Die Pletsch-Mast!
So ganz habe ich meinen getoppten Bunkerschlag von letzter Woche doch nicht verdaut. Ich denke, mir fehlte die Erdung. Vielleicht hat die Erdanziehungskraft etwas nachgelassen? Mit Sonnenflecken auf der Nase fuhr ich gen Attighof – jenem Trainingszentrum nordöstlich von Frankfurt, in dem Deutschlands führende Golflehrerin und ehemalige Nationaltrainerin Barbara Helbig wirkt. In der Rembold-Pfründe, wie die aktuelle Golfbeilage der Süddeutschen unter Kennern genannt wird, hat Uli Köhler den weiblichen Schwung als „Sanfte Lektion“ für Golfer erkannt und behauptet, dass weibliche Golflehrer en vogue sind. Das wissen die Attighofer und viele Top-SpielerInnen, die zu Barbara Helbig pilgern, seit Jahren. Damit ich nicht wieder falsch verstanden werde: Der Artikel von Köhler ist Wasser auf meine Mühlen, auch wenn sich der verheiratete Autor in Anbetracht des EX-Mannequins Mitterer etwas verschwitzt formuliert. Überhaupt sind die Textbeiträge, sowohl in der Süddeutschen als auch den anderen Golfbeilagen allgemein erträglicher geworden, ja manchmal sogar richtig informativ. Zwar lässt sich in vielen Fällen nimmer noch nicht zwischen Redaktion und Werbung unterscheiden, aber es ist zweifelsfrei so, dass neue Golfzeitschriften am Markt den Effekt hatten, dass saturierte Redaktions-Seilschaften inhaltlich nachlegen mussten, was in manchen Fällen durchaus gelungen ist.
Zurück zum Schwung der Damen. Seit Jahren empfehle ich dem Durchschnittsgolfer, dem ambitionierten Handicap-Hacker, sich mehr Damengolf anzusehen, um in dem ruhigen, gleichmäßigen Schwung einen Gegenpol zu dem schnellen Powerschlag der Profis zu finden, den wir allzu gerne nachmachen möchten, weshalb viele Spieler den größten Teil der Runde einsam wie Cowboys im Wüstensand oder in den Wicken verbringen. Golfübertragungen der LPGA mögen im Extremfall zu jenem laschen Tunten-Treibschlag führen, der mir nachgesagt wird, aber immerhin treffe ich im Gegensatz zu meinen Mitspielern die meisten Fairways.
Aber dann kamen die Zweifel. Sollte ich vielleicht doch etwas mehr Power hinter Ball bringen und wenn ja, wie? Das war die Frage, die mich nach Attighof trieb. Leider erwischte ich Barbara nur im Vorbeigehen. Sie war geistig schon auf Solheim-Cup eingestellt. Ja, sie fährt hin. Einfach so. Zuschauen. Barbara lächelte und verschwand. Manchmal hat sie den Blick eines Sphynx. Ich überlegte. Hatte ihr fragender Blick im Vorbeigehen nicht jene Region gestreift, an der ich einst meinen Bauch hatte? Eine Erleuchtung überkam mich: Von wegen schwächere Erdanziehungskraft - ich muss einfach mehr essen. Die meisten guten Golfer, die keine Athleten sind, sind schön dick. Villegas, den ich in Kanada sah, kann einem nur Leid tun. Soll der doch mit der rechten Hand nach dem Ball schlagen wie er will, der Hering, ich werde wieder ordentlich essen! Jedes Kilo mehr, das ich hinter den Ball bringe, sind 5-10 Meter, ohne dass ich Rhythmus oder Technik verändern muss. Barbara ist einfach genial. Ein kurzer Blick auf meinen Bauch. Peng!
