ALDI-Bälle im Sonnensturm
Es geschah am letzten Dienstag auf einer Runde mit den Helden von Winnerod, die noch vom Abstiegskampf gekennzeichnet, bereit waren, auch schwächere Spieler mit auf die Runde zu nehmen, um durch den Längenvergleich vom Tee wieder neue psychische Kraft zu schöpfen.
Es war etwa 18 Uhr als ich am 6. Abschlag verkündete, dass ich erstmals in meiner 20jährigen Laufbahn als Golfer Bälle verschenken würde. Es ist meinen Mitspielern, die grundsätzlich Titleist Pro V1 mit Sternchen in den Wald donnern, durchaus bekannt, dass ich dem Marketingleiter des führenden Golfballherstellers bisweilen, nach zähem Ringen, ein paar Testbälle aus den Rippen leiern kann, die aber grundsätzlich nicht verteilt werden. Ich horte diese Bälle, denn das Schicksal der ehemaligen „DDR“-Golfer ist uns Älteren noch allgegenwärtig. Ja, Schläger hatten sie, aber keine Bälle mehr und wenn die Ossi-Crossgolfer vor der Maueröffnung bei der nächtlichen Suche im Rough manche Selbstschussanlage auslösten, dann zeigt das, was ein Ball Wert ist, wenn man ihn nicht hat. Das mache ich mir immer bewusst, wenn ich wieder ein Fach Polohemden aus dem Schrank räumen muss, um Platz für neue Titleist- und Pinnacle-Bälle zu schaffen. Wer weiß, wann wer die nächste Mauer baut. Vermutlich die Chinesen. Und auf welcher Seite der Mauer wird es dann Golfbälle geben? Ich meine: sicher ist sicher!
An jenem Dienstagabend also riss ich meine Mitspieler sozusagen vom Tee, denn jeder sollte einen Gratisball bekommen. Die Begeisterung wich einer gewissen Kühle, als ich CRANE-Golfbälle auspackte, die ich mir bei ALDI gekauft hatte, nachdem 30 Stück von 8,90 € auf 4,90 € reduziert wurden. 30 Bälle! Da konnte meine schottische Seele nicht nein sagen. Jeder bekam einen Ball. Der eine Mitspieler, ein ehemaliger Kriminalhauptkommissar, der namentlich nicht genannt wird, da jeder Zusammenhang mit meiner Person seinen Pensionsanspruch gefährden könnte, drosch seinen CRANE mit einem mächtigen Hieb nach links ins Rough. Testperson Nr. 2 schlug den CRANE-Ball 240 Meter bergauf, so wie er jeden Ball 240 Meter bergauf schlägt, was seinem Spiel eine gewisse Konstanz verleiht. Trotzdem war er nicht zufrieden. Tja, und dann schlug ich meinen ersten CRANE-Ball. Ich spürte, dass dieser Ball nicht so hart ist, wie die Kieselsteine, die LIDL unter dem Namen b-square verkauft. Der Ball flog an die Stelle, an der mein Drive auf dieser Bahn meist liegt, wenn er nicht woanders liegt.
Die Erde hat eine Masse von 5,97 * 1024 kg. Wenn jeden Tag eine 60 Millionen Golfbälle verschossen werden, wieviel Masse hat die Erde in 50 Jahren? Die Frage ging mir gerade durch den Kopf, als ich meinen zweiten Schlag, ein Eisen 8, mit der mir nachgesagten Anmut links in den Grün-Bunker verzog. Am Äquator herrschte eine siderische Rotationszeit von 23,93 h und meine Mitspieler und ich waren fassungslos. Wann hatte ich je im Bunker gelegen? Im Bunker liegen nur Spieler, die Angst vor einem Bunkerschlag haben und die habe ich nicht, weil ich ein ausgezeichneter Sandspieler bin. Meine Bunkerschläge aus allen Lagen haben eine gewisse Perfektion bekommen, seit ich vor Jahren Jesper Parnevik über eine Stunde im Übungsbunker beobachtete und mir dabei einen Sonnenbrand holte. Nein, Bunkerschläge sind kein Thema, es sei denn, es tobt ein kleiner Sonnensturm. Wenn dann die wichtigste Verbindung in der Atmosphäre 78% N2, 21% O2 in ihrer Zusammensetzung leicht schwankt, dann kann viel passieren. Der Einfluss der Sonne auf den Menschen wird allgemein unterschätzt. Sonnenstürme, Eruptionen, gewaltige Explosionen, gerade mal 149 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, können sensible Menschen – und zu denen zähle ich mich – nachhaltig stören. Wenn man dann bedenkt, dass die Neigung des Äquators zur Bahnebene 23,45° beträgt und der Oberflächendruck bei 10,140 PA liegt, das sind immerhin 1,014 bar, dann ist es durchaus erklärbar, dass jemandem mal das Sandeisen ausrutscht und der Ball über das Grün saust. Genau das – ZACK – geschah. Ich hackte den CRANE aus dem Bunker in das gegenüberliegenden Rough, von dort zurück auf das Grün und nur wenige Putts später lag er im Loch. So weit, so gut. Meine Erklärung, dass das selbst mir und Jesper Parnevik schon mal passieren kann, wenn die Sonne bei einer schwierigen Bergablage gerade im Rückschwung kaum 149 Millionen Kilometer entfernt eine Eruption hat, wurde von meinen Mitspielern mit Verständnis aufgenommen. Aber dann untersuchten wir den CRANE-Ball um festzustellen, dass der nagelneue Ball nach nur vier Schlägen an der äußeren Schale in Dreiecksform aufgerissen war. Bevor die Herren Albrecht jetzt ihre Bluthunde und Winkeladvokaten auf mich hetzen, sei noch mal betont, dass mein Zeuge bei diesem Feldversuch immerhin ein Ex-Oberkriminaler war, also langsam Leute!
Ich habe auch nicht gesagt, dass der CRANE-Ball eine mindere Qualität hätte. Das haben andere junge Menschen gesagt, die dank ALDI immerhin das erste Mal in ihrem Leben in den Genuss kamen, einen neuen, weißen Golfball zu spielen. Cross-Golfer, Leser der Jugendzeitschrift „GOLFPUNK“ und andere „coole Scene-Typen“ die ihren Bausparvertrag aufgelöst haben, um sich einen Lindeberg-Gürtel zu kaufen – sie alle sind wollüstig und willig zu ALDI gerast und einige haben sich ziemlich geärgert, wie mir zu Ohren kam. Ein Golf-Saurier wie ich, der nach wie vor in Chinos und Baumwoll-Polohemd rumläuft und dessen Gürtelgeschmack in jener Zeit geprägt wurde, als eine Gräfin von Lehndorff für den Schmuck der Taille zuständig war (als wir noch Taille hatten!), sollte keine CRANE-Bälle kaufen. Es sei denn, 30 Stück wären auf 4,90 € reduziert worden - und dann auch nur zum Vorrat. Die nächste chinesische Mauer kommt bestimmt!
In diesem Sinne: hortet Bälle!


