Der Goldmedaillen-Trick

Ich hatte mich immer gefragt, was die Leute so treiben, wenn sie in den Weißdornhecken rechts der Bahn rumkriechen. Jetzt weiß ich es. Sie suchen ihren Ball. Jetzt lernte auch ich diesen mir bisher unbekannten Teil des Platzes in demutsvollem Kriechgang kennen.
Nachdem ich über den Einsatz meiner rechten Hand nachdachte, schlug ich in der letzten Woche mehrere Sockets. Ich! Sockets! Nach Zacharias ist es ein technisches Problem: Der Schlägerkopf schwingt „zu weit außen durch, so trifft er den Ball in der Nähe des Schaftes.“
Zacharias steht aber nicht mehr für Rückfragen zur Verfügung, da er sich nur noch um die Fußballkarriere seines Sohnes kümmern wolle, wie er mir kürzlich schrieb. Das hätte ich auch tun sollen, denn der Socket ist in meinem Fall kein technisches Problem, (da ich sonst nie Sockets schlage) sondern ein psychisches Problem.

Genauer gesagt: Je mehr Leser mittleren Alters mir schreiben, wie sehr sie das Thema „Endlich einstellig“ mit Interesse verfolgen, um so mehr wird mir bewusst, was ich mir da für ein Ei gelegt habe. Mein Socket ist ein Zeichen dafür, dass ich nicht souverän und präsent (im Sinne von Eckart Tolle) durch den Ball schwinge – ja, ich sage schwinge, denn ich bin kein Profi, basta – mein Socket ist ein Zeichen dafür, dass mir der Arsch auf Grundeis geht!

Wann immer ich einen Socket geschlagen habe, war es mit zittrigem Geist – und dann schwingt der Schlägerkopf meinetwegen zu weit außen durch und trifft den Ball in der Nähe des Schaftes. Ich muss dringend etwas tun, um mein Selbstbewusstsein zu stärken.
Bisher habe ich mich jeden Morgen ein paar Minuten vor meinen Pfefferstreuer gestellt. Ich vergegenwärtige mir dabei, dass ich diesen Pfefferstreuer 2007 im Team mit Christiane G. auf dem Sommerfest im Golfclub Attighof erkämpfen konnte, immerhin den 1. Platz der Gruppe C! Ich spüre in diesen Moment des Triumphes hinein und weiß, dass ich irgendwann wieder Sieger sein kann, so unwahrscheinlich das auch klingen mag. Ja, solche Übungen habe ich bisher gemacht.

Außerdem habe ich mir mein Frei- und Fahrtenschwimmer-Abzeichen von der alten Badehose abgetrennt und an mein Bag genäht. Es mag über 40 Jahre her sein, dass ich in der Lage war, mich eine halbe Stunde ohne abzusaufen im Wasser aufzuhalten, aber dieses gestickte, blaue Fahrtenschwimmer-Emblem, dass mich fast mein Leben gekostet hätte, motiviert mich immer noch. Besonders in dieser Zeit, wo mir nach dem Börsencrash das Wasser wieder mal Oberkante Unterlippe steht.

Tja, mehr habe ich nicht, und wie ich gerade merke, sind ein Pfefferstreuer und zwei Stoff-Fetzen sind nicht genug, um einen Socket zu vermeiden, geschweige denn, um mich für mein sportliches Mega-Ziel der Saison zu rüsten. Ich denke, ich probiere den Goldmedaillen-Trick! Kennt Ihr nicht?
Ich war mal bei einem bekannten Golfer zu Gast, der wirklich alles Mögliche gewonnen hatte. Deutsche Meisterschaften, Mannschaftsmeisterschaften, Clubmeisterschaften, jede Menge Pokale. Am Meisten haben mich aber die Goldmedaillen vom DGV beeindruckt. Die sahen echt scharf aus. Klein, dezent, GOLD. Diese Medaillen haben mich total angemacht. Ich habe noch nie eine Goldmedaille vom DGV bekommen. Die Pressestelle hat mir einmal eine Krawatte mit DGV–Emblem geschickt, aber keine Golfmedaille z.B. für meine DGV-Gruppentherapie-Beschreibung in „Golf Gaga“. Nein. Nix….

Also: Gestern fuhr ich in die Stadt und kaufte bei dieser Süßwarenkette Hussel Schoko-Goldmedaillen. Ich habe mir fünf Goldtaler gekauft. In der Grabschkiste eines Sportgeschäftes fand ich, noch von der Fußballweltmeisterschaft, schwarzrotgoldene Bänder. Mit einem dünnen Draht habe ich die Schokomedaillen durchbohrt und daran das Band befestigt. Jetzt habe ich drei richtig schöne Goldmedaillen. Ja, nur noch drei, zwei musste ich heute Nacht fressen, weil ich mich etwas unterzuckert fühlte. Aber drei reichen.
Ich küsste meine drei Goldmedaillen, spürte eine beträchtliche Wirkung auf mein Selbstbewusstsein und fuhr zum Platz. Das Turnier spielte natürlich nicht mit. Dazu war ich zu aufgepulvert und dann neigt man zu Leichtsinnsfehlern, wie jeder koksende Manager einer Investmentbank bestätigen könnte.
Aber ich spielte keine Sockets mehr! Soviel zur T e c h n i k, ha!

Na gut. Manchmal basiert mangelndes Selbstvertrauen wirklich auf einem rein technischen Problem. Ein paar allgemeingültige Hinweise, wie wir unsere Technik tunen können, um ein emotional besseres Standing zu haben, beschreibe ich deshalb in der nächsten Folge, wenn es wieder heißt: „Endlich einstellig!“