Der Golfgott von Anhausen
Ehrlich gesagt: Golf im Fernsehen reizt mich nicht mehr so wie früher. „Meine“ Generation von Spielern, die ich an Schwung, Gang und Caddy unterscheiden konnte, ist von einer Horde glattgesichtiger Models abgelöst worden, die den Ball - ohne Frage - herrlich weit schlagen können, mir aber allesamt etwas farblos vorkommen.
Wobei ich diese jungen Menschen natürlich nicht persönlich kenne, denn eher gewinnt ein Marcel Siem die OPEN, als dass man einen Pletsch zum ProAm der BMW International einladen würde.
Aber ich lese Pressemeldungen. So stand geschrieben: “Bernhard Langer blieb auch „bei seinem 16. BMW International Open-Auftritt der Sieg versagt“. Dann weiter: „Und dies, obgleich der Publikumsmagnet mit seinem fulminanten Angriffspiel die Besucher, darunter auch Oliver Kahn, immer wieder zu Begeisterungsstürmen hingerissen hatte.“
Kurz nachgedacht: Wer stand eigentlich bei den Bayern im Tor, als Langer sein erstes Major gewann? Ich habe nicht mal Lust, das zu Googeln. Wie viele Torleute gab es seitdem bei Bayern München? Na, Olli, zähl mal nach.
Fasth, ein fast so sympathischer Spaßvogel wie David Duval in seinen besten Jahren, gewinnt wie im Vorjahr. Fasth war in diesem Jahr Vierter bei den US Open. Big Shot.
Und auf dem 2. Platz, noch mal ganz genüsslich für alle Jungsenioren, ist das orthopädische Wunder Bernhard Langer zu finden. Nicht der andere “Weltmeister“ oder sonst einer von den vielen Golfmeistern, die angereist waren – nein – Bernhard Langer, der kürzlich nur knapp einen weiteren Sieg auf der US Tour verpasste. WOW! Gratulation!
Noch ein Zitat aus der Pressemeldung: „Mit Birdie in die Finalrunde gestartet, ließ Langer weitere Birdies an den Löchern 5, 6 und 8 folgen. So blieb - wie schon in den Jahren 1992, 1995, 2000 und 2002 - “nur” der zweite Rang, den er sich zudem mit José-Filipe Lima teilen musste. Dennoch verließ Langer München zufrieden am Sonntag - “wäre es nicht ein Heimspiel gewesen, hätte ich am Donnerstag ganz bestimmt aufgegeben” - denn von diesem Turnierausgang hätte er nicht zu träumen gewagt, als er am ersten Turniertag - von Nackenschmerzen gehandicapt - erst nach 76 Schlägen ins Clubhaus zurückkam und nur den geteilten 135. Rang im 156-köpfigen Teilnehmerfeld belegte.“
Immerhin wird „nur“ in Anführungsstriche gesetzt. Damals, 93, als Langer mit starken Rückenbeschwerden in Royal St. Gorges anreiste und den 2. Platz hinter Greg Norman belegte war Langer nur Zweiter - ohne Anführungsstriche. Nur Zweiter bei den OPEN 93 (!) und 14 Jahre später: wieder “nur” Zweiter. Damals war ich in St. Georges, diesmal bin ich nicht mal mehr nach München gefahren. Nackenschmerzen! Und Nervenschmerzen. Am Freitag spielte ich ein Turnier auf dem Attighof, das ich von Anfang bis Ende veryipste.
Bernhard hatte derartige Beschwerden, dass er auf dem Platz behandelt werden muss, und er wird Zweiter. „Nur“ Zweiter, vor all den Monsterhittern, jungen Muskelpaketen und Ballermännern. Da habe ich mich mindestens so sehr gefreut, wie bei der Meldung, dass Angel Cabrera die US Open gewann.
Bernhard Langer traf ich erstmals persönlich, als die German Open noch im Hubbelrath statt fand. Ich versuche gerade das Jahr rausfinden, aber auf der neuen stahlglatten, schussfesten Golf.de - Website finde ich mich nicht mehr zurecht. Ich vermute aber mal, es war – halt – hier ist der Golftimer, wozu gibt es diese Dinger. Es war 1990 als Mark McNulty vor Craig Parry gewann. Ich hatte mir das Knie etwas verdreht und Barbara Helbig, damals im Pressezelt mit Tina Fischer (!) hinter dem Tresen tätig, sagte mir, dass es einen Physiotherapeuten gäbe.
Der Belgier Guy Delaclave arbeitete in einem Kelleraum von Hubbelrath, der für das Turnier zum Behandlungsraum hergerichtet war, und von einem Physio-Bus, wie er heute auf der Tour mitfährt, konnte er damals nur träumen. Ich bekam einen Termin am frühen Morgen, war pünktlich vor Ort und Guy begann mein Knie tapen, (womit mein unvergesslicher soundsovielter Platz im Team mit Kregelius beim Presseturnier auf dem Westplatz vorprogrammiert war). Ich war gerade in der Mache, als Bernhard Langer hereinkam. Er hatte bald Startzeit und brauchte sein Stretching-Programm. Ich wollte aufspringen und dem Golf-Gott von Anhausen Platz machen. Aber wie Belgier so sind: In stoischer Ruhe verklebte Guy mein Knie. Bernhard saß geduldig auf seiner Liege. Ein ruhiger, angenehmer Mensch, im Gegensatz zu mir.
Vermutlich ist es ihm deshalb auch egal, wie ungepflegt und veraltet seine Website ist, die man auf Golf.de lieblos zusammengeschustert hat. Warum, um alles in der Welt, hat der Mann keine eine eigene Website? Interviews von Anno Toback, verschiedene (falsche) Angaben, was sein Bag enthält, keine sportliche Bio und seit Januar 2007 hat er anscheinend auch kein Turnier mehr gespielt. Wollte Erwin mal wieder sparen, oder fällt das einfach niemandem auf?
Ich ziehe meinen Hut vor diesem Mann und verziehe mich zur Krankengymnastik.
Ihr/Euer
Eugen Pletsch
P.S. Autofreier Monat: Danke für die Anfragen. Ja, ein alter Mondeo kann schneller als 60 fahren. Ja, ich habe es mit dem Fahrrad nach Attighof geschafft (1 Std. 15 Min. ca 16 KM berauf). Ja - kein Witz: “GOLFGAGA - Der Fluch der weißen Kugel” erscheint im Herbst im KOSMOS-Verlag. Nein. Ist nicht witzig. Eher ein Drama. Eros im Alter. Was man so schreibt, wenn man in einer golfpsychiatrischen Abteilung festsitzt.


