Der Prominenten-Zahnarzt
Jeden Sonntagmorgen, wenn echte Golfer spätestens ab der 2. Bahn im Stau stehen, überlege ich mir, wie ich die knappen Ressourcen meines Augenlichtes am Sinnvollsten einsetzen kann. Bei fast 16 Dioptrien Kurzsichtigkeit ist das Lesen, besonders am Bildschirm, oft eine Qual.
Sollte also ein PR-Frischling aus dem Hause Aalglatt glauben, dass es mir irgendeinen Spaß machen würde, seine Viren- und tagverseuchten PR-Mails auseinanderzupflücken, um sie in meine NEWS zu posten, dann hat er sich geschnitten. Das mache ich nur noch gegen Schmerzensgeld, bzw. das wird demnächst automatisiert, „Magic Fred“ arbeitet daran.
Wenn ich also die wenigen Stunden, die ich einigermaßen sehen kann, optimal nutzen möchte, muss ich mir immer überlegen, ob ich etwas lesen oder etwas schreiben möchte.
Das ist der Grund, weshalb der sonntägliche Blog manchmal ausfällt: ich habe ein gutes Buch gefunden und mehr geht nicht.
Heute schwankte ich zwischen Aldous Huxleys „Kunst des Sehens“, das ich so gerne lesen würde, wenn die Schrift nicht so klein wäre und EMOTRANCE von Sylvia Hartmann. Eine spannende Alternative wäre eine neue Geschichte aus “Alles schien möglich… Die Aktiven der 60er werden 60!
Diese Dokumentation einer Generation von (meist) Underground- Visionären könnte eine Fundgrube für jene jungen Menschen sein, die mehr im Hirn haben, als nur die Ambition, beim derzeit angesagten Modesport ein möglichst cooles Outfit zu tragen.
Was ich heute nicht lesen wollte, ist ein weiteres Kapitel in Zacharias „Golfprofis schwingen nicht, sie schlagen.“
Wer den 3. Tag der Open mitgeschnitten hat, wird sich evtl. an eine ganz kurze Sequenz erinnern, in der Tiger bei Gehen in der Luft seinem Schlag nachspürt, so ein kurzes wellenförmigen Wedeln mit der rechten Hand – besser habe ich den Zacharias nie gesehen. Perfekt! Seitdem denke ich öfter an die rechte Hand, obwohl ich nie mehr über Schlagtechnik nachdenken wollte. Auf den letzten zwei Runden habe ich insgesamt vier Mal gedacht und prompt vier Bälle verloren. Slices, Herr Zacharias, die in Winnerod tödlich sind. Lies das Buch fertig und übe, höre ich ihn sagen. Aber nein. Heute, bei diesem wechselhaften schwülwarmen Wetter, das geradezu prädestiniert ist, sich einen Hexenschuss zu holen, lese ich lieber in Vernon Colemans „Wie Sie Ihren Arzt davon abhalten, Sie umzubringen“.
Auch sehr aufschlussreich. Zwischendurch starre ich aus dem Fenster und bitte das Universum, dass mir jemand ein Stück Kuchen vorbeibringt.
Kurz darauf klingelt es, und meine liebste, beste Mitarbeiterin, Frau Frank, schaut herein. Sie hat sich ebenfalls entschlossen das Golfspiel aufzugeben, um lieber einen guten Streuselkuchen zu backen. Ich esse Streuselkuchen sehr gerne und so machen wir uns Blümchenkaffee.
Der Kuchen ist lecker und wir essen jeder ein großes Stück. Auf der Clubhausterrasse eines Clubs, den ich vor einiger Zeit in Süddeutschland besuchte, würde ein halb so großes Stück 2,80 Euro kosten. Mit dem Unterschied, dass unser Kuchen frisch war, während der Streuselkuchen in diesem Clubrestaurant höchstens frisch aufgetaut war. Das bedeutet, dass die Streusel kalt sind oder matschig und darunter befindet sich eine steinharte, zementartige Teigschicht. Ich erzählte Frau Frank die Geschichte vom Prominenten-Zahnarzt und dem Streuselkuchen, die sie so geschmacklos und unappetitlich fand, dass ich sie hier unbedingt wiederholen muss, um zu erfahren, ob meine verehrten Leser das genauso sehen.
In jenem Club, den wir hier besser nicht beim Namen nennen wollen, wird man bei jedem Bissen von einem Prominenten-Zahnarzt beobachtet, der Mittwochnachmittags auf der Terrasse hockt und sich unter dem Tisch die Hände reibt. Zum Prominenten-Zahnarzt fühlt er sich berufen, seit er eine junge Russin auf der Durchreise behandelt hatte. Sie war sehr charmant und er durfte sie zum Businesslunch ausführen, nachdem die Zementfüllung fest war, die er ihr verpasst hatte. Er hätte ihr gerne noch mehr verpasst, da seine Frau gerade mit der Damenmannschaft zu einem Turnier aushäusig war. Die junge Dame hielt ihn jedoch auf Distanz. Beim kleinen Fitnessteller im Schlosskeller erzählte sie ihm jedoch, dass sie eine Weile in Wimbledon gearbeitet habe. Dort hätte sie sich mit einer anderen jungen Russin den Arbeitsplatz geteilt, der kaum größer als eine Besenkammer war. Die gestaute zahnärztliche Phantasie erregte sich derart bei dem Gedanken an einen gemeinsamen vorsätzlichen Samenraub der beiden Facharbeiterinnen, dass der Elite-Dentist zur Toilette flüchten musste, woraufhin auch die junge Russin ihre Flucht vorbereitete.
