SPORTLICHER EHRGEIZ!
Wochenlang war es kalt, grau und pissig. Hmm. Darf man pissig schreiben? Ich denke heutzutage schon. Aber wollte ich nicht ab dem 1.1.08 auch sprachlich ein Vorbild sein? Vielleicht ist „mistig“ besser? Mistig beinhaltet das englische Nebel-Wort mist, sowie den Hinweis, dass das Wetter „Mist“ ist. Aber wäre das englische Nebelwort nicht „fog“?
Klingt wie fuck. Wochenlang war es kalt, grau und foggy. Nee, das geht nicht. Da könnte man gleich sagen: Wochenlang war ein verdammtes, verficktes Wetter. Das wäre sehr schottisch ausgedrückt, entspräche aber nicht meinen guten Vorsätzen.
Also, bevor das hier ausartet: Ist es nicht unglaublich, was ein paar Sonnenstrahlen in einem Menschen bewirken! Ich weiß nicht, was Ihr heute vorhattet. Aber ich wollte endlich mal ausschlafen, dann länger als nur 15 Minuten meditieren, danach ein Entgiftungsbad nehmen, um schließlich meine Chi Gong Übungen machen, in aller Ruhe, was eine Stunde dauern könnte … ich weiß es nicht, ich habs noch nie in Ruhe gemacht. Nach einem ausgewogenen Vollwert-Frühstück hätte ich dann ein paar Mails gelesen, aber nicht beantwortet, um dann zur Tat zu schreiten. „Grötschmanns Rache“, mein anarchistischer Golf-Roman, war in meinem Kopf schon so gut wie geschrieben, als ich mich vor drei Wochen aus der Welt zurückzog. Aber dann kam alles anders.
Heute, an meinem letzten freien Tag, wollte ich mindestens dreißig Seiten schreiben, als plötzlich diese verfickte Sonne hinter den Wolken hervorbrach und mir den ganzen Tag vermasselte. Was sollte ich machen? Nix baden, nix schreiben – ich konnte gerade mal ein paar leere Kohlehydrate in den Kopf jagen und ab ging es in die Berge.
Aha, höre ich da manchen Leser munkeln: Immer noch süchtig? Nein, kann man so nicht sagen. Ich will ÜBEN! Ich habe jetzt wieder SPORTLICHEN EHRGEIZ!
„Ach nee“, höre ich die alten Kameraden stöhnen, „das hat uns noch gefehlt.“ Ja, wirklich es ist so. Ist auch ganz neu. Weiß noch keiner, nicht mal Oliver. Vielleicht hält es auch nicht lange an. Wer weiß.
Wie es kam? Es war letzte Woche. Das Wetter war fucking misty, aber man konnte raus. Seit ich Golf spiele, gehe ich jeden Winter raus, auch wenn Schnee liegt. Zumindest war das die ersten zehn Jahre so. Dann kamen die Jahre saturierter Dekadenz, in denen ich im Winter lieber bei einem guten Single Malt Video-Aufzeichnungen der OPEN aus den 70ger Jahren betrachtete, Golfbücher schmökerte und höchstens mal 9 Loch ging, um die Durchblutung anzuregen.
Durch meinen Yips hatte ich sportlich vollkommen resigniert. Mein Handicap lag die letzten Jahre immer so um 12 rum. Damit kann ich im Matchplay gegen Lord Timbo ein paar Pfund gewinnen und in den wenigen Turnieren, die ich spiele, einigermaßen überleben. Aber ein einstelliges Handicap, was mir in meiner golferischen Pubertät als Lebensziel ebenso erstrebenswert erschien, wie eine satte Erleuchtung in einem ZEN-Kloster, war längst aus meinem Sichtfeld entschwunden. Ich sah Generationen von Golfanfängern, die mich nach wenigen Monaten im Handicap überholten; ich sah junge Burschen, die mit einem grauenhaften Schwung, einem entsetzlichen kurzen Spiel und unbelastet von jedweder Etikette eine 75 heimbrachten, weil sie die Putts lochten, während ich mit meinem Tuntenfade, meinem wunderschönen Schwung und meinem verdammten Yips eine 85 zusammenzitterte.
