Aschenputtels Traumtag oder Debütantinnen- Golf

Genug Gejammer über alte Herren und Schildkrötengolf. Das Leben kann so schön sein!
Der Sommer zieht ins Land und mit ihm, in bunten Farben, leuchten die herrlichsten Roben der Damenwelt, die am Abend nach dem Turnier ein schimmerndes Licht zeitloser Schönheit verbreiten. Manchmal mehr zeitlos als schön, aber immer schön bunt.
Sie sitzen zu Hause, blättern in den Gesellschaftsmagazinen und träumen, wie es wäre, wenn Sie einmal in Ihrem Leben dabei sein dürften, um dann – vielleicht – Ihrem Märchenprinzen zu begegnen. Wie es das Schicksal will klingelt eines Tages der Postbote und bringt Ihnen die Nachricht, dass Sie beim Preisausschreiben Ihres Kreuzworträtselheftes den 1. Preis gewonnen haben: ein Wochenende in einem Golfclub mit Teilnahme an einer Charity- Gala!
Ist es denn zu glauben? Das Herz klopft, denn das ist der Moment im Lebens, den man mit Geld nicht kaufen kann. Selbst gesellschaftlichen Randgruppen, die gemeinhin als die „Schönen, Reichen und Erfolgreichen“ diskriminiert werden, bleibt häufig die Anerkennung verwehrt, in der die wirklich Prominenten baden. Sie haben vielleicht das Geld, aber nicht den Namen und auf keinen Fall das Gesicht, das ihnen problemlos Einlass in die funkelnde Welt von Ruhm, Ruin und Gesellschaftsnachrichten gewährt. Denn Geld nicht alles und VIP-Status können sich nur wenige kaufen.
Aber Ihr korrekt ausgefülltes Kreuzworträtsel, eingeschickt an eine Zeitschrift, die zufällig einer Verlagsgruppe gehört, die eine Agentur hat, die Golfturniere veranstaltet und somit manches möglich werden lässt, katapultiert Sie plötzlich dorthin, wo sonst nur die Götter thronen und die Filmschaffenden mit den Abschreibungsakrobaten die Korken knallen lassen: zum Galadiners eines Charity-Golfturniers!
Was ziehen Sie an? Sportlich oder Abendgarderobe?
Zum Dresscode wird ein professioneller Veranstalter in der Einladung Hinweise geben. Ein solches Golfturnier besteht aus zwei Teilen, die miteinander verwoben sind: dem sportlichen und dem gesellschaftlichen Part. Vorbei an der grimmigen Security taumeln Sie beglückt in den innersten Kreis prominenter Künstler, Sportler und Freibeuter der Wirtschaftsmeere. Der erste Eindruck ist der Wichtigste, also lächeln Sie wie eine Königin, wenn man Ihnen ein kleines Plastikbändchen um den Arm knüpft. Für dieses VIP-Bändchen am Handgelenk würden manche Frauen morden. Die nette Hostess wird Ihnen erklären, was ein Grün ist und dass Sie dort keine hohen Schuhe tragen sollten. Ach richtig – GOLF! Der Gedanke, dass Golf gespielt wird, muss Sie nicht nervös machen. Keine Sorge. Mein Crash-Kurs zeigt Ihnen, Golf ist ganz einfach!
In der Tasche, die Sie erhalten (Bag genannt), sind mehrere Golfschläger, die Sie alle vergessen können. Sie nehmen nur den Schläger, wo im Metallkopf (da wo es hart ist und glänzt) eine 7 eingraviert ist. Sie nehmen einen Golfball und drücken damit einen dieser Holzzahnstocher (Tee genannt) in die Erde und legen den Ball darauf. Sie stellen sich vor den Ball, greifen den Schläger an seinem Gummigriff und schwingen so durch den Ball, als wollten Sie ein Gänseblümchen köpfen. Das war’s schon.
Die anderen auf dem Platz werden Ihnen zeigen, wo es lang geht. Irgendwann kommen Sie an eine sehr kurz gemähte Fläche, wo Ihre Mitspieler rumkriechen und endlos steif rumstehen, als hätten sie einen katatonischen Anfall. Hier sehen Sie ein kleines Loch, in dem eine Stange mit einer Fahne steckt. Wenn Ihr Ball kurz vor dem „Grün“ liegt, schnicken Sie den Ball einfach ins Loch, und wenn er doch etwas vorbei läuft, dann fragen Sie einen Mitspieler, welchen Schläger aus Ihrer Tasche man „Putter“ nennt.
Mit dem schubsen Sie den Ball ins Loch. Fertig. Bei dem Spiel geht es darum, den Ball mit möglichst wenig Schlägen vom Abschlag ins Loch zu schubsen. Wird häufig vergessen!
Also bleiben Sie einfach immer da, wo das Gras kurz gemäht ist und Sie können nichts falsch machen. Wenn Sie jung und hübsch sind, dann wird vermutlich ein bekannter Sportler aus Ihrer Gruppe auf Sie aufmerksam werden. Wenn der fünf Schläge oder weniger für die Bahn gebraucht hat und Ihnen vielleicht auch noch Tipps geben will, dann vergessen Sie den Burschen rasch, denn er hat bereits eine Braut: sein Handicap. Wenn der Mitspieler jedoch große, braune Augen hat, gut aussieht und mehr Schläge brauchte als Sie, dann ist er nur für den guten Zweck hier. Keine Golfsucht, vermutlich ledig, Geld wie Heu. Das ist er! Mit dem werden Sie heute Abend zusammen sitzen, um endlich dort ankommen, wo Sie hingehören!
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!
Ihr
Eugen Pletsch