Seit Tagen fresse ich. Ich bin 1,86 groß, lag immer um die 80 Kilo, dann waren es 82, jetzt sind es 85 Kilo. Wie ich das schaffe? Schottische Power-Diät: die Pletsch-Mast! Heute Morgen bereitete ich mir das zu, was in einem englischen B&B als full scottish breakfast bezeichnet wird. Zuerst gibt es „Cereals“, dann verbrannten Toast mit einer bittersüßen Orangenmarmelade in der kleine Ingwerstücke kleben. Das wird alles mit einem süßen Tee runter geschlürft, der mit stark gechlortem Wasser gebraut wird. Die HEINZ Beans werden in einem Töpfchen angewärmt, ein paar Eier in die Pfanne geschlagen. Am Wichtigsten ist der angebratene Speck. Da wir hierzulande nicht den original ekelhaften englischen Ham haben, müssen wir auf Schinkenstreifen mit breiten Fettrand ausweichen. Z.B der Serano-Schinken von Aldi ist dafür geeignet. Erhitzt riecht er so herrlich nach totem Schwein, aber der Schinken muss, wenn man ihn original schottisch haben will, richtig gut durchgebrannt sein. Vertrocknet, gekrümmt und schwarz kross kommt er auf den Teller, daneben die Bohnen, die innen noch kalt sein müssen und das Rührei, das nach original schottischem Rezept noch glibberig ist. Diese Masse würge ich, so schnell wie möglich und ohne zu kauen, herunter. Mittags mache ich mir Burridos mit genmanipulierten Maisfladen aus dem Supermarkt, schön fett mit Schmand, Avocado-Creme und pürierter toter Kuh in Bohnenmus. Ich tu was für meinen Powerschlag und soviel sei gesagt: Eine blöde kleine Sonneneruption wird mich nicht mehr aus der Umlaufbahn meiner Schwungebene werfen, damit das mal klar ist!
Aus der Bahn warf mich aber die Resonanz der Gäste bei unserer „Lesung mit Vernissage“ im Golfpark Winnerod. Viele waren von weither gekommen. Wir hatten eine höhere Therapeutendichte als in Poona. Susanne Landskron, meine Lektorin, kam aus Göttingen, Frank Pyko sogar aus Freiburg, obwohl er am nächsten Morgen um 9 wieder ein Seminar bei Basel hatte. Vermisst wurde Manfred Hauser, der unabkömmlich war, aber Blumen schicken ließ, was auch einem (angeblich) alten Zyniker einen Kloss in den Hals schob.
Wir hatten einen Kreis von 70 Gästen, darunter sozusagen als Stargast die Komponistin Angelika Fleer, die mich mit Klaus Holitzka bei einem Essen bekannt gemacht hatte und die es sich nicht nehmen lassen wollte, ihr „Baby“ bei der Taufe zu sehen. Der Galerist von Holitzka, Reinhard Rätzel, hatte neben den Mastery-Golf-Arbeiten auch die neue Edition mit den Bilder aus „Golf Gaga“ aufgehängt, und der Meister brachte noch eine großformatige 4 x 5 Meter Arbeit mit, die der Lesung als Bühnenbild den angemessenen Rahmen gab.
Golf Gaga ist jetzt überall im Handel erhältlich, ein paar Leseproben finden Sie auf meiner neuen Website http://www.eugenpletsch.de/, wo das Buch auch (über Frank Pyko) bestellt werden kann.
Oliver Heuler hat die Anglergeschichte „Drei Männer im Boot“ auf dem Golfforum verlinkt - ich wünsche bei der Lektüre viel Vergnügen.
Ich danke allen Lesern, die eine Kurzrezension unter Amazon-Lesermeinungen veröffentlichen und möchte noch mal darauf hinweisen, dass Golf Gaga durchaus auch als heitere Lektüre für Nichtgolfer geeignet ist.
In der Hoffnung, dass das Millionen Leser das auch so sehen, wünsche ich eine gute Woche.
Ihr / Euer
Eugen Pletsch
Notizen von Eugen Pletsch