Es war also letzte Woche, (und das ist jetzt – zur Erinnerung – eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte), als ich Herbie und Dirk traf. Beide sind Single-Handicapper. Herbie hat ein niedriges Handicap, das er auch spielt. Dirk liegt so um die 9 rum, was er auch spielt, wenn er sich lässt. Die beiden standen auf dem Parkplatz neben meinem alten Mondeo. Sie übten, den Körper als Einheit um die Mittelachse zu drehen, um dann die rechte Hand zu beugen und zu strecken. Schnalz.
„Na“, fragte ich, “habt Ihr zu Weihnachten den Zacharias bekommen?“ Sie schauten kurz auf. Zacharias? Damit konnten sie nichts anfangen. Herbie ist Fußballtrainer und weiß, wie man eine Ecke schießt. Für seinen Draw braucht er kein Buch. Dirk ist Fliesenleger und ein Modellathlet, dem ich schon in dem Golfhörspiel „Das Kachelsatori“ ein Denkmal setzte. In unserem Club spielte er, vor Jahren als Golfanfänger (!), einen Albatross. Er kann einen Ball Meilen schlagen, was er leider auch manchmal kurz vor dem Grün macht. Ich öffnete meinen verschlammten Mondeo, schaute resigniert auf die zerfledderte Innenausstattung und fragte mich, wann mich endlich irgendeine Automarke als Werbeträger entdecken würde.
Die beiden schwangen weiter. „Bleib in der Mittelachse stabil“, sagte Herbie. Dirk warf mit den Armen um sich, da war keine Einheit. Ich konnte es nicht mehr halten und unterbrach die Vorstellung. „Dirk“, sagte ich, „stell dir vor, Du hättest eine Kelle Speis, die Du mit beiden Händen an Dir vorbei schwingst, um den Speis aus drei Metern mittig an die Wand zu klatschen. Wenn die Arme zu schnell sind, rutscht der Speis von der Kelle. Wenn die rechte Hand überholt, fliegt der ganze Dreck nach links, wenn nur die linke Hand aktiv ist, kommt der Matsch nicht an die Wand.“ Ich war etwas verwundert, weil ich immer dachte, dass Dirk eine Kelle Speis aus 50 Metern an jede Wand klatschen könnte. Na gut. Nun klappte es. Herbie lachte. „Genau so, richtig!“
„Und was treibt ihr sonst so“, fragte ich beiläufig. „Trainieren. Wollen Dirk in diesem Jahr auf Handicap 4 bringen.“ Oh ha! Ich fragte nicht wozu. Ich bewundere, wenn junge Menschen noch Ziele haben. Dirk hat Kraft, Mut, ein gutes Gefühl auf den Grüns. Wenn er an seinem kurzen Spiel arbeiten und bei Auswärtsturnieren den Driver stecken lassen würde, dazu eine „Strategie“ hätte, wie man einen Platz spielt – warum nicht?
Dann kam mir ein Gedanke. „Sag mal, Herbie“, blubberte ich, „wenn Du weißt, wie Dirk auf 4 kommt, dann müsstest Du doch auch wissen, wie ich unter 10 komme. Sagen wir mal auf Handicap 8.“
„Na klar“, meinte er, „überhaupt kein Problem, DU musst es nur WOLLEN!“ Aha. Das war der Haken. Da lag der Hase im Pfeffer. Ich muss etwas WOLLEN. Ich antriebsarmes, funktionsleistungsgestörtes Kind einer antiautoritären Generation müsste über alle Schatten springen, um etwas zu WOLLEN! Wo ein Wille ist, ist ein Single-Handicap. „Where mind goes, energie flows“, sagte Baker Roshi.
In den folgenden Tagen dachte ich nach. Was würde ich brauchen, um einstellig zu spielen? Fitness? Einen neuen Schwung? Auf alle Fälle ein neues Hirn. Und Doping! Ich weiß zwar noch nicht welche Drogen in meinem Fall helfen könnten, aber ich werde sie alle nehmen. Allein schon wegen dieser ganzen verlogenen Doping-Diskussion, aber darüber ein andermal mehr.
Ich meldete mich zu einem EKG an und besprach das Thema mit meinem Leibarzt Dr. Uli Hentschel. Der renommierte Schwungästhet empfahl mir, ein EEG zu machen und einen Fitnesstest erst im Frühjahr durchzuführen. Um diese Jahreszeit wäre das sinnlos. Ein großes Blutbild hatten wir gerade gemacht. Alle Werte, außer der Leber, waren im Normbereich, was man nach zehn Jahren Mitgliedschaft in einem schottischen Golfclub als Langzeitbelastung akzeptieren muss. Im Geiste schrieb ich bereits das Buch „Endlich einstellig – mein langer Weg zum Single-Handicap“. Das müsste ein Knüller werden. Es gibt Unmassen alter Säcke, die es noch mal wissen wollen; Horden von Träumern, die auf leiser Flamme brennen und hoffen, irgendwann noch mal den Mond in einem letzten Aufflackern vom Himmel zu schießen.
