Dieser Winter ist wahrlich lang gewesen

Gerade entdecke ich ein dickes Spinnwebdreieck, das zwischen meinem Spicy-Putter und einem Bein meines japanischen Hochzeitsschrankes klebt. Natürlich war ich an den drei Tagen, an denen man in den letzten vier Monaten spielen konnte, draußen. (Siehe auch: „Drei Bekloppte im Nebel“). Aber an diesen Tagen konnte ich, drei Schläger im Moonbag, gerade mal neun Loch spielen, bevor mich Schnee, Wind oder Regen vom Platz vertrieben. Zudem leben wir GolferInnen jetzt auch noch ständig in der Gefahr, dass uns eine vergrippte Ente an den Kopf knallt.
Es ist rechtlich noch nicht ganz abgesichert, aber es wird gemunkelt, dass die Inhaber eines DGV–Ausweises mit dem neuen Paria-Signet „eS“ bei einem Close Encounter mit jedwedem Federvieh sofort gekeult werden dürfen, während reguläre DGV-Mitglieder erst mal in Quarantäne gehalten werden, bis ein Befund vorliegt.
Meine frühere Warnung an dieser Stelle, die Schwachstelle im Bollwerk unserer Vogelgrippeschutzstrategien endlich ernsthaft anzugehen und alle Fernostgolfer in türkische Gefängnisse zu kasernieren, ist leider auf taube Ohren gestoßen. Wie auch immer.
Heute ist der erste Tag, an dem wir 18 Loch spielen. Auf Anordnung der Betreibergesellschaft (Antrag beim Regierungspräsidium) herrscht Vogelflugverbot, damit wir GolferInnen unserem Sport endlich mal wieder nachgehen können, ohne Gefahr laufen zu müssen, wegen der Verwechslung eines DGV-Ausweises gekeult zu werden.
Im Pro Shop herrscht Getümmel. Neue Putter gehen von Hand zu Hand. Die Mannschaftscracks überlegen, ob sie vom 2-Ball auf den 3-Ball umsteigen.
“Wie ist das Gefühl?“
„Eigentlich gleich vertraut, nur unten etwas länger, so von der Optik her.“
„Wie bei einer Penisverlängerung“, sinniere ich. „Man hält das vertraute Stück, es fühlt sich gleich an, aber irgendwie ist es länger.“
„Hmm, stimmt!“ Alle nicken zustimmend.
Eine Dame schaut irritiert aus der Schuhecke herüber.
Die Sonne kommt heraus (in echt!) und binnen Minuten rasen die Golfer wie die Karnickel aus den Löchern - die Driving Range ist rappelvoll. Wer auf sich hält, hat seine drei neuen Driver dabei oder das gleiche Modell mit zwei bis drei Schäften, optimal auf verschiedene Bereiche von Luftdruck und Luftfeuchtigkeit abgestimmt. Es wird gekloppt, bis die Sehnen knirschen.
Angebräunte Nestflüchter, die von ihrer geilen Zeit irgendwo in Thailand erzählen wollen, werden unerbittlich in ihre Caddy-Box gesperrt: Quarantäne.
Sportliche Golfer mit Spoiler am sonnenverglasten Dachschaden fahren den neuen Hubraum ins Rampenlicht der Frühlingssonne: Schnäppchen bei BMW. Für ein Jahr geleast, bis der neue Jeep herauskommt. Über 500 PS. Geiles Gefühl. In fünf Sekunden auf Hundert und in zehn Sekunden im Himmel – so oder so. Macht wegen der Sperre nur 270 Sachen. Die Sperre kriegt man bis 320 auf, wenn man das Training auf dem Nürburgring gemacht hat. Na ja OK, man muss jeden Tag tanken…
Offensichtlich hat jeder eine neues Auto.
Ich habe nur eine neue Lichtmaschine, in meinem alten MÓNDEO Ghia Diesel Kombi.
„Mit 180.000 ist der gerade erst eingefahren“, meinte der Werkstattmeister.
Trotzig nicke ich zu den Jungs rüber, lasse meine 90 PS aufheulen und dieses Auto, das so gut zu meinem Schwung passt, rollt langsam gen Abendsonne.