Hat das Leben doch einen Sinn?

In meinem Blog vom 16. Juli „Vom Staub im Auge der Erkenntnis“ erwähnte ich zwei Artikel aus dem PGA Magazin pro!golf, nämlich Jochen LuppriansSieben Liter Wasser, Visum-Pflicht und Handyverbot“, ein Bericht von der Asiatour, sowie „Die Renaissance der wahren Hölzer“ von Marc Amort über den derzeitigen Stand moderner Persimmon-Technologie. Beide Artikel kann man jetzt als PDF herunterladen. Danke an pro!golf und Herrn Lettenbichler. Angeregt von dem Artikel über neue Persimmon-Hölzer nehme ich Kontakt mit dem Professional Marc Amort auf, um mehr über neue Persimmon zu erfahren. Amort ist als guter Spieler und Entwickler der Feedback-Putters bekannt. Er ist Vertriebspartner von Persimmon Golf Europe, sowie einer äußerst exklusiven Schlägerschmiede namens Dean Ota. Wenige Tage später klingelt der Paketdienst und bringt ein Päckchen mit einem nagelneuen Persimmon-Driver. Der Driver Kopf ist größer als bei den alten Holz-Drivern, das nussbraune Holz glänzt wie eine Stradivari. Der Schläger hat eine perfekte Gewichtung. Der Schaft ist lang, sogar noch länger als eine meiner Raritäten, ein Toney Penna Driver mit Aluminiuminsert, den einst Roger Chapmann in seinen jungen Jahren auf der Tour spielte. Auf der Bodenplatte ist der Name des Herstellers verzeichnet: Persimmon Golf. Der Schläger hat die schlanke Eleganz eines Elbenschwertes. Das schwarze Insert hat vier Rillen und in einem Halbkreis sind fünf goldene Punkte angeordnet. Irgendetwas erwacht in mir. Eine alte Leidenschaft. Ähnlich dem Gefühl, dass man bekommt, wenn man seine Jugendliebe auf einem Klassentreffen wiedersieht. Ich habe fast vergessen, wie schön ein Golfschläger sein kann, obwohl ich einige alte Persimmon Schläger in meiner Sammlung habe. Aber um einen Persimmon-Driver zu treffen, müsste ich jeden Tag trainieren, denke ich, und so habe ich die Schläger weggeschlossen. Ich hole mein altes Alex Mitchell-Viererhölzchen heraus, dass mir Armenio Cortes vor Jahren zurecht gemacht hatte, der als Meister der Persimmon-Restauration imTin Cup“ bei Hürth wirkt. Ich wollte nur mal sehen, wie es ausschaut, wenn Armenio Hand anlegt. Es ist ein Meisterstück geworden. Wie eine alte Geige. Dieses Hölzchen hole ich also raus und stelle es neben den neuen Driver. Als kämen die beiden vom gleichen Baum: Alter, Würde, zeitlose Schönheit.
Ich fahre zum Golfpark Winnerod. In meinem 20 Jahre alten Bag, dass ich einst von meinem schottischen Schwiegervater Jimmy Brown erbte, stecken ein Satz Blades, TP-9 von Mizuno, die mir Meister Pelz im Winter mit Vistapro-Schäften in die Neuzeit transponierte, zwei Eidolon-Wedges, die beiden Persimmon-Hölzer, sowie mein ca. 60 Jahre alter Bulleye von Acushnet. Der Platz ist vorne voll, hinten voll, und überall Geräusche, die an die Paarungsrituale von Blecheimern erinnern. Plänk. Bänk!
Auf der Zehn startet ein älterer Herr. Er winkt mir zu, ich kann mit. Gottlob habe ich weiche Bälle und Holztees dabei, ein Muss bei Persimmon-Hölzern. Die Defloration geschieht ohne nachzudenken, sozusagen aus dem Lauf heraus, denn ich muss mich sputen. Ein weicher Schlag und der Schaft kickt geschmeidig durch den Ball. Der Schläger klingt, als würde man mit einer Blockflöte leicht auf einen Ledersandsack schlagen. Ein sanftes Klack. Sonst nichts. Der Ball ist für meine Verhältnisse lang. Jetzt noch eine Premiere: das Alex Mitchell-Viererhölzchen! Damit habe ich auch noch nie einen Ball geschlagen. Der Treffmoment ist weich, der Ball fliegt flach und hoppelt dann endlos Richtung Grün. Dort angekommen liegt der Ball einen Meter von der Fahne. Das waren gut 200 Meter Bergauf. OK - es ist trocken. Trotzdem.
Am dritten Tee fragt mit mein Mitspieler, was das denn sei, was ich da spiele. Er hatte noch nie ein „echtes Holz“ gesehen. Auf der 17. Bahn gebe ich ihm ein Holztee und lasse ihn abschlagen. Zu unser beider Überraschung fliegt der Ball mit einem leichten Fade, was seinem Schwung entspricht und etwa der gleichen Länge, wie mit seinem „Metal-Driver“. Ob man so etwas kaufen kann, fragt er. Das wäre ja ein herrliches Gefühl.
Am nächsten Tag in Attighof an einem Par 3, fange ich schon an, denn Ball zu shapen. Die Fahne steht 160 Meter entfernt direkt hinter einem Bunker. Mit meinem Eisen 5 bin ich meist zu kurz. Ich nehme das Holz 4, das für die Bahn eigentlich zu lang ist, stecke das Tee etwas höher in den Boden, stelle mir einem Fade vor. Ein ganz feiner Cut und der Ball segelt in einer sanften Banane aufs Grün. Drei Meter links von der Fahne. Ich nehme einen 2. Ball und stelle mir einem Draw vor. Es ist Abend, die Sonne steht mir entgegen und ich höre nur das Klacken. Der Ball ist nicht drin, aber hat den Fahnenstock getroffen und liegt einen Meter neben der Fahne.
Die Runden der letzten Tage haben mich davon überzeugt, dass ein moderner Schaft und zeitgemäße Persimmon-Technologie eine ausgezeichnete Spielbarkeit ermöglichen. Vielleicht ist der Sweetspot etwas kleiner und man sollte auch schon etwas Golf spielen können, aber dann erlebt man Genuss pur.
Was fällt mir noch ein? Die Schläger erfüllen mich mit einer inneren Ruhe. Die Hölzer strahlen jene heitere Gelassenheit aus, um die ich mich seit Jahren umsonst bemühe. Ein Gefühl, angekommen zu sein.
Ich stehe im strömenden Regen auf dem 11. Abschlag in Winnerod, einem Par 4 bergab Richtung Clubhaus. Ich schlage den Persimmon-Driver und der Ball sticht wie eine Nadel in den Wind und verschwindet im Regen. Mehr braucht es nicht. Just now is enough, wie Baker Roshi sagt. Ich bin, bis auf die Haut, vollkommen durchnässt. Meine Persimmon-Taufe?
Aus einem Riss in der Gewitterwand, die über dem Platz steht, blinzelt ein Sonnenstrahl hervor. Hat das Leben doch einen Sinn?