I love rain!

Ja, ich bin gut gelandet und so gut wie wiedergeboren. Danke der Nachfrage. Nein, es waren nicht nur die Sushi. Es war auch eine, wie soll ich sagen, sphärische Dissonanz, die mir zugesetzt hatte. Mein spiritueller Berater meint, dass die Sonne auf jedem Erdteil anders wirkt und ich die kanadische Sonne einfach nicht vertragen könnte.
Natürlich hätte ich mich gerne nach der Ankunft in Düsseldorf standesgemäß auf den Boden geworfen, um die Heimaterde zu küssen, aber man kommt ja nicht mal in die Nähe der Asphaltbahn. Ich wurde sozusagen direkt in den modernen Düsseldorfer Flughafenbereich getunnelt, der in seiner Innenarchitektur den modernen Menschenaffen–Gehegen in deutschen Zoos ähnelt, oder auch den Hochsicherheitstrakten in Stuttgart-Stammheim. Stahl, Glas und Kacheln und nichts zum hinsetzten, wenn man nach 24 Stunden Schlaflosigkeit auf sein Gepäck wartet. Aber dies ist der Moment, dem Presse-Team von LTU noch mal herzlich zu danken, die mir die Reise so angenehm wie möglich gestaltet hatten, wozu auch gehörte, dass mein Gepäck immer zuerst auftauchte.
Als ich dann kurz vor sieben fix und fertig vor einem Flughafen-Infoschalter stand und mich zwei gelangweilte Muffel anstarrten, die mir dann mitteilten, dass sie mir keine Infos geben könnten (und mich zum DB-Infoschalter weiterschickten), da dankte ich Gott, denn ich wusste, ich hatte es geschafft: ich war zurück in Deutschland.
Und dann der Regen! Oh, wie liebe ich den Regen. War es tatsächlich 1993? Die Qualifying zur OPEN in Sandwich wurde u. A. in Royal Clique Ports gespielt und ich war vermutlich der einzige Deutsche weit und breit, der sich so etwas anschaute. Ich lief einige Löcher mit Heinz Peter Thül mit, der sich tapfer, aber leider erfolglos, durch die Dünen kämpfte. Es war mein erstes „Close Encounter“ mit Hard Core Links. Am nächsten Tag lud mich der Sekretär ein, den Platz zu spielen. Es war ein unglaublich schlechtes, windiges Dreckwetter; Regenböen, die nicht von oben kamen, sondern frontal. Vor mir spielte eine „Traditional Society“ in Tweed- Bekleidung und mit Hickory Schlägern, an der Marc Amort seine Freude gehabt hätte. Richtig harte Hunde. Ich habe sie nie eingeholt.
An der 9. war das wunderbarste Halfway House, das ich in meinen über zwanzig Golferjahren genossen habe. Es war wie ein richtiger Miniatur-Pub - keine Vesperhütte für die unterzuckerte Schickeria, nein, das war ein echter Schutzraum, in dem sich die Spieler eine Weile vor den grässlichen Böen und harten Winden schützen konnten, die Leib und Seele zerfraßen und alle Bälle schluckten (und früher vermutlich vor V2 Raketen).
Der Steward, der damals diese Hütte bediente, war ein ausgesprochen netter Kerl, der aus London stammte und hier sein Auskommen fand. Je schlechter das Wetter, um so mehr Kohle. Während es in unseren Halfway Häusern vielleicht ein Stück Kuchen, mit etwas Glück ein belegtes Brot (in Bad Orb sogar Vollkornbrot) gibt, aber nicht viel mehr, war dieser Kollege komplett eingerichtet, was nach meiner damaligen Weltanschauung bedeutete, dass er einen ordentlichen Single Malt im Regal hatte.
In englischen Clubs erwarten wir keine genießbaren Nahrungsmittel, aber bitte sehr: er hatte köstliche Curryhuhn-Sandwiches, die in England sonst oft sehr mies sind und schnell zu dem führen, was ich aus aktuellem Anlass den kanadischen Infekt nennen möchte.
Bei diesem Burschen habe ich gefressen und gesoffen, weil ich nicht mehr raus wollte, in die eiskalte, nasse, windige Welt und ich weiß noch, wie er (er trank mit) ziemlich lange, eigentlich die ganze Zeit, von Steffi Graf´s Beinen schwärmte.
Irgendwann musste ich einfach weiter. Ich hackte mich 9 Loch gegen den Wind durch die Dünen und als ich am Clubhaus ankam, stand da Tom Watson und einige Member um ihn herum. Ich kapierte natürlich wieder mal gar nichts, aber nach einer Weile wurde mir klar, dass Tom ein paar Freunden einen persönlichen Demo-Workshop geben wollte.
