Rettet die Golfclubs!

Wenn kalter Wind durch jedes Gewebe dringt und vereiste Winterlöcher im gefrorenen Schlamm stecken, ist das Golfspiel in der nördlichen, zum Teil mit Schnee bedeckten Hemisphäre unseres Planeten, nur bedingt zu empfehlen.
In der Woche bin ich oft vollkommen allein auf dem Platz, besonders wenn es frisch geschneit hat und die Nacht hereinbricht. Bei Wintereinbruch komme ich flott voran, weil mir niemand im Weg steht. Einmal bin ich sogar gerannt, weil die Wölfe bedrohlich nah heulten. Bisweilen sehe ich diesen Trapper, der nach seinen Fallen schaut oder beobachte ein Rudel Rentiere, die unter dem Eis nach Moos und Flechten scharren. So geht die Zeit dahin. Winterrunden inspirieren mich viel mehr, als das reguläre Spiel im Sommer. Erstens sind die Löcher größer, was mir sehr gelegen kommt, und zweitens, darüber hatte ich schon mal geschrieben, kann ich mein Spiel mehr lassen, wie es ist. Die Erwartung ist geringer, ich denke ich nicht an Scores, ich spiele Jenseits der Scores.
 

Aber heute kam die Sonne raus und – wie die Hasen im März   – huschten die lieben GolferInnen über die teilweise noch verschneiten Bahnen, schlugen sich orange Bälle um die roten Ohren und genossen den herrlichen Tag. Auch ich spielte in Gesellschaft eines netten Clubmitgliedes nahöstlicher Herkunft, mit dem zu spielen ich schon im vergangenen Sommer die Ehre hatte.
Ein ausgesprochen freundlicher, humorvoller Mann, der einen geraden, langen Drive schlägt, noch ein paar Schwierigkeiten mit den Annäherungen hat, aber das kann auch am Schnee und Eis gelegen haben, die am Ball fest pappten. Was er für ein Handicap habe, fragte ich. Er läge so bei 18, meinte er. Ob er plane, sich in dieser Saison runterzuspielen, forschte ich weiter. „Oh, du liebe Güte – nein“, sagte er, das wäre ihm zu viel Stress. Er spiele lieber mit netten Leuten wie mir eine entspannte Runde, das wäre ihm viel angenehmer.
Eine entspannte Runde mit netten Leuten wie mir? Zwei Flights hatten uns bereits durchspielen lassen, drei sollten noch folgen. Ich war nass geschwitzt. Wir rannten wie die Hasen, aber tatsächlich: Es war eine sehr angenehme, entspannte Runde. Auf der 11. Bahn erlebte ich etwas Neues, etwas Besonderes. Mein Mitspieler verzog sein Eisen links vom Wintergrün in den schneebedeckten Grünbunker. Er ging in den Bunker und nahm den Rechen mit. Er pitchte seinen Ball von der verschneiten Sandoberfläche und dann rechte er den Schnee wieder schön glatt! „Donnerwetter“, dachte ich. „Das nenne ich Etikette!“
 

