Vom Staub im Auge der Erkenntnis

Das Bild, das ein Golfer von sich selbst hat, ist allzu oft von arglistiger Selbsttäuschung getrübt und die staubige Bahn seines Lebens führt über vertrocknete Fairways hin zu jenem Kreuzweg, an dem sich das Irdische und das Himmlische begegnen.
Wer auf der Suche nach der Wahrheit ist, schert sich nicht um sein Geschwätz vom letzten blog und fährt mal raus zum Club, der unter Wassermangel leidet, wie der Betreiber per Mail kündet.
Die flimmernde Hitze in der staubigen Dürre erinnert mich an den Golfplatz von Kabul. Im aktuellen Heft zeigt
Golftime das schöne und zugleich traurige Bild einer Gruppe von Afghanen, die sich zwischen einer Gruppe von Panzern auf dem ehemaligen Golfplatz von Kabul beim Wüstengolfen amüsieren. Die Fotos stammen aus dem Buch „Golf Extrem“ von Duncan Lennard. Wer Griff und Haltung des alten Muselmanen betrachtet, wird feststellen, dass der eine Golfkenntnis hat, um die ihn manches unserer Clubmitglieder nur beneiden kann. Die steuerbegünstigten Hochradlimousinen mit auf 320 PS gedrosselten Maschinen, die im steinigen Staub des Winneröder Parkplatzes Kavaliersstarts üben, erinnern dagegen mehr an die Panzer vom Golfplatz Kabul.
Aber weiter: Wenn man länger an einem schattenlosen Ort steht und auf ein Wunder hofft, zum Beispiel jenes, dass der Flight zuvor im stacheligen knisternden Distelgrasgerwirr endlich den Ball findet, den sie seit fast 15 Minuten suchen, dann kann dieses einsame Warten in der Wüste zu Visionen führen. Jederzeit kann ein Dornbusch losbrennen und wer dabei steht, halbwahnsinnig vor Hitze und Durst, wird bezeugen, dass es Gott war, der da, etwas unverständlich, über sein Walki Talkie knisterte.
In meiner Jugend war ich auf der spirituellen Suche und wie alle 17jährigen, die kein Mädchen hatten, das zu allem bereit war, vertiefte ich mich, neben dem Buddhismus und dem Hinduismus, auch die christliche Mystik. Ich las von den „Vätern der Wüste“, den Yogis des Urchristentums, die auf einem Stock gestützt in der flimmernden Dürre standen und auf eine göttliche Eingebung hofften, so wie ich mit meinem Driver auf den Links von Winnerod.*
Alle durchgeknallten Offenbarungsreligionen sind - wie der Golfsport - in Staub, Hitze, Trockenheit, Dürre, Durst, Mangel und Entbehrung entstanden. Der Buddhismus als Erkenntnisweg erwachte erst, nachdem sich der Buddha in den Schatten eines Baumes setzte, etwas trank und in alle Ruhe nachdachte.
Ist der christliche, jüdische oder islamische Gott seit Jahrtausenden nur ein Alibi für primitive Stämme, um sich zu prügeln? Eine Stunde im Staub von Winnerod führt zu den letzten Fragen und das macht Sinn, auch wenn man ihn nicht findet.
Während ich überlege, ob ich bei diesen Ozonwerten mehr als neun Loch spielen kann, haben die Golfer im vorderen Orient ganz andere Sorgen. Ist es nicht der Wahnsinn? Vertrocknete alte Hardliner und junge Spinner beschwören ihre Kriegsgötter und WOM haut es meine Tecdax- Werte in den Keller. Mein Freund Erich mit seinen mysteriösen US- Geheimdienstkontakten meint, dass die Israelis da zündeln sollen, bis Damaskus und Teheran eingreifen. Dann kann Busch gemäss seiner Offenbarungsreligion (hat mit Angie gerade ein Schwein geopfert) dem Iran die angekündigte Atombombe auf den Kopf hauen. Sozusagen um der atomaren Gefahr, die von den Iranern ausgeht, präventiv entgegenzuwirken. Andrerseits: Wenn das jemand vom CIA erzählt, dann wird es wohl kaum so kommen und so dürfen wir hoffen, dass die durch Treibhausgase ausgelöste Ozongefahr die einzige Belastung darstellt, die uns Freilandsportlern zusetzt.
Ich versuche jetzt, die aktuelle Politik auszublenden und komme noch mal auf Golfzeitschriften zurück, als deren nächster Freund ich nicht unbedingt zu bezeichnen wäre.
Das liegt vermutlich daran, dass sowohl die Traditionsmagazine als auch die Beilagenflittchen von meinem Wirken einfach keine Kenntnis nehmen wollen, (was ich dann als bornierte Ignoranz interpretiere), während die neuen Wilden der Golfszene von meinem Wirken ebenfalls keine Kenntnis nehmen wollen, was man als ein Zeichen von Qualitätsanspruch deuten könnte, wenn man es denn nicht besser wüsste.
