Die Zeichen der Zeit
Wieder ein Päckchen. Wieder von Persimmon Golf. Den Persimmon Driver, den ich seit Wochen auf meinen ganz privaten, heimlichen Runden spiele, habe ich in mein Herz geschlossen und Persimmon Golf Europe sieht es offensichtlich als seine Aufgabe an, einen alten Mann glücklich zu machen. Das Vorspiel besteht im langsamen Öffnen des Kartons, den man, als hätte man sonst etwas zu tun, was wichtiger wäre, erst mal zwar im Blickfeld, aber sonst links liegen lässt, so wie man scheinbar unbeteiligt auf die Bar zusteuert, obwohl die schönste Frau auf Erden am anderen Ende des Raumes steht. Dann, so beiläufig, zwischen einigen Schachtelsätzen am Telefon und kleinen Mailantworten, lange ich zu dem Karton und versuche dabei unbeteiligt zu wirken. Mit gespieltem Desinteresse schneide ich die Klebstreifen auf, versuche noch, meine Gier zu zügeln, um dann fassungslos stammelnd, sowohl das erhoffte Holz 4, als auch wunderschönen, schwarzen Persimmon-Putter aus ihren Verbänden zu schälen.
Das Holz 4 hat den gewünschten Vista Pro Sixty Schaft, der Putter verfügt über zwei zusätzliche Gewichte, um ihn den jeweiligen Geschwindigkeiten der Grüns anzupassen. So. Jetzt bin ich komplett. Um die Perfektion von altem Wein in neuen Schläuchen auf die Spitze zu treiben, habe ich einen der letzten verfügbaren Sätze von MacGregor M 675–Blades ergattert, die ähnlich der Hölzer, traditionelles Design mit modernster Spieltechnologie verbinden. Das Ganze ist jetzt stilvoll in ein altes, grünes MacGregor Tourbag verpackt, das aus der Zeit stammt, als Hersteller noch Qualitätsprodukte bauten, die länger als eine Saison halten durften. Jetzt muss ich mich nur noch beherrschen, bis der Spätnachmittag wahrscheinlich macht, dass die meisten Spieler vom Platz weg Richtung Bar oder heimischem Herd abgewandert sind. Das klappt aber nicht. Es ist und bleibt Mittag. Ich halte es nicht mehr aus. Ich stelle meinen Wecker auf 16 Uhr und packe mir etwas Futter ein und wie ich wieder an der Uhr vorbeikomme, denke ich: “Ei padautz, wie die Zeit vergeht, schon so spät, jetzt aber los.“ Ich springe in meinen wunderbaren Endzeit-Mondeo, der meine Eile nicht mehr so ganz versteht, geschweige denn umsetzen kann, und so tuckern wir gemächlich durch die hessischen Voralpen zum nächsten Club.
Dort ist mein kleiner Zeitsprung nicht nachvollzogen worden und das 1. Tee ist noch belegt. Eine freundliche Schar netter Menschen, etwa acht Personen, unterhält sich auf herzliche Weise über ihre wunderbaren Erlebnisse in fremden Ländern. Unvergessliche Stunden in 8-Sterne Hotels und die Begeisterung kennt keine Grenzen. Unnötig zu sagen, dass die erste Bahn in unberührter Stille liegt, weshalb auch ich sie nicht stören möchte. Schon gar nicht diese Gemeinschaft glücklicher Golfer, diese netten Boten einer modernen Zeit, der sich auch der DGV mit einer wunderschönen Millionenfeier an Hamburgs traumhaftester Meile jenseits der Reeperbahn nicht länger verschließen möchte.
Ich gehe, dankbar, dass es noch irgendwo auf der Welt Frieden und Frohsinn gibt, zum 10. Abschlag. Dort steht bereits ein freundliches Paar, das bereit ist, mich mitspielen zu lassen. Es stellt sich nach wenigen Schlägen heraus, dass sie kein Paar sind, denn er verzichtet darauf, ihren Schwung zu korrigieren, während sie seine Schläge lobt. Es sind Zahnärzte, wie sich acht Loch später herausstellen wird, Kollegen, die den Mittwochnachmittag zur Regeneration nutzen, um ihren dankbaren Patienten stets mit frischem Atem den letzten Nerv zu veröden. Zahnärzte! Meine besonderen Freunde, die ich als Menschen, Golfspieler und gewissenhafte Handwerker immer wieder in meinen Zeilen zu würdigen wusste. Wenn ich ein altes Auto fahre, so liegt das daran, dass ich finanziell an genug Edelkarossen engagiert bin, die sich regionale Zahnärzte leisten konnten, nachdem mein Heilpraktiker vorschlug, all meine Amalgamfüllungen durch Gold ersetzen zu lassen. Wenn dann ein Kollege, vermutlich, weil er es eilig hatte zum Herrenmittwoch zu kommen, mein Amalgam mit Gold überkronte, so mag das selbst der allopathischen Schule widersprechen, aber wer will schon kleinlich sein, wenn sein Zahnarzt heute die Chance auf das 3. Netto der Klasse C hat.