Ich rief Marc Amort an. Vor Jahren spielten wir in einem Pro/Am zusammen. Ich werde diesen Tag nie vergessen, an dem mein Yips nach etwas drei Jahren Pause, wieder voll ausbrach und mich seitdem nicht mehr verlassen hat.
Ich erzählte ihm die ganze Geschichte mit Herbie und Dirk in aller Ausführlichkeit, was bei mir etwas dauern kann. Marc war sehr höflich. Er fragte nicht, ob ich aus der Anstalt entlassen wäre und ob ich meine Tabletten genommen hätte. Er fragte nicht, ob ich noch Recht bei Trost war. Er wollte nur wissen, wie oft ich trainiere und wie ich meinen Probeschwung durchführe. Er fragte auch, wie viele Runden ich in der Woche spiele. Dann fragte er mich vorsichtig, ob ich im Golfjournal darüber gelesen hätte, dass Stefan Maiwald an einer Par-Runde arbeiten würde. Maiwald suche bekannte Golflehrer auf, um herauszufinden, was die ihm raten würden. Nein, das hatte ich nicht gelesen. Mir war aber sofort klar, dass sich Stefan Maiwald bald bei mir melden würde, um sich mit mir für eine Runde im Frühjahr zu verabreden. Schließlich hat er die Geschichte vom „Scoreflüsterer“ in Golf Gaga gelesen und muß ergo wissen, dass eine Par Runde, vielleicht sogar darunter, in meiner Begleitung am Wahrscheinlichsten ist.
Ich fragte Marc, was seine Empfehlung wäre, wenn man ab einem gewissen Alter noch mal in den Ring steigen wollte. Von den vielen Golfbüchern, die er hätte, könne er nur den Zacharias als wirkliche Innovation empfehlen, aber er würde sich, wenn er wieder auf Mallorca wäre, ein paar Gedanken darüber machen, antwortete er. Zum Golftraining eingeladen war ich ja ohnehin schon, aber ich scheue den weiten Weg an den Bodensee. Schloss Langenstein – ob ich da mit meinem alten Mondeo überhaupt auf den Parkplatz darf?
Jetzt habe ich zu tun. Ich muss eine Menge Leute um ihre Meinung fragen, die vielen Golfbücher lesen, die sich bei mir in den letzten Jahren angesammelt haben und nach Köln fahren, um bei Clubmate Golf rauszufinden, ob meine Ausrüstung auf dem letzten Stand ist. Auf jeden Fall muss ich morgen in die nächste Stadt düsen und versuchen, ein Golf Journal zu ergattern. Einfacher wäre es zwar, wenn der Herr Maiwald dies hier liest und mir diese Artikel mailt, aber – notfalls ist mir kein Weg zu weit.
Eine Par-Runde will er spielen. Puh. Das wäre für mich Hochmut vor Gott, aber Mailwald ist viele Jahre jünger als ich, und wie ich der Lektüre seines köstlichen Büchleins „Laura, Leo, Luca und ich“ entnahm, lebt er lange genug in einer italienischen Familie, um seine Nerven auch jeder anderen Belastungsprobe aussetzen zu können. Da hapert es bei mir. Sollte ich Frank Pyko um ein Mental-Coaching bitten?
Jedenfalls, um mal zum Ende zu kommen: Das war also der Grund, warum ich heute, als die Sonne raus kam, alles hinwarf, um zum TRAINING zu fahren. Ich spielte mit einem netten Herrn auf matschigen Wintergrüns, aber mit fertig einlochen (muss sein, sagt Herbie). Auf kurzen Bahnen mit großen Löchern wurden es 9 über Par, wobei ich die 13. Bahn ausließ, dafür die 17. mit zwei Bällen spielte. Nicht ganz korrekt, aber es ging nicht anders. Als ich heimkam, holte ich den Zacharias raus. Manche Stellen kapiere ich nicht. Wieso gibt es von seinen Trockenübungen noch kein Video auf YouTube? Ich denke, ich sollte ihm mal schreiben.


