Lynchphantasien
Kelly Tilghman wurde suspendiert. Die „hübsche Blondine vom US-Sender Golf Channel“ gab jungen Spielern einen Tipp, wie sie Tiger Woods besiegen könnten: “Lyncht ihn in einer Seitenstraße”, empfahl sie. „Auch ein anschließendes Kichern“, so die Pressemeldung, “konnte die Situation nicht mehr retten.“ Zusammen mit Nick Faldo hatte sie von einem Event auf Hawaii berichtet.
Tiger blieb cool. Er steht über den Dingen. Er und seine Frau Elin bewohnen längst jene Sphären, die bislang nur mythischen Gottheiten vorbehalten war. Wer, wie ich einst, die Gnade hatte, Elin Nordegren aus nur wenigen Meter Abstand betrachten zu dürfen, weiß, dass sie eine nordische Göttin ist. Die beiden sind beyond…
Ich kann mich auch gut an Kelly Tilghman erinnern. Sie war eine der beiden Blondinen, deren Kommentare ich im letzten Sommer anlässlich meiner Canadian Open Reportage ertragen musste. Ihre Kollegin nannte ich damals die „Flachfliege mit der Sturmhaubenfrisur“.
Zugegeben: Ich habe den Intelligenzquotienten auch nicht gerade erfunden und meine bescheidenen Kenntnisse der amerikanischen Sprache geben mir gerade mal die Möglichkeit, zwischen dummen und saudummen Kommentaren zu unterscheiden.
Aber was beim GolfChannel dahergeplappert wird, ist meist unter „Hausmeister Krause“- Niveau. Flachfliegen-Unterhaltung, Entertainment für Leute, die im Rückschwung eines Spielers „YOU´RE THE MAN“ brüllen – kurz: für unsere speziellen amerikanischen Freunde! Fühlt sich jemand diskriminiert?
In diesem Zusammenhang bin ich mir gar nicht so sicher, ob Kelly Tilghman Tiger wirklich diskriminiert hat. Sie sprach aus, was viele denken: dass man Tiger nur mit physischer Gewalt stoppen kann. Das meinte sie als Kompliment. Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass sie damit eine Emotion lüftete, sozusagen mit einer gewalttätigen Bemerkung eine friedliche Diskussion auslöste, wie sie nur in einer gewalttätigen Gesellschaft geführt werden kann.
Bobby Jones sagte am Ende dieses wunderschönen Films über sein Leben, dass das Geld den Golfsport zerstören wird. Da kann man nur bedächtig nicken, aber – hat jemand in diesem Film einen Schwarzen gesehen? Nein? Ich auch nicht. Vielleicht als Kellner.
Golf ist ein weißer Sport! Noch! Also ist es nicht verwunderlich, wenn gestandene Tour-Rednecks sauer sind, wenn dieser „Boy“ das ganze Geld und eine der schönsten Frauen bekommt.
Da entstehen bei manchen Leuten Lynchphantasien und Kelly Tilghman hat diese Emotion für alle reptilhirngesteuerten US-Bürger formuliert. Ich finde, sie hätte Tiger diskriminiert, wenn sie das nicht gesagt hätte, nur weil er ein Schwarzer ist.
Jetzt sind alle empört? Warum? Die Pressemeldung besagt auch, dass man, besonders in den USA, sehr sensibel wäre, was das Thema Lynchmord anginge. Aha.
Dabei hat die Lynchjustiz, also der emotionalisierte Gewaltakt einer Meute, die, angestachelt durch Demagogen, außerhalb des Rechtsstaates handelt, eine besondere amerikanische Tradition.
Ich möchte fast sagen: sie ist die Grundlage der Politik dieses Landes, denn was anders als Lynchjustiz ist der Irak-Krieg? Eine von Demagogen aufgestachelte, gewalttätige Aktion eines unorganisierten Mobs, der sich US Army nennt.
Die USA sind eine von Demagogen gelenkte paranoide, gewalttätige Nation geworden, und zu der Zeit, als Bobby Jones Vater seine Geschäfte mit der Coca Cola Company machte, war die Lynchjustiz längst noch nicht abgeschafft.
Während Klein-Bobby seinem Golfspiel nachging, trainierte der Ku Klux Klan Bluthunde darauf, verzweifelten Opfern die Genitalien abzureißen. Diese Methode der Bedrohung von hilflosen Menschen wird heute noch in Guantanamo Bay und irakischen US-Gefängnissen angewandt.
Hätte Kelly Tilghman ihre Bemerkung im Wachzustand gemacht, dann wäre sie suspendiert worden, weil sie nicht jener verlogenen Doppelmoral huldigte, die die Grundlage der modernen Medienkommunikation ist. War aber nicht so. Alles war nur ein schlechter Scherz. Tiger hat ihr verziehen. „Woods kennt Kelly Tilghman seit zwölf Jahren und hat ihre Entschuldigung angenommen“, ließ sein Management verlauten. Na dann.