Nach der Runde musste ich mich sputen. Ich muss den „Weg der weißen Kugel“ komplett umschreiben. Das hängt damit zusammen, dass laut DGV-Meldung „mehr als drei Viertel aller DGV-Mitglieder Förderprogramme zur Mitglieder- bzw. Kundengewinnung für eine wichtige oder sehr wichtige Aufgabe des Deutschen Golf Verbandes“ halten! „Mit den bundesweiten Marketing-Maßnahmen möchte der DGV Golfinteressenten gewinnen, identifizieren und den Golfanlagen zuführen.“
Großer Gott, ich sah es kommen! Im „Weg der weißen Kugel“ beschrieb ich die Golfclubs, die ich in mehr als fünfzehn Jahren Wanderschaft kennen lernte, als finstere Festungen, deren Tore von geharnischten Clubsekretärinnen bewacht werden. Jedes leichtfertige Ansinnen um Einlass wurde damals mit einer knurrigen Drohgebärde beantwortet. Zu meiner Zeit gab es WARTELISTEN. Clubpräsidenten hatten einen ähnlich hochherrschaftlichen Stand, wie einst die Chefärzte, bevor ihre Uni-Klinik von “Investoren” übernommen wurde. Ein Clubmanager vom alten Schlag hatte so arrogant und selbstherrlich zu sein, wie ein Münchner Szene-Kellner. Ein unterwürfiges Gesuch um Mitgliedschaft wurde meist abschlägig beschieden, es sei denn, man hatte wirklich sportliche Argumente zur Hand, zum Beispiel Füller und Scheckbuch.
Die Verknappung des exklusiven Angebotes sorgte für stetige Nachfrage. Die Clubs hatten sogar Wartelisten für die Wartelisten. Es gab keine hässlichen Sponsorenflaggen, keine Werbeschilder, nicht mal Hinweise, wie der Club im Wald zu finden sei. Nachfrage durch Verknappung des Angebotes zu schaffen, war eine geniale Marketingstrategie, die jahrelang hervorragend funktionierte.
Doch dann kamen die Wachstums-Träumer mit Dollarzeichen in den Augen direkt von der Uni in die Beraterpositionen und plötzlich sollte der Golfsport Massenbewegung werden. Leider wurden die neu konzipierten Golfplätze nicht als Sportplätze konzipiert, sondern als Millionengräber. Heute sind Gerüchten zufolge 40 % der Clubs ernsthaft verschuldet und selbst Renommieradressen müssen sich mit Butterfahrten über Wasser halten. Der ideelle und materielle Wert einer Clubmitgliedschaft hat dadurch drastisch gelitten.
Der größte Wert, wenn man die Schönheit und Stille eines alt eingewachsenen Golfclubs als „Wert“ ansehen darf, sozusagen das Tafelsilber des DGV, wurde leichfertig verscherbelt, indem man sich dem Hype einer „Modernisierung“ und Kommerzialisierung unterwarf. Das hängt u. A. damit zusammen, dass das alte Geld, das früher dezent und distinguiert dafür sorgte, dass ein Club ein Club war, größtenteils flüchtig ist und sich die Clubs an Sponsoren verkaufen mussten, von denen wir froh sind, wenn sie nicht mit Goldkettchen und muscle-shirts am 1. Abschlag auftauchen. Golf wurde dank der „freien Marktwirtschaft“ ein Wilder Westen voller Abenteuer. Die Frage ist nur: Wer sind die Indianer?
Konzepte, wie ein volksnaher Golfsport umweltverträglich und kostengünstig zu realisieren wäre, sind zwar experimentell erforscht worden (Herbert Schlapp / Golfplatz Schotten), wurden aber verworfen, weil es nicht schick und fein und groß genug sein konnte.
Aber es kommt zu Fasching noch doller. Jetzt droht der DGV mit besagten Marketingmaßnahmen: „Ausgehend vom Präsidiums-Strategiepapier „Zukunftsfähige Golfentwicklung”, das seit Anfang September 2007 vorliegt, will der DGV seinen Mitglieder-Clubs zukünftig verstärkt Marketing-Unterstützung anbieten.“
Da haben wir den Salat. Werden Sekretärinnen jetzt auch VcG Spieler freundlich anlächeln müssen? Werden Manager unter Schmerzen lernen, dass Club-Mitglieder Kunden sind? Großer Gott, was wird noch alles passieren?
Aber gut: Ich werde den „Weg der weißen Kugel“ auf Zeitgeist trimmen, irgendwann. Ich werde den DGV gerne unterstützen, wo ich kann. Werbung für den Golfsport ist ein Akt der Solidarität.
Schließlich haben wir jahrelang gemault, dass es zu wenige Spielmöglichkeiten gibt. Jetzt haben wir genug Plätze, freie Mitgliedschaften und die Turnierergebnisse werden vom Computer gebastelt. Dank des geringen Zeitaufwandes, den eine vorgabewirksame 9-Loch Runde erfordert, konnte mancher Versicherungsvertreter im letzten Jahr sein Umsatzziel erreichen. Also – was wollen wir mehr?

Mehr Mitglieder! Stimmt. Jetzt fehlen überall die GolferInnen, die zum Eintritt in den Golfclub bereit sind. Deshalb müssen alle mithelfen!  Überlegen Sie mal, wer in Ihrem Bekanntenkreis geeignet wäre? Der DGV würde Ihnen mit seinem berüchtigten Know-how bei lokalen Marketing-Maßnahmen helfen. Sie brauchen dann nur noch den geeigneten Golfinteressenten zu identifizieren und zu infizieren, um ihn dann „der Golfanlage zuzuführen“.
Das klingt einfach, ist es aber nicht. Mancher Nichtgolfer zeigt sich störrischer, als man glauben mag. Es gibt Leute, die wollen einfach kein Golf spielen. Hier ist, aus meiner Sicht, die Politik gefragt. Warum ist der 1-Euro Golfer ein Tabu? Wenn jede Gemeinde ein Kontingent von Hartz IV Empfängern als 1-Euro-Golfern stellen würde, könnte man die Plätze füllen und die Kosten evtl. durch Quer-Subventionen aus EU-Geldern reinholen. Spielt Verheugen?
Der 1-Euro-Golfer könnte dann auch jene Tätigkeiten übernehmen, die man bislang nur dem Wohlstandflüchtling anvertrauen konnte, der mit seiner unversicherten Arbeit leider auf Dauer ein gewisses Risiko für die Betreibergesellschaften darstellt. Das andere Risiko für die deutschen Golfclubs heißt nach wie vor Biblis, aber das hatten wir ja schon.

Eine weitere Möglichkeit, die mir einfällt, wäre ein KOPFGELD auf Nichtgolfer auszusetzen; vielleicht könnten auch zusätzliche Anreize durch Steuervorteile geschaffen werden. Noch mehr Steuervorteile für die Golfer-Kaste, höre ich unverbesserliche Sozies jammern, die ihren Absprung zu RWE verpasst haben. Ja, warum nicht? Schließlich sind wir es, die auch an Samstagen und Sonntagen als Leistungsträger unterwegs sind und oft unter unwirtlichen Bedingungen  (siehe heute - Halfway House geschlossen!) spielen müssen, während phlegmatische Nichtgolfer nur in ihrer sozialen Hängematte schwingen und unser Treiben spöttisch betrachten. Nach Maiwalds Aktion „Rettet den Golfsport“ sollte eine neue Bewegung entstehen: „Rettet die Golfclubs!