In diesem Kontext von Nichtbeachtung, unter der alle legasthenischen Autoren mit Minderwertigkeitskomplex ab 185 cm Körpergröße besonders bei Hitze leiden, mag es um so erstaunlicher erscheinen, wenn ich meine verehrten Leser heute gleich auf zwei Zeitschriften hinweise, die mir zumindest ein gewisses Wohlwollen abringen konnten, selbst wenn auch in diesen das Wort Cybergolf nie gedruckt erschien.
pro!golf: Das PGA Magazin ist in den Händen des Matthias Lettenbichler vom Vereinsheft mit Hofnachrichten zu einer durchaus lesbaren Zeitschrift gereift und stellt sich damit den „neuen Anforderungen des Marktes“, wie das Stefan Quirmbach in seinem Editorial titelte. Der Artikel „Die Renaissance der wahren Hölzer“ von Marc Amort beschreibt den derzeitigen Stand der Persimmon-Technologie. Das mag einen Titan-Fuzzi, dessen größte Kopfleistung der Durchschwung seines 440 C Driver ist, nicht interessieren. Aber wir, die wir noch an alten, herrlich gemaserten Edelhölzern verzweifelt sind, lesen das doch gerne. Oder der Artikel „Sieben Liter Wasser,Visum-Pflicht und Handyverbot“ in dem Jochen Lupprian von der Asia-Tour berichtet. „Kakerlaken, fast so groß wie mein Handy!“ Spannend! Da will ich doch wissen, welches Handy Jochen hat! Lupprian meint, er könnte ein Buch schreiben, über das, was jeden Tag passiert. Bitte Jochen, wo immer Du sein magst: TU ES! Es wäre seit langem das erste Golfbuch, dass ich kaufen würde! Das stände dann neben Feinsteins „A good walk spoiled“, St Johns „Out of bounds“ und Donegans „Four Iron in the soul“ (Übrigens, liebe Freunde, die ihr angeblich immer meinem Blog lest: Wer hat„Four Iron in the soul“ ausgeliehen! Bitte zurückgeben - danke.) Ich weiß gar nicht, ob pro!golf im Handel erhältlich ist, aber ich bin sicher, Euer Pro leiht es Euch und freut sich, wenn Ihr ihm erzählt, was da drin steht. (Hey Uwe, Du hast die silberne Nadel bekommen - Gratulation!)
Golfin
ist die andere Golfzeitschrift, (die ich vorsichtig erwähnen möchte, da eine von mir kürzlich auf meine humorvolle Weise hofierte Publikation etwas verstimmt reagierte) .
Das mir vorliegende Heft konnte ich erst dieser Tage in Ruhe lesen. Gefällt mir! Frisch, ohne um jeden Preis spektakulär sein zu wollen. Artikel, die nicht aus dem amerikanischen Muttermagazin gemüllt werden. Themen, die mich interessieren, werden in einer gewissen Breite und Tiefe dargeboten, z. B. der Fitting Artikel, wobei McFaddens Kompetenz nichts daran ändert, dass die Bedienung in der dortigen Gastronomie als ausgesprochen muffig gilt, was mir meine Schwester nach ihrem Wochenende ebendort in den heiligen Hallen zu Jakobsberg mal wieder bestätigt hat. Aber: „Sind wir nicht alle irgendwie Gummibärchen?“ fragt der Philosoph. Und schließlich habe ich meine Schwester gewarnt, nach dem, was eine Gruppe Winneröder erzählte, die dort am eigenen Leib erfuhren, dass es daheim doch am Schönsten ist. Vermutlich habe ich an Golfin auch deshalb einen Narren gefressen, weil sich Chefredakteur Markus Schneider in einem Artikel auch mit dem
Spicy-Putter befasst hat, was eine Intelligenz signalisiert, die einem Golfredakteur nicht grundsätzlich unterstellt werden kann. Außerdem mag ich es, wenn jemand Geschichten schreibt, über Dinge, die ihn interessieren.
Ich habe die Sommerreifen aufs Rad aufziehen lassen und werde radeln, bis der Ölpreis fällt. In diesem Sinne wünsche ich Euch/Ihnen noch ein paar schöne atombombenfreie Sommertage.

Der einsame Golfer in der Wüste.

* Küstenbahnen (Links) sind seit jeher im Juli vertrocknet, was den Amatuer lehrt “ehrlich von oben in den Ball zu schlagen” anstatt die Erbse vom grünen Teppich zu löffeln. Vertrocknete Bahnen sind hierzulande ein Makel, aber ich mag es, wenn ich auf der 4. Bahn in Winnerod (Par 5) einmal im Jahr mit dem 2. Schlag (Eisen 8) hinter dem Grün liege. Ansonsten war in Winnerod abgesehen vom Regenmangel ein Wasserrohr defekt.