine Zeitschrift wirbt für natürliche Heilmethoden. Da kannst Du kein Billigschlägerset nicht spielen wollen.“
Mein Freund der Verleger nickte hilflos, ergab sich seinem Schicksal und bestellte einen Schnaps.
 

Nachdem er abgefahren war, trainierte ich noch eine Weile Abschläge mit meinem neuen „Pink Panther“-Driver. Meine Statistik: Ich traf die Driving Range zu fast 90 %. Maiwald, zieh Dich warm an!
Zu Hause angekommen füllte ich ein Gewinnspiel  aus. Schließlich brauchte ich neue Golfschläger. Und dann, gestern, kaufte ich mir das Apple Macbook 403, ein schnuckeliges Teil, trotz der scharfen Kante an der Handauflage, vor der mich Oliver Heuler gewarnt hatte. Mit diesem Macbook und den neuen Weißwein-Kisten im Keller kann das Projekt „Endlich einstellig!“ beginnen.