Der Ford-Fahrer in Semlin
Die Ausfahrt vom Berliner Ring Richtung Bundesstraße 5 nach Rathenow habe ich natürlich verpasst. Mit meinem holistischen Instinkt und einem Kompass pflüge ich durch Siemensstadt zurück, finde die letzte Ausfahrt aus Berlin und rase mit allem was, mein treuer Mondeo hergibt, Richtung Semlin. Endlich sehe ich die Havelland-Alleen, diesen weiß bemalten Baumbestand, von dem man immer öfter hört, dass er zum Aussterben verurteilt ist, weil die heutige Motorisierung in Verbindung mit Dummheit, Leichtsinn und Alkohol zu viele Opfer fordert. Dahinter die endlosen LPG-Steppen, die heute vermutlich von Heuschreckeninvestoren oder Chinesen bewirtschaftet werden. Ich würde die Strecke lieber in dem alten Tin Lizzy fahren, den ich in einem früheren Leben um 1920 nach Schottland importierte. Ich war damals schon Ford-Fan, was mir in der Gegend von St. Andrews, wo ich als Tuchhändler einen Schuppen hatte (etwa da wo heute das Old Course Hotel steht), manchen Ärger brachte. In einer Past-Life Session konnte ich mich daran erinnern, wie ein Nachfolger des alten Morris im Morgengrauen über die Wiese lief und Schnecken sammelte, mein Auto sah, die Nase rümpfte und seine Schachtel mit den Schnecken in meinen Wagen kippte.
Wie man aus informierten Kreisen hört, sollen im neuen Jahr VcG-Spieler dazu verdonnert werden, zwei Stunden Fronarbeit pro Runde zu leisten z.B. Schnecken sammeln. Wenn sie schon die Chuzpe haben, in einem deutschen Golfclub spielen zu wollen, (natürlich gegen doppeltes Greenfee) müssen Sie auch dem Prinzip der Gegenseitigkeit Tribut leisten. Ich finde das eine tolle demokratische Idee. Schade, dass das nicht ab diesen Herbst gilt, weil so ein Clubfreier, der bei uns zu einem 9-Loch Turnier meldet, genug Zeit hätte, mir die Winterreifen aufzuziehen und die Innenreinigung des Autos zu übernehmen, wenn ich wieder zu Hause bin. Jetzt bin ich aber erst mal auf der Straße Richtung Semlin. Nach jedem Ort folgt eine Allee und mittendrin ist eine Blitzanlage, die von mir auch bei Höchstgeschwindigkeit nicht ausgelöst wird, weil mein Mondeo einen Ossi-Blitzprotection hat, was mit dem Dieselmotor und der Untermotorisierung zusammenhängt, auf die ich nicht näher eingehen will, bis sich Ford Deutschland bezüglich der Frage entschieden hat, ob der einzige publizistisch aktive Ford-Fan deutscher Sprache endlich ein Hardware-Update bekommt, bei dem im Winter auch die linke Frontscheibe enteist wird und die Sitzheizung funktioniert.
An einem dunkelgrauen Montag Mittag erreiche ich Semlin und werde von Herrn Pritzkow, dem Direktionsassistenten, so überaus liebenswürdig empfangen, wie ich es von einem deutschen Clubmanager nur selten erlebt habe. Clubmanager sind chronisch überlastet durch ihr Bemühen, eine Unersetzlichkeit ihrer Person zu simulieren, was von Gästen und Clubmitgliedern meist als das arrogante Gehabe eines überbezahlten Schnösels interpretiert wird, der in seinem „Management bei Chaos“ versackt ist und dessen Hochmut so hoch zum Himmel stinkt, wie der Berg der unerledigten Aufgaben ist, die er vor sich herschiebt.
Aber Herr Pritzkow ist überaus freundlich, bietet mir sofort ein Cart an und schickt mich auf die Runde. Ich durfte erleben und bezeuge bei Gott, dass es durchaus möglich ist, einen Golfplatz auch in den letzten Oktobertagen in guten Zustand zu präsentieren, mit ordentlichen Grüns und einem allgemein ausgezeichneten Pflegezustand, was bei acht Greenkeepern, einem vermutlich begrenzten Budget und mehr als 27 Löchern, keine einfache Aufgabe sein dürfte. Ich mag diesen Turf, diesen sandigen Boden, der mich an Schottland erinnert und so spiele ich (mit einem netten Paar aus der Sportartikelbranche) 10 über Par, ein korrektes Ergebnis, was hauptsächlich damit zusammenhängt, dass ich mit dem Persimmon-Putter, den ich derzeit spiele, ein großes Selbstvertrauen entwickelt habe. (Mehr darüber bei Gelegenheit).
