Man of constant sorrow

Unwirkliche Stille. Nur die mittlerweile goldenen Blätter einer Kastanie rauschen. Nachts hörte ich den Regen pladdern, aber jetzt ist es wieder still. Weder in einem abgelegenen Hotelkomplex in Portugal, geschweige denn in Italien oder Spanien hat mich jemals eine so tiefe Ruhe umfangen wie hier, in einem Zimmer zum Hinterhof einer Berliner Altbauwohnung, in einer Seitenstraße von Neukölln.
Gestern hatte mich ein Redakteur abgeholt, der etwas über mich schreiben will. Wir fuhren zu seinem Platz in Gross Kienitz und spielten dort zwei Mal den 9-Lochplatz, da der 18-Loch-Platz belegt war. Mit einer Runde von 7 über Par rückte ich meinem gefühlten Handicap näher. Kein Yipsen, die neuen MacGregor Blades begannen, richtig zu kicken und Lutz´ überaus angenehme Gesellschaft ermöglichte eine vergnügliche Runde auf dem nicht übermäßig schweren Platz. Der Ex-Tennisspieler mit Baseballgriff hat eine faszinierende Methode entwickelt, mit dem Eisen 8 Lobshots zu schlagen, aber auch andere Schläge gezeigt, die bisher in keinem Golfbuch vorkommen.
Lutz erzählte mir eine Menge Dinge über Hunter S. Thomson, zum Beispiel wie Hunter und Bill Murray Golf spielten: Der eine schlug den Ball, der andere schoss mit der Flinte drauf. Eine Art Tontauben-Golfschiessen. Sie sind dann des Platzes verwiesen worden. Sehr interessant. Seit ich vor 30 Jahren Churchills „Die Kunst des Flintenschießen“ weglegte, weil ich das Gewehr wegen einem ausgekugelten Armgelenk nicht mehr halten konnte, hat mich das Thema Combat-Schießen nicht mehr beschäftigt.
Ich bin, ehrlich gesagt, froh, dass nicht jeder Golfplatzbetreiber berechtigt ist, zum Beispiel VcG-Spieler mit der Schrotflinte zu jagen. In den Südstaaten dieser Republik, wo das Mobbing, Teeren und Federn von Clubfreien zum Feierabendspaß von Klux-Präsidenten wurde, wäre es aber durchaus denkbar, weshalb ich nicht weiter über Schrotflinten schreiben will, um gewisse Leute nicht auf dumme Ideen zu bringen. (Vielleicht sollte ich auch nicht unbedingt einen Film wie „O Brother, Where Art Thou?“ nebenher laufen lassen, während ich diesen Text schreibe, denn dieses Multitasking mischt sich in meinem Kopf zu einem ungesunden Film, in dem clubfreie Golfer in gestreifter Sträflingskleidung angekettet in der Sonne schuften und die Blumenrabatten im Golfclub Bad Urquelle harken, während der Clubmarshall mit einer scharfen Dogge darüber wacht.)
Der goldene Herbstmorgen in Berlin vertreibt diese trüben Gedanken. Eigentlich wollte ich heute nach Fleesensee fahren, um mit Oliver Heuler einen kleinen Film zu drehen: „Der Placebo-Pro“, in dem ich einem Schüler, der nicht weiß, das sich KEIN Pro bin, eine Stunde Golfunterricht gebe, die mindestens so erfolgreich sein wird, wie bei einem richtigen Pro, obwohl ich nur Allgemeinplätze und Mentalquark absondere. Aber wir können dieses Wochenende nicht drehen, weil Oliver auf einem Boot fahren will, um Fischen zu lernen, was für ihn als pazifistischen Radikalvegetarier ein Quantensprung sein wird. Auch Petrus war ein Fischer und wer einen Schwung, stabil wie einen Felsen, bauen will, muss Angeln lernen. So einfach ist das. Wieder mal eine vollkommen überraschende taktische Neuausrichtung im Hause Heuler, der das in seinem neuen Handbuch zur PGA-Ausbildung ausführlich darstellen wird. Seit Richard Brautigans „Kunst des Forellenfischens“ hat die Golfpädagogik keinen größeren Input mehr erfahren. Bekannte Golfprofessionals wie Ernie Els, Greg Norman, Darren Clark u.v.a., fischen regelmäßig, denn die Fähigkeit, in Ruhe zu verharren, Geduld zu lernen und auf den Moment zu warten, wo der Fisch beißt, bzw. der Putt fällt, lässt sich nirgendwo besser als beim Angeln trainieren. So ist es nicht verwunderlich, wenn eine innovative Golfausbildungsstätte wie Fleesensee genau diesen Weg geht.
Der Gedanke an das stille Lauschen im Jetzt bringt mich zurück zu meinen Berliner Hinterhof. Morgen werde ich nach Semlin fahren, und erstmals das Havelland besuchen, das mir bisher nur aus meinem Lieblingskinderbuch „Die Fahrten und Abenteuer der kleinen Dott“ bekannt ist.
Im Film „O Brother, Where Art Thou?” wird gerade “Man of constant sorrow” gesungen, eines meiner Folk-Lieblingslieder, das ich in der Version von Bob Dylan oft vorgetragen habe.
„Man of constant sorrow”! Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht, worum es in dem Lied geht, aber ich meine jetzt, es beschreibt das Leben eines Golfers.< ?xml:namespace prefix = o />

Ihr

Eugen Pletsch