Die Dame habe schon gezahlt, meinte der Kellner, was den Zahnarzt genau bis zu dem Moment erstaunte, als er merkte, dass sie mit seinem Geld bezahlt hatte. Seinen Geldbeutel mit fast 1000 Euro Barschaft und den Kreditkarten hatte sie mitgenommen. Der Kellner verbeugte sich höflich, denn wenn die junge Dame eine Rechnungssumme von 68,70 Euro auf 100 aufrunden ließ, dann sollte man auch dem alten Herrn Respekt erweisen.
„Grüße vom Fräulein Tochter, sie sei schon vorgegangen.“
„Wie? So? Ach ja.“
Der Zahnarzt – wütend, aber wehrlos – suchte das Weite und verbrachte den Nachmittag damit, seine Kreditkarten sperren zu lassen. Aber er würde sich alles zurückholen von den Menschen, die so gemein waren, schwor er sich. Jeden Tag musste er in diese entsetzlichen, faulenden Schlünde degenerierter Mutanten starren und dabei auch noch ertragen, dass in seiner Praxis Generationen von hübschen, jungen Arzthelferinnen zu schönen Frauen reiften. Unerreichbar für ihn, denn sie wurden von seiner Gattin sorgsam bewacht. Die war dereinst selbst junge Arzthelferin gewesen. Jetzt stand sie seiner Praxis täglich als Zuchtmeisterin vor, bis auf den einen Tag in der Woche, an dem Sie mit ihren Golfdamen unterwegs ist.
Immerhin. Die Geschichte mit der jungen Russin erzählte er auf seine Weise und im Laufe der Zeit blieb bei seinen Zuhörern nur hängen, dass er der diensthabende Zahnarzt von Wimbledon sei. Dieses Missverständnis pflegte er dadurch, dass er während der Turniertage in irgendeinem Seminar verschwand, in dem er sich ein paar Fortbildungspunkte zusammenträumte. Zurück von der Reise erzählte er kein Wort. Er suhlte sich in Schweigepflicht. Seine ungewohnte Diskretion führte zu Spekulationen darüber, wie oft er mit den sportlichen Größen der Tenniswelt oral verkehrte, aber er schwieg und pflegte die Legendenbildung, sozusagen als Marketingmaßnahme für seine Praxis.
Er war es, der dem Pächter des Clubrestaurants einen Bäcker empfohlen hatte, der „gelagerte Ware“ anliefern würde, die gesünder für die Verdauung sei, wie er betonte. Als Zahnarzt würde er auch seiner Familie empfehlen, Frischgebackenes zu vermeiden, da der Kiefer mahlen müsse, wenn der Zahnschmelz gesund bleiben solle. Ha, ha! Fakt war, dass auf dieser Clubterrasse manche Brücke brach, manches Inlay heraussprang und einmal sogar ein echtes Malheur passierte.
Die ehemalige Seniorenmeisterin, die das Clubgeschehen mit ihren über 80 Jahren gerne von der Terrasse aus betrachtete, fühlte sich eines Tages zu schwach, um ihren Streuselkuchen mit der Gabel zu zerteilen. In Wirklichkeit war sie nicht zu schwach, sondern der Kuchen, der ohnehin eine betonartige Konsistenz hatte, war erst halb aufgetaut. Schmal, wie die Stücke in diesem Club geschnitten wurden, war es kein Problem für die Dame, ihr Stück mit abgespreiztem hanseatischem Finger zum Mund zu führen. Schon beim ersten Bissen steckte sie fest. Der Kellner bemerkte ihr Röcheln erst, als sie schon blau angelaufen war und rief den Prominenten-Zahnarzt, der gerade in einer anderen Ecke der Terrasse auf Beute lauerte. Er sprang herbei, riss dem verdutzten Kellner das Handtuch vom Arm, deckte es über die zu Tode erschrockene, alte Dame und mit einem kurzen Ruck zog er unter dem Handtuch an dem Kuchenstück, in dem die Zähne feststeckten. Triumphierend hielt er sein Beutestück hoch, die Zähne beider Kiefer hingen im Kuchen fest.
Dann übermannte ihn die Diskretion. Er warf das Handtuch über den Gebisskuchen, zog die alte Dame an sich und verfrachtete sie in seiner Luxuslimousine zur Praxis, nicht ohne ihr auf dem Weg die vielfältigen Möglichkeiten der Zahnheilkunst nahe zu legen, die das Zerbeißen von Betonplatten möglich machen würden.
An diesen Club muss ich denken, während ich den leckeren, frischen Kuchen futtere.
Draußen ist das Wetter zum Abend doch noch sonnig geworden. Vielleicht gebe ich das Spiel ein andermal auf und gehe noch eine Runde…