Das Paar erzählt mir viel Tratsch über Semlin und es ist offensichtlich, dass dem Ehepaar Quirmbach manche Träne nachgeweint wird. Weder das Hotel, noch die Golfschule, haben sich, seit dem Weggang der beiden nach Hardenberg, erholen können. Die Servicekompetenz, die meine Mitspieler früher so geschätzt haben (und was ihnen den Grund gab, öfter von Berlin anzureisen), ist durch mehrmaligen Management-Wechsel, besonders im Hotel, nicht mehr gegeben. Man müsse sich fünfmal verbinden lassen, bis man Zimmerbuchung, Startzeit und zwei andere Kleinigkeiten geklärt hätte und die Flexibilität, die ein Gast erwartet, der eine erhebliche Anreise in Kauf nimmt, wäre nicht mehr gegeben. Ich kann das nur insofern beurteilen, als ich mir mit der diensthabenden Assistentin (eine neue Direktion ist wohl derzeit noch nicht an Bord) nicht über den Zimmerpreis einig werden konnte. Wenn ich als Freiberufler, ohne das gesegnete Spesenbudget eines Verlages im Rücken, zu einem Club anreise und dort einen mehr oder weniger schönen Tag verbringe und das dem Club mit einer Geschichte oder einem Link auf Cybergolf danke, dann bin ich, ehrlich gesagt, nicht gewillt, auch noch Geld mitzubringen, während die Kollegen von den Printmedien für zwei Bilder und etwas PR-Lala echtes Geld bekommen. Da sollte man sich etwas über die Nachhaltigkeit meiner Arbeit informieren und wenn diese Flexibilität nicht vorhanden ist, dann ziehe ich weiter und in dem Fall an den Wasserwanderrastplatz Brielow, wo ich ein sehr schön renoviertes Hotel fand, das eine ausgezeichnete Küche hat. Vollkommen abgelegen, an einem herrlichen See. Trotzdem waren es am nächsten Morgen nur wenige Minuten bis Brandenburg bzw. zur Autobahn. Am Nachmittag besuchte ich Susanne Landskron, vielen aus dem Golfforum bekannt. Wir spielten diesmal kein Golf in Hardenberg, sondern tranken Tee, malten Bilder mit ihren Kindern und hatten einen herrlich gemütlichen Herbstnachmittag voller Gedanken und Gespräche.
Jetzt fällt mir ein, dass ich eigentlich über vier Golflehrer schreiben wollte, die sich aufmachten, Fische zu fangen. Das klappt heute nicht mehr. Gleich beginnt der dritte Tag meines Kurses in einer kleinen Gemeinschaft für tibetisch-buddhistische Kultur. Seine Eminenz Chöje Ayang Rinpoche ist zu Besuch und lehrt geheime Vajrasattva-Praktiken, wie sie besonders der nervöse Golfer braucht. Rinpoche ist besonders bekannt durch seine kraftvollen Phowa-Übertragungen. Er wurde von S.H. Dalai Lama und den Oberhäuptern anderer Schulen des tibetischen Buddhismus, wie S.H. dem 16. Gyalwa Karmapa, gebeten, die Phowa Meditation (Bewusstseinsübertragung zum Zeitpunkt des Todes) im Westen zu lehren. So werde ich also bis Montag Unterweisungen zu den verschiedenen Stufen der Reinigungspraxis von Vajrasattva erhalten. Die Praxis von Vajrasattva (tib. Dorje Sempa) ist die wirkungsvollste Methode, sich von negativem Karma und Krankheiten zu reinigen und die Verschleierungen des Geistes zu beseitigen, die die jedem innewohnende Buddha-Natur verdecken. Es kann also sein, dass ich nächste Woche den Irrsinn und die Wirrnisse meines Geistes überwunden habe, was aber so wahrscheinlich ist, wie fünf deutsche Spieler auf der European Tour 2007.


