Für die Freiheit der Gänse …oder “Der Lange Arm der Chinesen”

Die Herbstsonne wirft lange Schatten. Jetzt ist die Zeit gekommen, die wenigen warmen Stunden unter blauem Himmel zu genießen. Genau das hat ein rüstiger Senior vor, der seinen Lebensherbst unter dem strahlenden Blinzeln der ewigen Lampe zum Exzess ausreizt. Er spielt mit zwei Bällen, und er spielt sie in faszinierender Regelmäßigkeit Zickzack.
In exakt 90 Grad Winkel treibt er die beiden Kugeln jeweils nach recht und nach links. Dieses Rombenzickzack könnte keine Singermaschine besser nähen.
Fasziniert schaue ich mir das sechs Bahnen lang von hinten an. Was bleibt mir auch anders übrig. Der Mann schaut nicht zurück. Er ist beschäftigt, auf diesem großen, weiten, leeren Platz. Ich habe mir fest vorgenommen, nicht mehr über langsames Spiel zu meckern. Ich mache Chi Gong Übungen, ich versuche mich zu Erden, ich genieße die Sonne bis ich merke, dass sie mit gewaltigen Schritten gen Feierabend rutscht. Doch das ficht meinen Vorausspieler nicht an.
Ein wetterfester Bursche, denke ich mir. Vermutlich vormals höherer Beamter, der frischen Wind von jedweder Seite zu ignorieren gelernt hat und in lebenslanger Praxis die Standfestigkeit entwickelte, Druck, Eile und rasche Bewegung tunlichst zu vermeiden.
Diese Leute, gesegnet mit den angemessenen Pensionen für höhere Beamte, werden alt, sehr alt, denn sie werden nicht, wie der gemeine Pöbel, der sich dereinst in ihren Fluren quälte, von Kürzungen, Abgaben und den anderen Opfern gepeinigt, die wir jetzt “gemeinsam solidarisch schultern müssen”, um die Fehlentscheidungen von 50 Jahren Bundespolitik jedweder Couleur auszubaden. Jene Politik, die unter Anderem deshalb nie in die Pötte kam, weil das gesamte System von chinesischen Mandarinen beherrscht wird, die über Jahrzehnte hinweg, in faszinierender Gleichmäßigkeit, einen pragmatischen Zickzackkurs mit zwei Bällen spielen und sich einen Teufel darum scheren, wer von hinten kommt und den Wunsch hat, die Runde seines Lebens vor Sonnenuntergang zu beenden.
Szenenwechsel: Der exklusive Kreis der Golfjournalisten ist eine geschlossene Gesellschaft, die untereinander zwar manche Rechtsstreitigkeit austrägt, aber gemeinsam schaut, dass kein Außenstehender den Finger in den Honorartopf steckt. Deshalb freut es mich besonders, dass Kern und Kerns Golfwelt, deren Klientel ich mir nicht zuletzt im Kapitel „Prominententräume“ deftig zur Brust nehme, offensichtlich den Humor hat, mein Buch vorzustellen.
Ansonsten gibt es von mir keine Texte in Golfzeitschriften oder Beilagen, um auf die Frage von Leserin Sonja P. aus D. zu antworten, es sei denn, Sie wohnen in Südafrika. Von dort hat das deutschsprachige Magazin KAPSTADT kürzlich um Texte angefragt.
Was solls. Lassen wir das Volk mit den Füßen abstimmen. „Der Weg der weißen Kugel“ liegt in großen Buchhandlungen in großen Stapeln in bester Lage als „Tipp der Woche nicht nur für Golfer” – bereit, und es wird zugegriffen, wie die Zahlen zeigen. Das ist meines Wissen einmalig für ein “Golfbuch” in Deutschland, und da das sonst keiner schreibt, mache ich es.

Jetzt scheint wieder die Sonne. Ich werde einen Teufel tun und zum Golfplatz fahren. Die Plätze sind blockiert von Menschen, die solidarisch die Freiheit der Gänse durch aktives Golfspiel unterstützen. Jene Gänse, die seit Wochen eingesperrt sind und jetzt, zum Martinsgans-Turnier, einen leicht angetrockneten, aber ehrenvollen Frieden auf dem angewärmten Teller finden, neben zwei Klößen und einem Schlag Rotkraut. Lieber tot als Vogelgrippe, denkt sich die Gans, und ihr Fresser kann dem nur wohlwollend zustimmen.
Diese Haltung erinnert mich an die weltweite Wirtschaftskraft, die Mensch und Material nach China schickt, um in einem totalitären Staat, der nach wie aktiv Folter, Konzentrationslager und Genozid betreibt, beim großen Sprung nach Vorne dabei zu sein, den man nicht verpassen darf, und wenn es den eigenen Kopf kostet.
Wie rutschig das Glatteis ist, das uns die der Chinesen bereiten, sehen wir auf den Grüns von Schanghai, wo die Weltelite der Golfer den Chinesen die Ehre gibt. Sportler und Wirtschaftsbosse sind nun mal unpolitisch, sonst hätte Hitler keine Olympiade gehabt und auch kein Geld für seine Kriege.