Wir warten. Worauf? Es ist mir nicht ersichtlich, aber es wird mir erzählt. Vor uns sind zwei Senioren jenseits des Rentenalters in einem Buggy unterwegs, denen die beiden seit neun Loch hinterher spielen. Die standen schon am 1. Tee, als meine beiden Dentisten dort eintrafen, denn es gelang dem einen Herrn nicht gleich, das Buggy zu besteigen, da er an einer schweren Gehbehinderung und einem offensichtlich angerosteten Hüftgelenksimplantat leidet. Es ist ansonsten nach alter Golfer Sitte auch kein Brauch bekannt, nachdem Senioren den jüngeren Spielern Vortritt zu gewähren hätten. Das hat einen einfachen Grund: Wenn ein flotter Achtzigjähriger seinen wesentlich älteren Kumpel überredet, den Katheterbeutel abzulegen, um noch mal eine heiße Runde auf einem der schwersten Plätze Hessen runterzureißen, dann ist es entgegen aller Vorschrift wahrscheinlich, dass auf dem Buggy zu Dritt gefahren wird, denn Freund Hein wird es sich nicht nehmen lassen, die Runde mit seinem totsicheren Eisen zu begleiten. Es ist also verständlich, dass der jüngere Mensch, der statistisch noch mehr Runden spielen kann, gefälligst zu warten hat, denn ab einem gewissen Alter könnte jeder Schlag der letzte sein.
Meine Zahnärzte hatten sowohl den Respekt als auch den Anstand, das Ungemach gewähren zu lassen. Die beiden, alten Herren genossen das Glück, viele Schläge machen zu dürfen, denn keiner ging viel weiter als etwas 25 Meter.
Wären die Zausel bereit gewesen, mit einem einfachen Eisen 7 einen Spaziergang zu machen, während eine hilfsbereite Schwester den Buggy bereitgehalten hätte, um bei einem Schwächeanfall helfen zu können, dann wäre alles kein Problem gewesen. Aber die Herren bestanden darauf, die ersten 25 Meter vom Tee mit Drivern, die zweiten 5 Meter aus dem Rough mit dem Holz 3 zu spielen, um dann stets den quälenden Versuch zu unternehmen, in den Buggy zu klettern.
Mir kommt die Frage in den Sinn, welchem Club die beiden entsprungen sind und warum sie nicht im Bad Homburger Kurpark auf jenem herrlichen Kurzplatz ihre Furchen ziehen, der zu der Zeit erbaut wurde, als der Ältere der beiden erstmals dem Kaiser auf dem Pferd zuwinkte.
Wir gehen neun Loch mit gesenktem Kopf, einem Trauermarsch gleich, hinter den beiden her. So, als hätte der Herr in seinem unergründlichen Ratschluss, schon das unausprechliche vollzogen. Sie seilen sich gemächlich aus der Karre raus, hacken ihren Schlag und kletterten wieder rein. Ich überlege, wie das ist, wenn man nicht mehr so kann. Dann fällt mir ein, dass ich längst nicht mehr so kann, wie ich will, weshalb ich ja jetzt Golf spiele. Ab wann ist man eigentlich alt? Ich meine, zu alt zum Golf spielen? Ist man zu alt, wenn man mit 30 merkt, dass man bei der Clubmeisterschaft gegen 15-jährige Knaben keine Chance mehr hat, weil die nicht nur perfekte Bewegungsabläufe einstudiert haben, sondern weil sie auch das Quäntchen Zweifel noch nicht besitzen, das letztendlich die Meisterschaften im Kopf entscheidet? Wann ist man zu alt, um irgendwas zu merken?
Wird man erst beratungsresistent, dann halsstarrig, bis dass der Altersstarrsinn den Nächsten das Leben zur Hölle macht? Ist das die Reihenfolge, die uns blüht? Wenn zwei alte Burschen überhaupt nicht merken, dass sie alles hinter sich aufhalten? Und wenn sie es merken, nicht mehr verständen, warum wir hier stehen? Und wenn wir rufen würden (was wir nicht taten) und die das hören könnten, würden sie dann wissen, was unsere Zeichen bedeuten? Oder würden sie freundlich zurückwinken?
Ich stelle mir immer vor, wie glücklich ich wäre, wenn mich später noch mal jemand mit rausnimmt auf den Platz. Also halte ich meine Klappe und Schritt für Schritt folgen wir der Bahn in die Unendlichkeit der Zeit.
Ich denke darüber nach, wie schwierig es sein muss, jemandem zu sagen, dass er gewisse Dinge langsam sein lassen sollte. Dass er, der mit einem gewissen Stolz auf die Verdienste früherer Jahre zurückblickend, nicht mehr versteht, was heute vor sich geht. Wenn dann die nächsten Freunde und Kollegen, sensibel und höflich, nicht den Mut haben zu sagen: Lass mal, tu das nicht oder schreib das nicht, dann kann es nur noch peinlich werden, oder?
Ich hoffe, dass ich Freunde habe, die dann ehrlich mit mir sind, wenn es mal soweit ist. Oder ist es schon so weit?
Immerhin kann ich heute auf dieser Runde sehr schön langsam schwingen, wie es meine Art ist und meine Persimmon-Hölzer entfalten ihre ganze Pracht.
Das Holz 4 schlägt sich auf jeden Fall so lang, aber leichter, als mein bisheriges Holz 3 metal. Das mag am Schaft liegen, der auch länger ist, oder an dieser Metallkufe im Boden, die an einen alten Stan Thompson-Ginty erinnert und ein vertrauensvolles Gefühl, auch in schlechten Lagen, vermittelt. Jetzt habe ich mein „privates Set“ für stille Stunden perfektioniert und wenn ich diese Schläger richtig verinnerlicht habe, werde ich damit auch mal irgendwo antreten. Aber bis dahin bleiben sie meine Freunde und Begleiter, mit denen man hinter zeitlosen Freunden herspielen kann, die an das Ewige gemahnen und die hektische Eile der Welt bedeutungslos werden lassen.