Alle gingen auf die Wiese hinter dem Clubhaus, ich mit. Es regnete zum Gotterbarmen. Tom stand da in seinem Sweater, breitete die Arme aus und rief: „Rain! I love rain!“ Dann begann er ohne die geringste Eile Bälle zu schlagen. Seine Freunde durften sich wünschen, wie er einen Ball spielen sollte und er machte es. Am Unvergesslichsten war mir ein Schlag mit dem Holz 3.
Ein Member legte einen Ball an eine Stelle auf der Wiese, an der es etwas bergab ging (down hill lie) und Tom sollte den Ball gegen den Wind zu einer Fahne schlagen. Ich meine, er spielte damals noch ein Persimmonholz und kein Metal. Jedenfalls flog der Ball endlos, vollkommen flach unter dem Wind, stieg dann plötzlich an, um sanft an der Fahne zu landen.
Die nächsten Tage wurde es heiß. Weil es so viel geregnet hatte, waren die Grüns weicher als erwartet. Alle „bump and run“ Links-Könner konnten einpacken, die Grüns wurden hoch angepitcht und die Bälle hielten. Es war die OPEN 1993. Greg Norman gewann. Nick Faldo hatte am Finaltag Geburtstag, Langer spielte den entscheidenden Ball rechts raus und wurde trotz fürchterlicher Rückenprobleme immernoch Zweiter. Soweit ich mich entsinne, war es auch das erste Mal, dass ich John Daly sah. Später in Muirfield hatte man den Zaun der Driving Range schon zurückgesetzt, aber in Sandwich blies „The Wild Thing“ alles über den Jordan. Spektakulär war, wie er das Grün eines Par 4 Carry vom Tee aus angriff und dabei fast die Spieler vor ihm erwischte. Ja, ja, die gute alte Zeit. Vielleicht kann mir mal jemand sagen, wie ich da jetzt drauf kam?
Ach ja, der Regen. Als ich in Deutschland landete, regnete es so herrlich. Die muffigen Gesichter, die Dallmayer-Plörre in der Bahn, vermutlich dem einzigen Ort in Deutschland, wo man Morgens um Sieben gummiartige Brötchen serviert bekommt – kurz gesagt – alles war so wie immer: wie ich es liebe.
Zu Hause wurde ich dann in einen ekstatischen Zustand vollkommener Befreiung katapultiert. Mein IT-Berater, der meinen Laptop während meiner Abwesenheit waschen, schneiden und föhnen sollte und dazu alle meine Daten auf einer externen Festplatte ausgelagert hatte, teilte mir mit, dass sich ebendiese externe Festplatte nicht mehr gemeldet hätte. Mein Outlook (das größte, das er je gesehen hatte) mit Tausenden von Mails darunter allein Hunderte von Oliver Heuler, (die ich immer als meine Altersversorgung angesehen hatte), alle meine Texte, Daten, Bilder: ALLES IST WEG!
ALLES IST WEG, sagte mir einst Meister Gia Fu Feng: „Every lift of hand, every step of feet, there is nothing, that’s not DAO.“ Nichts, was nicht der WEG wäre. Loslassen von Anhaftungen. Wieviele Gigabite Anhaftung hatte ich? Jetzt sind sie weg. Zurückkehren zum Ursprung, nennt das Yürgen Oster.
Oh, was für ein herrliches Gefühl. ALLES WEG! Fast so schön wie Regen. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass mir alle, die diesen Text lesen und mit mir Kontakt hatten und sich wundern, dass ich mich nicht mehr melde, ihre Kontaktdaten neu schicken sollten.
Über die einzige Datenbank, die noch besteht, haben wir an alle Golffreunde Einladungen zu unserer Vernissage mit Lesung am 14. September im Golfpark Winnerod verschickt, anlässlich der ich mein neues Buch „GOLFGAGA – Der Fluch der weißen Kugel“ vorstellen werde.
GOLFGAGA-Exemplare können Sie jetzt schon bei Frank Pyko vorbestellen, der freundlicherweise meine Firmenkunden betreut. Wer sich für die Vernissage mit Lesung interessiert und keine Einladung bekommen hat, möge sich bitte über die Veranstaltungswebsite anmelden.

Also denkt dran: Jedes Fairway, wohin es auch führt, alles ist Weg,

In diesem Sinne, liebe Golfhamsters …

Ihr/Euer

Eugen Pletsch